Die Klage ohne Trost.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Wo seyd ihr, meine Lieben?

Euch ruft mein Wehgesang.

Euch ruft des Herzens Sehnen

Mit ungestümen Drang.

Wo seyd ihr, meine Trauten?

Wie täuscht ihr mich so sehr?

Die ihr mich feurig liebtet,

Liebt ihr mich itzt nicht mehr?

Ich steh' auf stickelm Felsen,

Und schaue rings umher.

Der Sturmwind schwingt die Flügel,

Und geisselt Luft und Meer.

Ich schwärme durch die Klippen,

Durch struppiges Gesträuch,

Durch dichtverwachsne Schründe,

Und suche rastlos euch!

Der Eichwald heult entblättert;

Erstorben starrt die Au.

Um öde Stoppeln sauset

Der Herbstwind, feucht und rauh.

Warum so traurend, Aue?

Warum so jammernd, Hayn?

Seyd ihr, wie ich, verlassen?

Seyd ihr, wie ich, allein?

Allein bin ich. In fremdem,

In ödem Land' allein.

Die lange Dämmrung lichtet

Kein Stern — kein Mondenschein.

Die heisse Wange fächelt

Kein lispelnd Abendkühl,

Noch schmelzt des Spätroths Blässe

Das Herz in Ruhgefühl.

Wie starrt die öde Wildniss,

Umbrüllt vom düstern Belt.

Es kommt kein freundlicher Wandrer,

Der um den Hals mir fällt.

Ich rufe durch die Forste,

Durch Berg' und Thal — und laut

Ruft mir das Echo Antwort,

Doch keines Menschen Laut.

Es gaukeln Luftgebilde

Um mich im Fackelschein

Gluthrother Meteore,

Und spotten tückisch mein.

Ergrimmter tobt die Windsbraut,

Erzürnter thürmt die Fluth.

Der Feste Pfeiler beben

Des Orkans wilder Wuth.

Mag rasen Sturm; mag prasseln

Die Windsbraut donnerlaut!

Mir klingt ihr wildes Kreischen

Wie Morgengruss der Braut.

Mag mondhoch schwellend wogen

Der alte Ocean!

Mich spricht sein dumpfes Grollen,

Wie Flötenwirbel an.

Was frommt mir Frühlingsmilde

Und laues Westgeweh?

Sie wiegen den Verlassnen

Nur in noch heissres Weh!

Was frommt mir Lerchenwirbel

Und Nachtigallenschlag?

Der öden Brust entächzet

Nur desto lautres Ach.

Fahrt wohl! fahrt wohl, ihr Trauten!

Mir winken Nacht und Ruh.

Bald drückt die müden Wimper

Der letzte Freund mir zu.

Fahrt wohl! Im Ring der Steine

Ergrünt ein Mahl! Hier wird

Mein Schatten euch umschauern,

Wenn ihr das Mahl umirrt!