Die Kirchenvereinigung

By Gottlieb Konrad Pfeffel

Written 1786-01-01 - 1786-01-01

In einer griechischen Abtey,

Am Fuß des hohen Tabors, nährte

Der Prior einen Papagey,

Den er das Ave singen lehrte.

Er sang die Hymne so geschickt,

Daß ihn das fromme Volk entzückt

Mehr als Sanct Rochus Hund verehrte.

Der Prior starb. Die Reislust wacht

Im Virtuosen auf; er kehrte

Mit leisem Flug, bey dunkler Nacht

Ins alte Vaterland zurücke.

Er stellte sich dem Hofe dar.

Der Adler, der zu gutem Glücke

Ein Freund der edeln Tonkunst war,

Erhob, als er in der Kapelle

Sich hören ließ, ihn auf der Stelle

An des verstorbnen Mufti Platz.

So hohe Würden hatte Matz

Sich auch im Traume nicht versprochen.

Doch Ehre bläht, Gewalt macht kühn;

Das neue Haupt des Sanhedrin

Gebahr gleich in den ersten Wochen

Die Grille, seine Psalmodie

Bey allen Vögeln einzuführen.

Der frohe König billigt sie;

Der Waldgesang, die Liturgie

Des Herzens konnt ihn nicht mehr rühren,

War für sein Ohr Kakophonie:

Und zudem ist ja reformieren

Der Fürsten Steckenpferd. Sogleich

Ließ er in seinem ganzen Reich

Den neuen Canon publizieren.

Nun schützte zwar der Vögel Chor

Die hergebrachten Rechte vor;

Allein da half kein Protestieren.

Der Mufti drohte mit dem Bann:

Der Sultan sprach vom Strangulieren,

Und kurz, das neue Lied begann.

Die Sänger wetzten sich den Schnabel

Und orgelten mit Angst und Pein

Das tollste Wirrwarr durch den Hayn,

Das seit der Symphonie zu Babel

Auf unserm Erdenrund erscholl.

Den Vorsang führten andachtsvoll

Der Storch, der welsche Hahn, die Eule,

Die Gans, der Kuckuck und der Pfau:

Sie kollerten sich braun und blau,

Und füllten, durch ihr Klaggeheule,

Das Land auf eine halbe Meile.

Ein weiser Rabe, lahm und grau

Vor Alter, saß bey dem Monarchen

Und schwieg. Mit zornigem Gesicht

Sprach der Depot zum Patriarchen:

Rebelle, warum singst du nicht?

Weil dein Gebot mein Herz empöret,

Versetzt der Alte: glaube mir,

Der Schöpfer hat ein jedes Thier

Sein eigenes Gebet gelehret,

Das ihm gefällt. Ein Lobgesang,

Den Furcht erpreßt, ist Uebelklang,

Ist Lästerung, die ihn entehret.

Befiel nun meinen Tod. Er schwieg.

Der Sultan auch: wie Meereswogen

So schäumt sein Blut. Noch wankt der Sieg;

Doch schnell rief er: ich ward betrogen!

Heil dir, o Freund, du zogst ihn ab,

Den Schleyer, der mein Aug umgab.

Und ihr, empangt die Freyheit wieder,

Ihr Vögel, singet eure Lieder

In eurem angebohrnen Ton!

Itzt drangen sie in dichten Kreisen

Entzückt um des Monarchen Thron

Und lobten Gott nach tausend Weisen.

Der majestätische Choral

Steigt wallend in die lichten Sphären.

Der Sultan staunt. Zum erstenmal

Hört er, was keine Muftis hören,

In der verschiednen Melodie

Die feyerlichste Harmonie.