Die Irrlichter

By Christian Morgenstern

Written 1892-01-01 - 1892-01-01

Ein Irrlicht, schwebt ich heut im Traume

auf einem weiten, düstren Sumpfe,

und um mich der Gespielen Reigen

in wunderlich geschlungnen Kränzen.

Wir sangen traurig-süße Lieder

mit leisen, feinen Geisterstimmen,

viel feiner als die lauten Grillen,

die fern im Korn eintönig sangen.

Wir sangen, wie das harte Schicksal

uns wehre, daß wir Menschen würden:

So oft schon waren wir erschienen,

wo sich zwei Liebende vereinten,

doch immer, ach, war schon ein andres

Irr-Seelchen uns zuvorgekommen,

und seufzend hatten wir von neuem

zurück gemußt zum dunklen Sumpfe.

So sangen wir von unsern Leiden –

als uns mit einem Mal Entsetzen

in wirren Läufen huschen machte.

Ein Mensch entsprang dem nahen Walde

und lief verzweifelten Gebarens

gerade auf uns zu –: Der Boden

schlug schwankend, eine schwere Woge,

dem Armen überm Haupt zusammen.

Verstummt zu zitterndem Geflüster

umschwirrten wir die grause Stelle ...

Bald aber sangen wir von neuem

die alten traurig-süßen Lieder.