Die Geilheit.

By Johann Justus Ebeling

Siren! die du eitle Jugend,

Von der Bahn der reinen Tugend

Auf den Weg der Laster ziehst,

Um die falschen Zauberinnen,

Die Lokvögel ihrer Sinnen,

Schmeichelhaft dich stets bemühst,

Dich will ich den Junggesellen,

Und den Dirnen jezt vorstellen.

Jeder wird dich leichtlich kennen,

Wenn wir dich mit Nahmen nennen,

Wollust, Geilheit, Uppigkeit,

Dich besingen die Poeten,

Mit den eitlen Zauber-Flöten,

Die der Venus eingeweiht:

Aber ich will dich besingen,

Deine Laster zu verdringen.

Du verführst die eitlen Seelen,

Die den glatten Pfad erwählen,

Und berauschst mit deinen Gift,

Alle die auf falsches Winken,

Deinen Taumelkelch austrinken,

Wie uns die Vernunft und Schrift;

Wie uns die Erfahrung zeigen,

Der die ächte Wahrheit eigen.

Gott hat die Geschlechtes-Liebe,

Als der Keuschheit reine Triebe

Menschen weislich eingeprägt;

Diese reinen Leidenschaften,

Die in Blut und Körper haften,

Sind wenn man sie jezt erwegt

Leider! wie die andren alle,

Ganz verdorben bei dem Falle.

Sie sind gleich dem wilden Feuer,

Gleich auch einem Ungeheuer,

Das ganz wütend um sich brennt;

Das mit kollernden Geblüte

Mit verblendeten Gemüte

Ungesäumet dahin rennt,

Wo die Pfüzen voller Wehen,

Jhrer Neigung offen stehen.

Wer es nicht beizeiten stillet,

Wenn es nach der Kühlung brüllet,

Wird von Wollust leicht bestrikt;

Wer des Fleisches Lüste heget,

Nicht in Zaum und Zügel leget

Wird gar leichtlich fortgerükt,

Durch die unsichtbahren Schlingen,

Die zulezt zum Abgrund bringen.

Ach! wie viele sind betrogen,

In der Wollust Garn gezogen

Die die Triebe nicht regiert,

Die als Opfer zwar bekränzet,

Durch das Strik das herrlich glänzet,

Zu der Schlachtbank fortgeführt,

Wo sie lachend Geist und Leben

Dem Verderben übergeben.

Ach! wie viele sind vorhanden,

Die an diesen Klippen stranden,

Und ihr Wollfahrts Schiff zerstöhrt,

Da sie zu den Zauber Tönen,

Dieser seufzenden Sirenen

Ein verführend Ohr gekehrt,

Da sie meinten in den Gründen,

Jenes Paradies zufinden.

Seht ihr Jungen! die Exempel

Derer, die im Wollust-Tempel

Die verbotne Frucht gesucht,

Die wie Honig süsse schmeket:

Aber Bitterkeit erwekket,

Den sie drauf zu spät verflucht;

Weil darinnen Stachel schwimmen,

Die im Bauch hernachmahls grimmen.

Geilheit lokket zum Verderben,

Macht daß Leib und Seel ersterben,

Sie zerrüttet das Gemüt,

Macht die Sinnen stumpf und blöde,

Machts Gehirn auch wüst und öde,

Sie verdirbet das Geblüt

Wie uns viele Alten sagen,

Die mit Zittern es beklagen.

Geilheit zehrt die Lebens-Geister,

Und wo sie ist Obermeister,

Nimmt sie alle Krafft dahin,

Und zerfrist den Mark in Beinen,

Obgleich vielo thörigt meinen,

Daß sie schärfte Wiz und Sinn;

Sie ist wie ein Gifft gefärlich,

Geist und Körper sehr beschwerlich.

Geilheit schöpft die Lebens-Säffte,

Und verkürzt die Leibes-Kräffe,

Und ihr Schlam verdirbts Geblüt,

Das in denen Adern schleichet,

Wenn sie uns das Herz erweichet;

Sie verkehret das Gemüth,

Das auch auf das Wollergehen,

Jhres Körpers hat zu sehen.

Geilheit lähmt die Spannungs-Sehnen,

Wie mit einen Mund erwehnen,

Die des Leibes-Bau verstehn;

Wenn die Nerven sind geschwächet,

Wird die böse Lust gerächet,

Durch die mannigfaltgen Wehn,

Die des Fleisches Uppigkeiten,

Selbsten sich zur Straff bereiten.

Krampf und Schwindel sind die Früchte,

Der verbotenen Gerichte,

Die daraus hernach entstehn;

Auf der Wollust schandbahr Scherzen

Folgen Lähmung, Gicht und Schmerzen

Wie im Beispiel offt zu sehn:

Und was noch vor Wollustplagen,

Die recht schandbahr sind zu sagen.

Die dem liederlichen Leben

Schnöder Wollust, sich ergeben

Fühlen öffters viel zu spät,

Daß die Keuschheit stark erhalte,

Geilheit das Geblüt erkalte;

Dessen Feuerkrafft vergeht,

Wenn die Maden sich ausbrüten,

Und im faulen Fleische wüten.

Wo die Geilheit erst regieret,

Das Gedeien sich verliehret,

Und bei Venus, Bachus ist,

Wird das Erbtheil bald verschlungen,

Das ganz süsse auf der Zungen

In verwöhnten Magen fließt:

Da die Armut eh mans meinet,

Nakt und elend hier erscheinet.

Die in wilder Brunst auslauffen,

Pflegen alles zuverkauffen,

Um die Lust die Fleisch und Blut

Durchs verkehrte Blendglas siehet,

Das denn auch die Lust anglühet,

Die als eine rege Glut

Heiß ja brennend zu benennen,

Wie man sieht am geilen Rennen.

Geilheit bringet zum Verderben, Und Die Geilheit.

Und läst denen Elend erben,

Die den Sinn der Uppigkeit

Und den schnöden Wollust-Sünden,

Die sich noch damit verbinden,

Bei der Lustseuch eingeweiht.

Aller Glüksstand geht verlohren,

Wenn derselben Bahn erkohren.

Wer will solche Frucht geniessen,

Woraus Todt und Hölle spriessen,

Die den Sodoms Aepfeln gleich,

Die von aussen herrlich prahlen,

Und nur an den gelben Schalen

Von der falschen Anmuth reich!

Die von aussen lieblich laben,

Doch inwendig Asche haben?

Die dieselben sich erwählen,

Schaden ihrer armen Seelen,

Stürzen sie in bange Noth,

Und verlezzen das Gewissen,

Werden dadurch weggerissen,

Von den allerheilgen

Der die Geilen muß verdammen,

Zu dem ewigen Feuers-Flammen.

Sclaven die der Wollust fröhnen,

Die verachten und verhöhnen,

Der die Keuschheit uns befohlen

Der da will das wir die Kohlen

Einer geilen Liebes-Gut,

Durch Gebet, durch Wachen, Kämpfen

Unermüdet sollen dämpfen.

Sie beflekken das Gewissen,

Das mit Schmerzensvollen Bissen,

Tag und Nacht die Geilen plagt,

Daß mit banger Angst den scheuchet,

Der nach schnöder Wollust krichet,

Die das böse Fleisch behagt;

Das auch mitten im Ergözen,

Kan das Herz in Unruh sezen.

Folgen die erschreklich quälen!

Furcht und Unruh kann nicht fehlen,

Wo das Herz die Wollust liebt;

Wo die Furcht der Kerkermeister,

Der verdammten Höllen-Geister,

Seine strenge Herrschafft übt,

Sind die Furien zugegen,

Die den Geist auf Foltern legen.

Dieses Heer von Schrekkens-Teuffeln

Bringet ofte zum Verzweiffeln,

Als der Bosheit höchsten Grad;

Da sehn die in Wollust schmauchen,

Jhre Marter-Hölle rauchen,

Und gedenken, daß zu spat,

Sich aus den verfluchten Ketten

Schnöder Geilheit zu erretten.

Wer in Wollusts-Flammen brennet,

Auf den Höllenschlund zu rennet,

Fället auch zulezt hinein;

Wo des Teuffels Rottgesellen,

In dem Marterloch der Höllen

Fühlen eine ewge Pein,

Da ein Feuer das ewig glimmet,

Vor dem Wollust-Brand bestimmet.

Seht! ihr geilen Wollust-Kinder

Sehet ihr verruchten Sünder

Mit des Geistes regen Blik,

Wo euch wenn die Zeit sich endet,

Eure Uppigkeit hinsendet:

Eilet, kehret gleich zurük,

Auf der Wollust Bahn sind Schlingen,

Die euch in die Hölle bringen.

Lernet das die eitlen Rosen

Die euch auf den Pfad liebkosen

Den die Geilheit hat bestreut,

Einen Abgrund nur bedekken

Und den Höllenweg verstekken,

Der, da ihr euch blindlings freut,

Zu den Finsternissen leitet,

Wo euch ewge Qual bereitet.

Kehret um in Gnaden Zeiten,

Höret die Bußglokken leuten

Und verfluchet eure Lust,

Da ihr bei den geilen Possen,

Sodomsfrüchte habt genossen;

Schlagt mit Reue an die Brust,

Waschet euch von euren Sünden,

So könt ihr noch Gnade finden.

Seelen! die die Unschuld schüzzet,

Die nicht durch den Trieb erhizzet,

Der die Herzen feurig macht,

Nehmt die reine Lilijen-Krone,

Die die Keuschheit trägt zum Lohne,

Als den besten Schmuk in acht;

Jhr steht auf den Scheidewege,

Meidet alle Lasterstege.

Tugend will euch lieblich krönen,

Flieht das Lokspiel der Sirenen

Das mit falschen Klang betriegt.

Da ist nur ein schön Gemüthe,

Wo der Jugend frischen Blüte,

Unbeflekt und unbefiegt;

Wer den schnöden Lastern fröhnet,

Kämpft nicht, und wird nicht gekrönet.

Tugend winkt, die Laster lokken,

Stellen viele eitle Tokken

Jm gepuzten Glanze vor;

Wer der Tugend Reitzung fliehet,

Sich um falschen Schein bemühet,

Handelt blindlings als ein Thor,

Sieht, daß er zulezt betrogen,

Wenn der eitle Schein entflogen.

Tugend-Weg bringt wahre Freude,

Lasterpfad zeigt eine Weide,

Wo ein wilder Honig fleußt:

Wer auf Tugend-Wegen ringet,

Sieht das es ihm wohl gelinget;

Wer dagegen das geneust,

Was die Geilheit aufgetischet,

Schmekt daß es mit Gift vermischet.

Alle diese Lokkungsspeisen,

Die die Laster euch anpreisen,

Nähren nur die Sinnligkeit,

Was sie als ein Eden rühmen,

Lieblich schmükken und beblühmen,

Mit Lokbeeren überstreut,

Ist wenn wir es recht besehen

Eine Au wo Thiere gehen.

Wolt ihr diese Auen fliehen,

So müßt ihr euch stets bemühen

Auf dem rechten Pfad zu gehn;

Wer sich nicht will darauf weiden,

Muß von diesen falschen Freuden,

Sein sonst lüsternd Aug abdrehn,

Und dagegen stets erwegen,

Was die Keuschheit bringt vor Seegen.

Augen sind die offnen Thüren,

Jhre Blikke die verführen,

Einem, der dem Simson gleicht,

Wer da meinet fest zu stehen,

Will den Weg der schlüpfrich gehen,

Wird gar bald zum Fall gebeugt;

Da er gleich darnieder lieget,

Und im Falle schon besieget.

Welcher sich nicht will verbrennen,

Muß nicht nah zum Feuer rennen:

Meide die Gelegenheit,

Jüngling! die du zu bedenken;

Wirst du dich zu solcher lenken,

Bist du von dem Fall nicht weit:

Denn wo Stroh und Feuer zusammen,

Da entstehen leichtlich Flammen.

Müßigang in Ueberflusse,

Der verführt auch zum Genusse,

Den die Wollust sich erzielt,

Wer also in Faulheit lieget,

Sich an Speiß und Trank vergnüget,

Seinen Durst mit Wein abkühlt,

Wird gar leicht dazu verführet,

Daß er seinen Kranz verliehret.

Böse Lust die wohnt im Herzen,

Die leicht zum verbotnen Scherzen,

Den verdorbnen Sinn bewegt:

Darum muß man beten, ringen,

Jhre Reizungen bezwingen,

Wenn sie sich im Fleische regt,

Und wie die Apostel sagen,

Fleisch und Blut ans Kreuze schlagen.

Schauet auf des Heilands Leiden,

Wenn das Fleisch sich denkt zu weiden,

In versagter Uppigkeit:

Wenn die Andacht sich vergnüget,

An dem, der in Blute lieget,

Wird das Herze bald befreit,

Bei Betrachtung seiner Dornen,

Von der Wollust scharffen Spornen.

Denket endlich auf das Ende,

Da man die entfärbten Hände,

In dem Todes-Schweisse ringt;

Was alsdenn ein geiles Leben,

Wenn wir unsern Geist aufgeben,

Vor betrübte Folgen bringt:

So werd ihr der Geilheit Strassen,

Die zur Hölle führn, verlassen.