Die heilige Kümmernis

By Detlev von Liliencron

Written 1876-01-01 - 1876-01-01

An einem breiten Wege

Stand eine Statue;

Das Volk ging dran vorüber

Im Sommer und im Schnee.

Es hing ein schönes Mädchen

An steilem Kreuze da,

Sie ließ die Stirne sinken,

Misericordia.

Und blickt unendlich traurig;

Es lag der Erde Leid

Auf ihrem Antlitz nieder,

Da lag es ohne Neid.

Sie trägt die Fürstenkrone,

Ein prächtiges Gewand;

Mit Steinen und mit Ringen

Ist ihr geschmückt die Hand.

Zu ihren Füßen stellt sich

Ein junger Fant und kniet,

Und spielt auf seiner Geige

Ein letztes Abschiedslied.

Sie warf ihm hin zum Danke

Den einen goldnen Schuh;

Dann stockt ihr Leben wieder,

Sie schloß die Augen zu.

Das Volk geht dran vorüber,

Empfindet Ruck und Riß,

Und spricht halblaut und zitternd:

Die heilige Kümmernis.