Die Hemerocallis oder Lilie von Calvarien Bey Absterben Hn. J. H. D. z. E. jüngs...

By Heinrich Mühlpfort

Seh' ich dich auff die Schädel-stäte

Du zartes Kind schon hingelegt

Und wie dein Tauff- und Leich

Fast einerley Bedeutung trägt!

Das Wester-Hembde war ein Zeichen

Daß du numehr von Sünden rein;

Die letzte Kleidung deiner Leichen

Wird auch ein gleicher Zeuge seyn.

So muß ich dich vor Lilgen halten

Die auff den Schädel-stäten stehn

In einem Tage blühn und alten

Und mit der Sonnen untergehn:

Jhr’ Anmuth straalt im höchsten prangen

Wenn früh’ der göldne Tag erwacht;

Und Schmuck und Blume sind vergangen

So bäld sich bräunt die schwartze Nacht.

Doch wie die schönen Farben mahlen

Der edlen Blumen Treffligkeit

So fünckelt mit nicht mindern Stralen

Verblastes Kind dein Sterbe-Kleid;

Die Lilgen sind erst Weis zuschauen

Du auch nachdem das heil’ge Bad

Mit dem gesegneten Bethauen

Von Sünden dich gewaschen hat.

Da bist du schon ein Mit-Glied worden

Des Heilands der dich hertzlich liebt

Und vor des Teuffels List und Morden

Sein Erbtheil dir den Himmel giebt

Ja dich zu GOttes Tempel machet

Ins Buch des Lebens schreibet ein

Daß wenn gleich Erd’ und Himmel krachet

Du kanst des Himmels Erbin seyn.

Es gläntzen auch berühmt Lilgen

In einer rothen Purpur-Gluth.

Was konte deine Flecken tilgen

Als CHristus roth-vergoßnes Blut?

Durch diß bist du so rein gewaschen

Als wol ein unbetretner Schnee.

Diß führt dich nun der Leib ist Aschen

Auch zu der Licht-gestirnten Höh’.

Zuweilen lassen sich im Golde

Die Deutungs-volle Lilgen sehn.

Wer lebt und schwebt in GOttes Holde

Wie wol ist diesem doch geschehn!

Du zartes Kind GOtt wil dich läutern

Und machen wie ein Gold bewehrt

Daß wenn die Welt gleich geht zu scheitern

Dein Leib wird herrlich seyn verklährt.

Der Spanier nennt die Lilgen bitter;

Ach freylich nichts als Bitterkeit

Und Tage voller Ungewitter

Beschliessen unsre Lebens-Zeit.

Wer wünscht ihm nicht die Welt zu lassen

Den Kärcker aller Angst und Noth

Und dort in Salems Frieden-Gassen

Zu siegen über Zeit und Tod?

Es hat der Höchste mit den Seinen

Doch allzeit was besonders für.

O seelig wer mit solchen Kleinen

Eingehen kan zur Lebens-Thür!

Eh’ ihn die Welt noch mehr beschmitzet

Die sich in lauter Unflat wäscht

Und von dem Ehrgeitz angehitzet

Den Durst mit eignem Blute lescht.

Verblichnes Kind du reine Seele

Verbirg dich in dein Schlaf-Gemach!

Und ruh’ in deines Grabes-Höle!

Das Unglück so uns folget nach

Das wird dich weiter nicht berühren

Die Schädel-stäte sind befreyt

Denn JEsus wolte da vollführen

Das Werck der hohen Seeligkeit.

Betrübtste Eltern die versencket

Jetzt in die tieffste Wehmuth seyn

Bevorauß wenn ihr Hertz bedencket

Wie sie die Dritte büssen ein

Von ihren hochgeliebten Töchtern

Sie gönnen dieser auch die Ruh;

Indem sie Engel hat zu Wächtern

Und GOttes Finger deckt sie zu.

Ich mag nicht von Parnassus Höhen

Und Pindus-Hügeln Blumen streun.

Man lasse hin die Heyden gehen

Uns Christen kan es mehr erfreun

Wenn zu der heil’ gen Schädel-stäte

Wir in entflammter Andacht ziehn

Und als auff einem Blumen-Bette

Noch unsre Lilge sehen blühn.

Sie blüht den Blumen beygesetzet

So aus dem Garten eurer Eh’

Zu Himmels-Blumen werth geschätzet

Der Herrscher der gestirnten Höh’.

Sie ist verschwestert mit den Engeln

Und küsset jetzt das Heil der Welt.

Glückseelge Lilge die von Stengeln

In einen solchen Reiffthum fällt.