Die Grazien
By Heinrich Wilhelm von Gerstenberg
Written 1780-01-01 - 1780-01-01
So ängstlich bebt auf Cremonesersaiten
Der zärtste Silberton.
Aglaja! – rief der Silberton.
Aglaja! – half der Nachhall sanft verbreiten.
Umsonst, Aglaja war entflohn.
„Ach, Pan schlich längst ihr nach! der Frevler hat sie schon!
Ach, Acidalia! blick her von deinem Thron!
Soll sie nach langen Ewigkeiten
Nur itzt nicht länger uns begleiten?
Zwo Grazien sind aller Welt zum Hohn,
Und ach! die dritte hat er schon! –“
So klagten sie. Umsonst! Aglaja war entflohn.
Denn stellten sie sich gleich, den Räuber auszuspähen,
So zitterten sie doch für Furcht, ihn nur zu sehen.
Itzt bog ich schlau an ihrem Hals mich langsam über,
Und stahl ihr schnell ein Mäulchen ab;
Itzt bog sie unvermerkt den Hals zu mir herüber,
Und jedes nahm den Kuß auf halben Weg sich ab,
Den jedes nahm und jedes gab.
Was! rief ich, lose Räuberinnen!
Wie sollte sie Aglaja seyn?
Ihr irrt euch sehr, ihr Huldgöttinnen!
Für Grazien ist das nicht fein!
Gebt Chloen mir zurück! Betrogne, sie ist mein!
Warum willst du zu Chloen eilen?
Beglückter Sterblicher, Aglaja liebet dich.
Küß itzt einmal statt Chloen mich;
Wünsch nicht dein Mädchen zu ereilen:
Ich, eine Göttinn, liebe dich.
Auf ihren Wangen sprach Entzücken,
Und Jugend und Gefühl aus den verschämten Blicken.
O Chloe, meine Lust, mein Glück! –
Gebt meine Chloe mir zurück!
Ist dieß Aglajens Mund und Blick?
Da! nehmt die Huldgöttinn zurück.