Die Kaiser-Krone .

By Johann Justus Ebeling

Seh ich eine Kaiser-Krone,

Auf des hohen Stengels Throne,

Wie sie sich in ihrer Pracht,

Untern Blumen herrlich macht:

So bewegt mich ihre Blume,

Zu des grossen Schöpfers Ruhme.

Sie steht auf den Blumen-Beeten

Als auf sammtnen Kunsttapeten

Der Natur, da auf dem Grün,

Um sie her viel Blumen blühn,

Die gleichsam zu ihren Füssen,

Als ganz niedrig wachsen müssen.

Nahme, Bildung, andre Zeichen,

Lehren mich sie zu vergleichen

Mit den Fürsten dieser Welt,

Die auf Thronen sind gestellt,

Die vor andern auf der Erden,

Unsern Augen herrlich werden.

Ich seh um sie Blätter hangen,

Die wie scharfe Schwerdter prangen,

Und der Blik der gab mir ein,

Daß sie wie Trabanten seyn,

Die diejenigen beschützen,

Die auf hohen Thronen sitzen.

Jhre rothe Purpur-Blüthe,

Drückte mir in das Gemüthe,

Ein recht Lehrreich Sinnbild ein,

Wie die Fürsten müssen seyn:

Ich sah sie zu ihren Zweigen,

Das Gesicht herunter neigen.

Wenn die Fürsten von den Höhen,

Auf die Unterthanen sehen,

Mit der Gnade Angesicht;

So erfüllen sie die Pflicht,

Die sie nach den weisen Schlüssen

Jhres Schöpfers, leisten müssen.

An den Kaiser-Kronen Spizzen,

Sah ich einen Büschel sizzen,

Der gleich einem grünen Graß,

Daran hing ein tröh felnd Naß,

Das beim Strahl der heitren Sonnen,

Lieblich kam herab geronnen.

Dieser Thau, da er zerflossen,

Fiel gar sanfte auf die Sprossen

Derer niedren Blumen hin,

Dabei kam mir in den Sin

Dieser Wunsch: Ach! möcht auf Erden,

Jeder Fürst ihr ähnlich werden!

Möchten sie des Himmels Seegen,

Auch auf Unterthanen legen,

Der von den bestirnten Zelt,

Auf die hohen Häupter fällt:

Alsdenn würden im Gedeien,

Niedre sich der Hohen freuen.

Ich besah die innre Ründe,

Was ich in der Blume fünde;

Gukte in den Kelch hinein,

Da cristalne Augen seyn,

Die beim Anrührn gleich den Güssen

Der gethränten Perlen, fliessen.

Ach! dacht ich in meiner Seelen,

Was vor innren Gram und Quälen,

Was vor untermischtes Leid,

Ist wol oft im Purpurkleid,

Und beim Heer der schwarzen Sorgen,

In der Fürsten Herz verborgen!

Bei dem äusren Schein der Freude,

Schwimmt das Herz gar oft im Leide,

Und von einem hohen Stand,

Ist der Gram nicht weggebannt:

Aeusre Lust und innre Wehen,

Sind bei Kronen anzusehen.

Doch der Kaiser-Kronen Augen

Sind, wenn wir ihr Naß nur saugen

Honig süß, erquiklich schön:

Daran ist die Lehr zu sehn;

Wie erquiklich Fürstenthränen,

Bei der Unterthanen Sehnen.

Wenn die Noth bei jeden Stande

Sich anfindet in dem Lande,

Die der Fürst nicht hemmen kan:

Seh ers nur mitleidig an:

So ist ein gethränt Erbarmen,

Doch ein Trost vor seine Armen.

Merklich ist es anzusehen,

Daß da Grases Spizen stehen

Wo die Kaiser-Krone hängt:

Wenn man dieses überdenkt:

So kan es von Fürsten Leben,

Uns dies noch zur Lehre geben:

Gras und Kraut sind Wapen-Schilder,

Und uns stete Sinnenbilder

Nichtiger Vergängligkeit,

Lehrer unsrer Lebens-Zeit,

Auch gekrönnten Häuptern Zeichen,

Daß ihr Purpur müß erbleichen.

Auch auf den erhabnen Thronen,

Wird der Todt sie nicht verschonen,

Bei der Kronen Herrligkeit,

Muß ein Fürst auch jederzeit

Auf das Gras die Augen lenken,

Und sein Nichtigseyn bedenken.