Die Hemerocallis oder Lilie von Calvarien Bey Absterben Hn. J. H. D. z. E. jüngs...
Seh' ich dich auff die Schädel-stäte
Du zartes Kind schon hingelegt
Und wie dein Tauff- und Leich
Fast einerley Bedeutung trägt!
Das Wester-Hembde war ein Zeichen
Daß du numehr von Sünden rein;
Die letzte Kleidung deiner Leichen
Wird auch ein gleicher Zeuge seyn.
So muß ich dich vor Lilgen halten
Die auff den Schädel-stäten stehn
In einem Tage blühn und alten
Und mit der Sonnen untergehn:
Jhr’ Anmuth straalt im höchsten prangen
Wenn früh’ der göldne Tag erwacht;
Und Schmuck und Blume sind vergangen
So bäld sich bräunt die schwartze Nacht.
Doch wie die schönen Farben mahlen
Der edlen Blumen Treffligkeit
So fünckelt mit nicht mindern Stralen
Verblastes Kind dein Sterbe-Kleid;
Die Lilgen sind erst Weis zuschauen
Du auch nachdem das heil’ge Bad
Mit dem gesegneten Bethauen
Von Sünden dich gewaschen hat.
Da bist du schon ein Mit-Glied worden
Des Heilands der dich hertzlich liebt
Und vor des Teuffels List und Morden
Sein Erbtheil dir den Himmel giebt
Ja dich zu GOttes Tempel machet
Ins Buch des Lebens schreibet ein
Daß wenn gleich Erd’ und Himmel krachet
Du kanst des Himmels Erbin seyn.
Es gläntzen auch berühmt Lilgen
In einer rothen Purpur-Gluth.
Was konte deine Flecken tilgen
Als CHristus roth-vergoßnes Blut?
Durch diß bist du so rein gewaschen
Als wol ein unbetretner Schnee.
Diß führt dich nun der Leib ist Aschen
Auch zu der Licht-gestirnten Höh’.
Zuweilen lassen sich im Golde
Die Deutungs-volle Lilgen sehn.
Wer lebt und schwebt in GOttes Holde
Wie wol ist diesem doch geschehn!
Du zartes Kind GOtt wil dich läutern
Und machen wie ein Gold bewehrt
Daß wenn die Welt gleich geht zu scheitern
Dein Leib wird herrlich seyn verklährt.
Der Spanier nennt die Lilgen bitter;
Ach freylich nichts als Bitterkeit
Und Tage voller Ungewitter
Beschliessen unsre Lebens-Zeit.
Wer wünscht ihm nicht die Welt zu lassen
Den Kärcker aller Angst und Noth
Und dort in Salems Frieden-Gassen
Zu siegen über Zeit und Tod?
Es hat der Höchste mit den Seinen
Doch allzeit was besonders für.
O seelig wer mit solchen Kleinen
Eingehen kan zur Lebens-Thür!
Eh’ ihn die Welt noch mehr beschmitzet
Die sich in lauter Unflat wäscht
Und von dem Ehrgeitz angehitzet
Den Durst mit eignem Blute lescht.
Verblichnes Kind du reine Seele
Verbirg dich in dein Schlaf-Gemach!
Und ruh’ in deines Grabes-Höle!
Das Unglück so uns folget nach
Das wird dich weiter nicht berühren
Die Schädel-stäte sind befreyt
Denn JEsus wolte da vollführen
Das Werck der hohen Seeligkeit.
Betrübtste Eltern die versencket
Jetzt in die tieffste Wehmuth seyn
Bevorauß wenn ihr Hertz bedencket
Wie sie die Dritte büssen ein
Von ihren hochgeliebten Töchtern
Sie gönnen dieser auch die Ruh;
Indem sie Engel hat zu Wächtern
Und GOttes Finger deckt sie zu.
Ich mag nicht von Parnassus Höhen
Und Pindus-Hügeln Blumen streun.
Man lasse hin die Heyden gehen
Uns Christen kan es mehr erfreun
Wenn zu der heil’ gen Schädel-stäte
Wir in entflammter Andacht ziehn
Und als auff einem Blumen-Bette
Noch unsre Lilge sehen blühn.
Sie blüht den Blumen beygesetzet
So aus dem Garten eurer Eh’
Zu Himmels-Blumen werth geschätzet
Der Herrscher der gestirnten Höh’.
Sie ist verschwestert mit den Engeln
Und küsset jetzt das Heil der Welt.
Glückseelge Lilge die von Stengeln
In einen solchen Reiffthum fällt.