Die Keuschheit.
Wer ist die, die im weisen Kleide
Von ungefärbter heller Seide
Und in dem reinen Silberglanz
Mit einem frohen Angesichte
Und das umstrahlt von Himmelslichte
Geschmükt im unverwelkten Kranz,
Und die mit einem Ehren-Bogen
Ist über ihren Haupt bezogen?
Ich lese es an deiner Stirne,
Du bist es Keuschheit, holde Dirne
Die so in ungeschminkter Pracht,
Als eine Braut sich herrlich kränzet;
Du bist es, die so lieblich glänzet
Und mit bescheidner Demut lacht:
O! möchte sich du Schmuk der Seelen,
Die Jugend doch mit dir vermählen!
O! Keuschheit auserwählte Tugend,
Du Kron der Alten, Schmuk der Jugend!
Wie reinlich bist du anzusehn!
Es ist an dir kein Schmuz, noch Flekken
Mit scharffen Augen zu entdekken,
Du bist in allen herrlich schön;
Man kann dein ungeschminktes Wesen,
An Mienen, Kleidern deutlich lesen.
Wer dich ansieht der wird gerühret,
Du bist mit keinen Schmuk gezieret,
Der mit erborgten Firnis prahlt;
Kein Flittergold mit falschen Scheine,
Nur ächte Farb ist es alleine,
Die aus den reinen Kleidern strahlt;
Dein Licht blizt nicht aus Diamanten,
Noch von den wollgewürkten Kandten.
Dein Glanz entsteht aus eigner Helle,
Du selbsten bist die wahre Quelle,
Woraus das Angenehm entspringt,
Das alle die dich recht beschauen,
In die Enzükkungs-süsse Auen,
Des innigen Vergnügens bringt;
Natürlich schön ist deine Farbe,
Ohn alle überschminkte Narbe.
Es geht aus deinem Augenlichte,
Kein Strahl der deinem Angesichte:
Ein Frechheits-Zeichen angebrandt:
Man sieht dieselben lieblich funkeln,
Nicht durch Trübsinnigkeit verdunkeln,
Sie haben einen freien Stand,
Doch fliegen daraus keine Blizze,
Von einer wilden Jugend Hizze.