Die Kelle ...

By Leopold Friedrich Günther von Goeckingk

Written 1784-01-01 - 1784-01-01

Nur frisch, ihr Herrn und Damen! Gleich

Sind wir an unsrer Höhle.

Seht da! – Nicht wahr, es fährt auch Euch

Ein Schauer durch die Seele?

Wohlan! Nehmt Platz! Warum ihr das

Empfindet, sollt ihr hören.

Erst aber lasset uns ein Glas,

Aufs Wohl der Todten, leeren.

Nun! Sitzt ihr alle? – Hört denn an!

Nicht lang vor Luthers Tode,

Bewohnt' ein wackrer Edelmann,

Herr Veit von Wülferode,

Das Haus, woher wir kommen. Doch

Lag freilich Muskateller,

Nicht solcher Bleichert, damals noch

In dieses Hauses Keller.

Zwei Kinder hatte Veit. Sein Fritz,

Verlobt mit Fräulein Goltze,

Zu Bischofsrod', des Vaters Sitz',

Gleich hinter diesem Holze,

Kam oft auf dieser Stelle hier

Mit seiner Braut zusammen. –

Doch noch ein Glas! Mir fängt es schier

Im Gaumen an zu strammen.

Nun! Eine Tochter hatt' auch Veit,

Die jung zu einer Muhme

Nach Querfurt kam, wo Adelheid,

(So hieß sie,) um die Blume

Der Unschuld, sich, im Augenblick'

Des Taumels, ließ bethören.

Sie floh, doch Furcht hielt sie zurück,

Zum Vater heim zu kehren.

Aus Appenrode kam von ihr

Zum Bruder Fritz ein Bote:

Sie harre bei der Kelle hier,

Sein mit dem Morgenrothe.

Fritz mit des Tages Anbruch fort,

Und seht: (den Platz umzäunte

Die Nachwelt,) bei der Eiche dort

Saß Adelheid und weinte.

Ob Neugier gleich und Ungeduld

Im Bruder Fritz sie baten,

So schwieg sie dennoch; ihre Schuld

Ließ sie ihn selbst errathen.

Sie sank für Scham in seinen Arm,

Und floß in Thränen über,

Und schluchzte nur: Erbarm', erbarm'

Auch itzt dich mein, o Lieber!

„Gib dich zufrieden, gutes Herz!

Ich liebe dich noch immer.

Nur häufe Schmerzen nicht auf Schmerz,

Und stille dein Gewimmer.

Hier hast du meine rechte Hand,

Dein Fritz wird treulich sorgen

Für dich und deiner Liebe Pfand,

Und alles bleibt verborgen.“

Gertrud von Goltze ging oft früh

In dieses Holz spatzieren;

Das Unglück mußt' auch heute sie

Nah an die Kelle führen.

Hier hört sie eine Stimm' und spitzt

Das Ohr, schleicht durch die Hecken

Sich immer näher hin, und itzt –

Denkt selbst Euch Trudchens Schrecken!

„Für sie und ihrer Liebe Pfand

Will Fritz getreulich sorgen?

Bin ich bei Sinnen, bei Verstand?

Ist's Nacht und Traum? Ist's Morgen?

Halt! stehn sie auf? – Sie gehen fort! –

Was thu' ich? Folg ich ihnen?

Kann solch ein Scheusal noch ein Wort,

Noch einen Blick verdienen?“ –

Fritz und die Schwester waren grad

An jenem Schlund', den oben

Ihr in der Höhle Kuppel saht,

Als durchs Gebüsch gestoben

Das Fräulein kam. „Ist das die Braut?“

Fragt höhnisch sie und bitter,

Indem sie auf die Schwester schaut,

Und lächelnd sprach der Ritter:

„Ei, ei! das Horchen thut nicht gut!

Wenn ich mich nun beklagte?“ –

Sie aber stieß mit voller Wuth

Ihm vor die Brust, und sagte:

Fort Bösewicht! bist du noch kühl

Dabei, daß dein ich spotte? –

Fritz wich zurück, und glitscht' und fiel

Hinab in diese Grotte.

Mein Bruder! Ach! mein Bruder! schrie

Das Fräulein Adelheide,

Und sank erblassend in die Knie,

Erdrückt von so viel Leide.

„Was? Er dein Bruder? Nun, so flieg'

Dem Teufel nach zur Hölle!“

Sprach Gertrud. Adelheide schwieg,

Todt war sie auf der Stelle.

Gertrude floh durch Busch und Dorn;

Gewinsel aus der Höhle

Erreicht sie hier; weg war ihr Zorn,

Voll Mitleid ihre Seele.

Als sie herab zur Grotte sprang,

Lag Fritz von Wülferode

Zerschmettert auf der Erd', und rang

Zähnknirschend mit dem Tode.

„Fritz! Fritz! Was machst du? Kennst du mich

Nicht mehr? Ich bin ja Trude!

Sieh! ich bin nicht mehr bös' auf dich!

Was ist das? – Schwimmst in Blute?“ –

Sie faßt ihn bei der Hand, doch schier

Fiel schwer wie Blei sie nieder;

Fritz schlug die Augen auf, sah stier

Sie an, und schloß sie wieder.

Aus seiner Tasche hing von Flor

Ein Tuch, das sie ihm stickte;

Sie zog's und ach! den Brief hervor,

Den Adelheid ihm schickte.

Das Fräulein las, sank hin und lag,

Die Händ' auf Fritz gefaltet;

Als sie erwacht' am Nachmittag',

War Fritz bereits erkaltet.

Gertrude, fühllos, dumpf und krank

Am Leib' und an der Seele,

Saß ohne Speis' und ohne Trank

Drei Tag' in dieser Höhle.

Ihr Vater und sein Hofgesind'

Durchstöbert' alle Sträuche,

Und fand zuletzt das schöne Kind

Im Schlaf' auf Fritzens Leiche.

Sie blieb am Leben, doch betrog

Die Hoffnung manche Freier

Um ihre Hand; das Fräulein zog

Ins Kloster, nahm den Schleier,

Und saß, wenn alles schlief, und wacht'

Und weint' auf ihrer Zelle,

Und starb. – Oft hör' ich itzt bei Nacht

Sie trauren in der Kelle.

Das Horchen thut, sprach Fritz, nicht gut!

Doch Eifersucht noch minder!

Drum, bitt' ich, seyd auf Eurer Huth,

Ihr guten, schönen Kinder.

Denn vorgethan, und nachbedacht,

Wie wir zu oft vergessen,

Hat manchen in groß Leid gebracht. –

Doch kommt zum Abendessen!