Die Herrlichkeit der Lillien.

By Johann Justus Ebeling

Holde Lillie, schöne Blume!

Prange zu des Schöpfers Ruhme,

Der dein weises Unschuldskleid,

Mit so grosser Herrligkeit,

Wundernswürdig ausgeschmükket;

Wenn ich dich mit regen Sinn

Aller Blumen Königin!

Auf dem grünen Thron erblikket:

So deucht mir, es kan dein Funkeln,

Aller Fürsten Glanz verdunkeln.

Ja die Schrift das Buch der Warheit,

Rühmet deinen Glanz und Klarheit,

Und des Höchsten Lehrers Mund,

Macht uns deine Schönheit kund.

Unser Sinn wird überführet,

Daß der König Salomon,

Der auf einem güldnen Thron,

Mehr als Königlich gezieret,

Keine solche Pracht gewiesen,

Als uns wird an dir gepriesen.

Dieses Königliche Prangen

War mit manchen Schmuk behangen;

Salomonis Purpur-Kleid,

Schimmerte mit Herrlichkeit:

Und sein majestätisch Wesen,

Borgte Ansehn, Pracht und Schein,

Von so manchen Edelstein:

Alles war recht auserlesen,

Heitre Blizze, bunte Strahlen,

Könnten ihn recht herrlich mahlen.

Wie seid ihr, ihr Erdenkinder,

Salomonis Ueberwinder,

Uebertrift eur Attlaskleid,

Den bestrahlten Purpur weit?

Ja! wir müssen es gestehen,

Wer euch, wenn ihr blüht, beschaut,

Kan den, der euch auferbaut,

Und eur Meisterstük besehen:

Denn eur Schmuk ist auserlesen,

Und ein angebohrnes Wesen.

Eurer Blätter zart Gespinste,

Offenbahrt uns Wunderkünste;

Uebertrift noch den Attlas;

Wenn man durchs Vergrößrungs-Glaß

Jhre Zärtlichkeit besiehet,

Und die Faden dran erwegt,

Wie sie wunderbar gelegt;

Wie dadurch ein Lichtstrahl glühet:

So muß man gerührt erkennen,

Daß ihr herrlich seid zu nennen.

Man wird auf den glatten Flächen,

Wenn sich dran die Strahlen brechen,

Viele Kügelchen gewahr,

Die durchsichtig, schimmernd klar:

Wer dies sieht, der solte meinen,

Daß auf einem Lillien-Blat,

So viel als es Höhen hat,

So viel Edelsteine scheinen;

Und daß es mit Regenbogen,

Von dem Schöpfer überzogen.

Ja! von einem jedem Ende,

Wo ich mich hindreh und wende,

Blizt hervor ein solcher Schein,

Worin alle Farben seyn,

Die im Regenbogen strahlen:

Denn die Bläsgen sind gefüllt,

Und was darin nasses quillt,

Fliest darin als wie in Schalen,

Und kann durch der Sonnen Blikken,

Solche Pracht ins Auge schikken.

Weiser Schöpfer! Sonnen Sonne!

Warum hast du solche Wonne,

Solche Herrlichkeit und Pracht,

Für die Lillien ausgedacht?

Du hast sie so schön geschmükket,

Wie der tausendste kaum sieht,

Der wenn eine Lillie blüht,

Sie nur obenhin erblikket,

Möchten wir dein herrlich Wesen

Darin als im Spiegel lesen!

Pranget nicht mit eurem Kleide,

Menschen! wenn ihr Sammt und Seide,

Eurem Körper angelegt;

Weil ihr, wenn ihrs recht erwegt,

An der Lillien gleiches sehet,

Ja! sie ist noch mehr bekränzt,

Weil draus jede Farbe glänzt,

Ob sie morgen gleich vergehet:

Lernet daran eitle Seelen,

Für euch beßren Schmuk zu wählen.

Sucht ihr wollgeschmükte Tokken

Jedes Augen anzulokken,

Durch der Kleider äusre Zier;

So stellt euch die Lillien für,

Die den Vorzug schon gewonnen;

Und ihr weises Attlas-Kleid,

Angebohrner Herrlichkeit,

Ist viel feiner noch gesponnen,

Als der Zierath den ihr liebet,

Der euch Schmuk und Ansehn giebet.

Wer als Mensch sich will erheben,

Find im Tugenhaften Leben,

Seinen Sch

Wer der Tugend anverwandt,

Ist viel herrlicher zu schäzzen,

Als der, der des Schöpfers Bild,

In verbrämmte Dekken hüllt,

Und sich suchet zu ergözzen,

An dem Schmuk der eitlen Sachen,

Die doch keinen schöner machen.

Wolt ihr nicht den Lillien weichen,

Jhrer Schönheit Schmuk erreichen,

So seid stets darnach bemüht,

Wie ihr schwarze Laster flieht.

Diese weisse Unschuldsfarbe,

Die an ihrer Blätter Sammt,

Reinlich strahlt und lieblich flammt,

Lehrt euch: Flieht der Laster Narbe;

Wer der reinen Tugend fröhnet,

Ist mit Lillien Schmuk gekrönet.

Aeusre Schönheit, innre Güte,

Ist bey dieser Garten Blüte,

Auf das herrlichste vereint:

Wenn sie wie ein Silber scheint,

Das mit Edelstein behangen;

So kann unsre Nase auch,

Jhres Kelches süssen Rauch

Jhre Ausdünstung auffangen,

Die in das Gehirne fliegen,

Und die Seele selbst vergnügen.

Trachtet auch in eurer Jugend,

Daß bey eurer Schönheit, Tugend

Pracht und Nuz verschwistert sey;

So kommt ihr den Lillien bey.

Da ihr so in Ansehn blühet,

So wird eures Nahmens Ruhm,

Wenn die äusre Schönheits-Blum,

Endlich welkt von hinnen fliehet,

Dennoch unverlezt bestehen,

Und nicht leichte untergehen.