Die Johannis-Beere.

By Barthold Heinrich Brockes

Die liebliche Johannis-Beer

Bewegt mich jetzt, zu GOttes Ehr,

Ein neues Liedchen anzustimmen.

Ich seh’ sie durch der Blätter Grün,

Gleich einem funckelnden Rubin,

In rohtem Schimmer gläntzend glühn,

In rothem Licht und Feuer glimmen.

Wenn man zuerst die gelblich grüne Blüth’,

Wie zierlich sie gebildet, sieht;

Ergetzet sich mit Recht ein Menschliches Gemüth.

Indem die spielende Natur

Sie mit der zierlichsten Figur

Und sanften Farben ausgeschmücket:

Allein was wird gar bald an ihr erblicket?

Ein jedes Blümchen dehnet sich

Am Stengel in vollkommner Ründe,

Und zeiget recht verwunderlich

Ein Kügelchen, so ich erst grünlich finde;

Doch wird nicht lang’ hernach aus diesem Grünen

Das allerschönste Roth. Man sieht es, wie Carbunckeln,

Durchsichtig gläntzen, glühn und funckeln.

Man ründe funckelnde Rubinen,

Mit allen Fleiß, mit aller Kunst und Müh,

Man schleiffe, man poliere sie,

Und sehe denn, ob man in ihnen

An Ründe mehr Vollkommenheit,

An Röth’ und Glut mehr Glantz und Lieblichkeit,

Als an der funckelnden Johannis-Beer,

Zu ihrer und zu unsers Schöpfers Ehr,

Ersehn und finden kann?

Zumahl sie all an kleinen Stangen,

In andrer Ordnung noch, als wie die Trauben, hangen.

Ja, was noch mehr, man trift in ihnen an

An Farben, und Geschmack von süsser Säurlichkeit

Solch einen grossen Unterscheid,

Als man nicht leicht an andern Früchten findet;

Da mit der Röhte sich bey vielen weiß verbindet,

Da viele gäntzlich weiß, theils leibfarb, schwartz so gar.

Die alle nun bedeckt der grünen Blätter-Schaar.

Die ebenfals mit sondrer Zierlichkeit

Von Fingern der Natur formiret,

Und nett, wie Wein-Laub fast, gezieret.

Wie angenehm, wie lieblich, und wie schön

Die Frucht nun anzusehn;

So lieb- und nützlich ist der säurlich süsse Saft

Und sein’ erquickende sanft kühlend’ Eigenschaft,

Da sie nicht roh’ allein,

Der Zungen angenehm, dem Blut erfrischend seyn;

Nein, da sie auch, in Zucker eingeleget,

So wol den Krancken, als Gesunden,

Zu laben zu ergetzen pfleget.

Welch eine Linderung wird nicht im Stein empfunden,

Durch ihre schwartze Frucht! Wenn uns das Wasser

Nicht minder in der Gicht und Winden auch

Ist heilsam, ist bewehrt und dienlich ihr Gebrauch.

Ach mögten wir denn doch, wenn wir dich sehn und essen,

Beliebte Frucht, in dir des Gebers Güt’ ermessen

Und ihm in unsrer Lust zu dancken nicht vergessen!