Die Klugheit.
Man muß stets in seinem Leben,
Darauf fleißig Achtung geben,
Ob auch alles was man thut,
Vortheilhaft und nüzlich gut.
Wer der Klugheit Leitstern wählet,
Hat das Ziel noch nie verfehlet;
Wer bemerkt die rechte Bahn,
Trift den Glüksport endlich an.
Wer dagegen blindlings rennet,
Nicht die wahren Mittel kennet,
Ist von leerer Hofnung voll,
Wagts auf ein Gerathewoll,
Rennet nur nach eitlen Dingen,
Und es muß ihn doch mislingen
Ist der Lauf zulezt vorbei,
Sieht er daß er thörigt sey.
Wer ein kluger Mann will heissen,
Muß vor allen sich befleissen,
Daß ihm werd der Glükkes-stand,
Den er suchet recht bekannt.
Dinge die da herrlich scheinen,
Sind nicht allzeit, wie wir meinen,
Nach den innren Wesen schön,
Als wir sie von aussen sehn.
Oefters ist es blos ein Schatten,
Dabei Licht und Schein sich gatten,
Der der Einbildung gefällt,
Wer darnach den Lauf anstellt,
Greiffet nur nach Wolken-Dünste,
Die wie ein gemahlt Gespinste,
Kostbar in den Augen sind,
Und doch in der That nur Wind.
Klugheit merket auf das Beste,
Traut nicht einem Glükkes-Weste,
Der hernach nur Regen bringt,
Und den Sonnenschein verdringt;
Sie sieht, eh sie wornach trachtet,
Ob das auch so wie man achtet,
In der That und Warheit nüzt,
Was uns in die Augen blizt.
Wenn sie sich ein Ziel erlesen,
Daran sie kein scheinend Wesen,
Sondern würklich Gut erblikt,
Wird sie nicht davon gerükt.
Sie sucht durch ein recht Bemühen
Hindernissen zu entfliehen;
Trachtet wie sie das erhält,
Was ihr würklich woll gefällt.
All ihr Denken und ihr Tichten,
Geht dahin das zu verrichten,
Woraus ihre Wollfahrt fließt,
Und was der entgegen ist,
Suchet sie stets zu vermeiden,
Sie scheut kein bedorntes Leiden,
Wenn sie auf der rauhen Bahn,
Nur dreinst Rosen brechen kan.
Die verwirrten Leidenschaften,
Die in unsrer Seele haften,
Machen oft den Menschen blind,
Gleichen einem Wirbelwind
Der uns plözlich nieder schmeisset,
Wie in einem Strom fortreisset,
Der uns bringt mit Angst und Weh,
In die Kummer-volle See.
Wenn die Leidenschaften rasen,
In uns einen Sturm aufblasen,
Wallen wir wie auf dem Meer,
Ein Schif wankend hin und her,
Klugheit sieht, sich bei den Stürmen,
Vor den Klippen zu beschirmen;
Und schaut als ein Steuerman,
Wie man sich erhalten kan.
Klugheit braucht die Seelenkräfte,
Den Verstand zu dem Geschäfte,
Handelt nichts in blinder Wuth,
Wie ein albern Thore thut;
Man muß vorher überlegen,
Und die Folgen auch erwegen
Die aus einer Sach entstehn,
Eh sie würklich ist geschehn.
Wer zu hurtig im Urtheilen,
Kan sich leichtlich übereilen,
Und wenn man erst hat gewählt,
Und dabei das Ziel verfehlt:
So ist das was nun geschehen,
Nicht zu ändern, zu verdrehen;
Weil der Schade und Verdrus,
Mit der Neue kommen muß.
Klugheit sucht durch ihr Bemühen,
Diesem Uebel zu entfliehen,
Daher nimt sie eine That,
Erst in einem weisen Naht.
Was aus dies und jenen Dingen,
Kann als eine Folg entspringen.
Wird vorher erst überdacht,
Eh von ihr der Schlus gemacht.
Seinem Körper folgt der Schatten,
Die sich stets zusammen gatten:
So folgt nun und allemahl
Auf die That, Vergnügen, Qual,
Nachdem sie an sich beschaffen,
Wer sich nicht will selbst bestraffen,
Muß bedenken, was entsteht,
Wenn dies oder das vorgeht.
Es kan uns der Lauf der Zeiten,
Leichtlich von den Weg ableiten,
Der zum Port des Glükkes führt:
Unsre Welt ist so verwirrt,
Daß man oft das Woll der Seelen,
Nicht zugleich vermag zu wählen,
Mit dem Glük, das uns die Welt,
Lokkend vor die Augen stellt.
Wahre Klugheit zieht das Glükke
Seiner Seel, dem Zauberblikke
Dieser eitlen Erden vor;
Anders handelt hier ein Thor,
Der sein geistlich Woll verachtet,
Nur das Jrdische betrachtet,
Das oft wenn mans recht beschaut,
Nur auf leichter Spreu gebaut.
Klugheit siehet stets aufs Ende,
Und strekt die begiergen Hände,
Nach der Lebens-Krone aus,
Zeigt sich ihr ein Rosen-Straus
Der vergnügten Lust der Erden,
Der nicht kan erhalten werden,
So verachtet ihr Gemüt
Eitler Rosen welke Blüth.
Klugheit siehet die Umstände,
Dieser Welt und ihr Gebäude,
Allemahl mit Sorgfalt an,
Wenn sie was erhalten kan,
Pfleget sie nicht lang zu träumen,
Und das Glükke zu versäumen,
Sie erkennet daß das Heut,
Allemahl die beste Zeit.
Wer sich von ihr läst regieren,
Suchet sich so aufzuführen,
Wie es
Angenehm und wollgefällt.
Wer in dem Gesellschafts-Bande,
Lebt nach seiner Würd und Stande
Handelt wie ein jeder soll,
Als ein Mensch, vernünftig, woll.
Klugheit muß sich da auch zeigen,
Wenn wir reden, wenn wir schweigen,
Weil die Zung uns leichtlich stürzt;
Wenn die Rede nicht gewürzt,
Mit den Salz, das Klugheit giebet,
So wird man auch nicht geliebet,
Darum heift ein kluger Mann
Der die Zung regieren kan.
Klugheit ist der Zungen Zügel,
Und drükt oft ein festes Siegel,
Auf den Mund, der reden will,
Daß er wieder schweige still:
Weil ein Wort, das uns entfähret,
Wie oft die Erfahrung lehret,
Wenn es übel angebracht,
Nachher vielen Kummer macht.
Klugheit ist ein Leitungs-Faden,
Wer den hat kommt ohne Schaden,
Aus des Schiksals Labirinth,
Wo viel Dornen-Hekken sind,
Darin man sonst ängstlich irret,
Und im Lauffe sich verwirret,
Und in Stacheln die gespizt
Eh mans meint, sich schmerzend rizt.
Klugheit kan zum frohen Leben,
Tausendfache Mittel geben,
Und versüßt mit Zukkerkand,
Den sonst sauren Kummerstand,
Wenn die uns auf Erden leitet,
Als Gefährtin stets begleitet,
Komt man sicher durch die Welt,
In des Himmels Freuden-Zelt.
Darum muß man sich befleissen,
Nicht alleine klug zu heissen,
Sondern auch recht klug zu seyn.
Viele lieben blos den Schein,
Meinen bei des Wizzes Gaben,
Wahre Klugheit auch zu haben:
Aber wenn mans recht bedenkt,
Werden sie doch blind gelenkt.
Die wir oft als Kluge loben,
Zeigen oft sehr schlechte Proben,
Machen zwar ein listig Strik,
Doch sich nur zum Ungelük:
Sie sind gleich den giftgen Spinnen,
Die ein listig Nez aussinnen,
Welches sie nur drum aufstelln,
Blöde Einfalt zu beschnelln.
Wahre Klugheit kommt vom Himmel,
Und führt uns aus dem Getümmel,
Dieser Eitelkeit heraus,
In das dauerhafte Haus
Jener Welt, recht zu gelangen,
Wo die Seelgen ewig prangen.
Flöß mir diese Klugheit ein!