Die Kunst vernünftig sehen zu lernen.
Nachdem ich nun, mit allen Kräften, die große Wahrheit vorgetragen,
Daß wir des Schöpfers Creatur, wie sie so herrlich und so
So künst-und wunderlich gebildet (um seine Weisheit zu er-
Mit einem aufmerksamen Blick, verpflichtet seyn, oft anzu-
So hör ich viele meiner Leser, hierauf vermuthlich dieses sagen:
Wir finden, daß es alles wahr, wir sehen unsre Schul-
Wir sind von der Geschöpfe Pracht, von ihrer Vollenkom-
Zum Ruhm des Schöpfers, überzeuget. Wir haben oft auch
Auf sie zu unsers Gottes Ehren, die Augen ernsthaft hinzu-
Und, daß sie wirklich schön, vortrefflich, und sehr beträchtlich,
Allein es ist uns unser’ Absicht nur gar zu schlecht von statten
Wir sachen Gras und Kräuter an, auch Feld und Wald: Allein
Uns alles meistens einerley. Gras, Kraut, und Feld und
Die Erde braun, der Himmel blau. Daher wir bald zu Ende
Und kunnten wir, wie gern wir wollten, von aller Creaturen
Uns doch nicht recht gerühret fühlen. Hierauf erwiedr’ ich:
Geliebte Leser, euer Klagen ist leider gar zu sehr gegründet,
Weil diese Unvermögenheit beym ganzen menschlichen Geschlecht,
Durch bös Exempel und Gewohnheit, sich leider! eingewurzelt
So daß wir, auch mit offnen Augen, nicht sehen, was wir sehn;
Was wir unwidersprechlich hören. Woher? Dieweil wir
Von unsrer allerersten Pflicht. Wir haben nimmer sehn ge-
Auf eine Weise, die vernünftig. Wir sehn: Allein es sieht ein
So gut, als wir. Wo man den Geist, der unsern Körpern ein-
Und welchen uns, vor andern Thieren, der Schöpfer uns vor-
Nicht mit der Sinnen Kraft verbindet, und wenn man sieht,
So sieht und hört der klügste Mensch wahrhaftig anders nicht,
Um zu der Schule des Gesichts, auf eine Weise, nun zu kom-
Die nöthig ist, und doch nicht schwer, hab ich mir jetzo vor-
Euch einen neuen Weg zu weisen. Da alle Werke der Natur,
Und alle göttliche Geschöpfe, nur bloß in
Wenn man es recht erwegt, bestehn: So will ich eine Kunst
Der diese Vorwürf alle beyde, so wohl
Und die daher, auf welche Weise man Gott in seinen Werken
Wenn man sie mit Vernunft gebraucht, zumal vernünftig se-
Dieß ist die edle
Die kluge Mischung bunter Farben, die
Als wie man sonst zu thun gewohnt. Es ist die ganze weite
Es sind Luft, Wasser, Berge, Bäume, beblümte Gärten,
Ein Vorwurf dieser großen Kunst. Sie leitet, sie regiert und
Die Seele, daß sie allgemach die sonst in ihr verborgnen Kräfte,
Zu dem so nöthig-nützlichem und Gott gefälligem Geschäffte,
Recht anzuwenden sich bemüht, und daß sie, bey dem Sehn,
Ob nun vielleicht die Maler selbst nicht auf den rechten
Noch selber den so edlen Zweck von ihrer Kunst in Acht ge-
Der sie zu Gott dem Schöpfer führet: So hindert dennoch
Die große Wahrheit zu erkennen, und zu bekennen, daß das
So uns die Malerey entdecket, uns zu den Vollenkommen-
Der ganzen Schöpfung, und dadurch zum Ruhm des Schöp-
Am allermeisten fähig sey. Zwar deucht mich, wendest du
Dieß, was du zeigest, ist nicht leicht. Es ist ja diese Kunst so
Daß, unter tausenden, kaum einer, es sey denn recht von un-
Ein
So sag ich: Dieses braucht es nicht. Du darfst dich nur al-
Von Körpern etwas nachzuzeichnen, auch Farben dann und wann
So wirst du, nicht allein durchs Aug, auch selber deinen Geist
Du wirst, durch diese Fähigkeit, auch einen Weg zugleich dir
Die Welt, und Gott in ihr, zu sehn. Wär es nun gar mit
Nach deiner Meynung: Geb ich dir dennoch noch diesen guten
Besorge, wenn du Kinder hast, daß sie, durch diese Kunst, bey-
Sich, zur Verehrung ihres Schöpfers, und ihrem eignen Glück,
So wird, für göttlicher Geschöpfe, die grobe Blindheit von
Zu Gottes Ehr und unserm Besten, auch allgemach vertrie-