Die Herrlichkeit und Vergänglichkeit der Blumen.

By Johann Justus Ebeling

Theander ging einst hin zum Herrn

von Gartenlieb,

Traf ihn im Garten an, wo er auch

bey ihm blieb;

Wo sie mit gleicher Lust an Blumen

sich ergötzten,

Und ihrer Arten Pracht, nach ihrer Meinung schätzten.

Die bunt vermischte Meng, der Farben mannigfalt,

Verdoppelte das Schön von jeglicher Gestalt,

Weil sich die Mischungen so unterschiedner Arten,

Nach ihrer Augenschein, recht woll zusammen paar-

ten.

Die Beeten waren roth, grün, gelb und weis ver-

mahlt

Nachdem der Sonnenschein, der auf die Fläche

strahlt,

Und Licht und Farbe giebt, durch die gebrochnen Blicke,

Sich von der Blätter Rand ins Auge warf zurücke;

Wie wunderbahr scheint das, wie lieblich und wie

schön

Sprach Herr von Gartenlieb, so viele Farben sehn

Die ein bemerkend Aug bald hie bald dahin lenken,

Und durch Verwunderung in die Entzükkung senken.

Ich habe dieses offt, Theander schon bedacht,

Woher entstehet das, das solche Farben macht?

Ich habe sonst gemeint, daß in der Blumen Saffte,

Die Farbe eigentlich, wie ihre Nahrung haffte

Jüngst aber lösete ich eine gäntzlich auf,

Durchforschte auch mit Fleis derselben Röhr und

Knauf,

Das Keimchen war noch weis, des Stengels Feuch-

tigkeiten,

Die durch die Wurtzeln sich, bis zu der Spitze leiten,

Die waren fast wie Milch, mit Wasser untermischt,

Als ich sie ausgeprest und auf die Hand gewischt,

Es fand sich sichtbahrlich nichts von dergleichen Far-

ben,

Die Blumen gleicher Art in kurtzer Zeit erwarben.

Theander fing drauf an und zeigte wie das Licht,

Auf dunkle Flächen fällt und an denselben bricht.

Und in dem Augen sich mit solchen Farben stellet,

Nachdem der Körper ist davon es rückwerts prellet.

So unbegreiflich dies, zuerst den Sinnen scheint;

So schwerlich wird es doch durch die Vernunft ver-

neint:

Weil die Erfahrung selbst sich eine Zeugin nennet,

Daß wen kein Licht mehr scheint, man keine Farben

kennet.

Es ist doch wundervoll, daß jedes Blumen Blat,

Nach unsren Augenschein auch solche Farben hat,

Als dessen Stäubgen sind auf denen Oberflächen,

Denn darnach pfleget sich der Sonnenstrahl zu brechen:

Und wäre keine Sonn, so wär nichts durchgeflammt,

Weil davon überall der Farben Schönheit stammt,

Die unsre Augen reitzt so bald wir nur ihr Spielen,

Und dessen Lieblichkeit in dem Gemüthe fühlen.

Die Urquell aber ist der Vater alles Lichts,

Ohn dessen Gnadenschein wär Sonn und Farbe nichts

Der macht die Kreatur mit ihren Bildungszügen,

Daß wir an ihren Schein, so Aug als Hertz ver-

gnügen.

So fuhr Theander fort, kan uns der Sonnenschein,

Mit solcher Farben Glantz auf dieser Welt erfreun,

Was wird man nicht vergnügt, in jenen seelgen

Auen

Da

schauen.

Ja! sprach von Gartenlieb, der Blumen Herrlig-

keit,

Die uns des Schöpfers Gunst zur Frühlings Lust

anbeut,

Ergötzt mein Auge stets; und kömt das von der

Sonne,

So bin ich fast entzükt, ob deren güldne Wonne!

Was wirkt doch die Natur, wovor die Kunst er-

bleicht,

Kein Mahler hat jemahls der Blumen Schmuk er-

reicht.

Kein König kann sich so, nähm er gleich Samt und

Seiden,

Bey seiner Herrligkeit, wie

den.

Die africansche Blum, ist wie der Purpur schön;

Und vor der Liljen Schmuk, kan kein Attlas bestehn:

Der allerschönste Samt, muß vor den Tulven weichen,

Mit ihren Kunstgeweb ist kein Gespinst zu gleichen;

Kein ausgebrämtes Kleid, das Gold und Perlen

schmükt

Mit Seiden durchgewirkt, mit Silber ausgestikt,

Komt gegen eine Blum, vom Morgenschein vergüldet,

Worauf der nasse Thau, die reinsten Perlen bildet!

Drum was nur kostbar heist, von Schönheit, Glantz

und Zier,

Das komt fast aufeinmahl an einer Blume für,

Denn auf der Kreatur die Feld und Garten heget,

Ist uns der schönste Schmuk gleichsam zum Schau

geleget.

Doch das ist jammervoll, daß diese bunte Pracht,

Indem sie uns anheut, im besten Flor anlacht,

Schon Morgen wiederum zu unsren Schmertz und

Leiden,

Muß bleich und welk verstäubt und sterbend von uns

scheiden.

Ach! warum hat doch woll, des grossen Schöpfers

Hand,

Solch ungemeine Kunst, auf kurtze Daur verwand;

Ists nicht bedaurens werth, daß man so schöne Gaben,

Zu unsrer Augenlust nicht kan viel länger haben?

Theander fing drauf an: So spricht die Menschligkeit,

Die das nicht gern verliert, worüber sie sich freut:

Gott hat hier Herrligkeit und Nichtigseyn verbunden,

Was heute uns entzückt, ist Morgen schon verschwun-

den.

Mir deucht des Schöpfers Rath, der allmahl weise

heist,

Hat wen er unsern Sin, mit solchen Lüsten speist,

Uns dadurch klar gelehrt, wie irdisches Vergnügen,

Gar leicht durch ihren Schein, könn unser Hertz be-

siegen.

Er giebt was uns vergnügt, dem Sinnen wohl gefällt,

Er zeigt uns seine Güt, an Dingen dieser Welt:

Doch daß wir nicht zu sehr, ins Eitle uns verlieben,

Läst er der Blumen Schmuk, bald wiederum verstieben.

Jhr blühen rufft uns zu:

Was an uns die Natur, zu euter Lust gethan,

Doch weil ihr euch zu sehr, an uns vergaf-

fen könnet,

Mehr gegen das Geschöpf; als ihren Schöp- fer brenent;

So müssen wir so bald, uns eurem Blik ent- ziehn,

Mit unsrer Horrligkeit, von euren Schauplatz fliehn.

Damit ihr, wenn der Sin durch unsern Glantz erquikket,

Jhr eur Gemüthe auch, zum Schöpfer selbst entzükker.