Die künstliche Spinne mit ihren künstlichen Geweben.

By Johann Justus Ebeling

Recht wunderbar ist es im Reiche der Na- tur,

Daß die verächtliche, verworfne Krea-

Die man mit Ekkel sieht, die größten

Zum Zeugnis weiser Macht an allen Gliedern trä-

Die Thiere, die man sonst, das Ungeziefer nennt,

Weil man derselben Werth und Schönheit nicht

Sehn wir als Greuel an, die Ekkel uns gebähren,

Wenn wir von Ohngefehr, darauf die Augen keh-

Und diese sind dennoch der Allmacht Meisterstük

Und fordern billig auch, daß wir mit unsern Blik

Und Andacht sie besehn; weil wir des Höchsten

Nebst seiner weisen Macht, in allen forschen müssen.

Die scheuche Zärtlichkeit, verdekket das Gesicht,

Wenn eine Spinne läuft, und achtet solche nicht,

Da doch dies Rennethier, recht wunderbar formi-

Und nach des Schöpfers Zwek recht weislich ausge-

Wollan! last uns sie sehn! und seid nicht Ekkelhaft:

Es ist betrachtens werth, was unser Schöpfer schaft.

Was er gemacht ist gut, und alle irrn und fehlen,

Die der Insecten Art, mit zu dem Bösen zählen.

Der Spinnen Wunderbau, ist zwiefach anzusehn,

Weil sie aus Kopf und Brust am Vordertheil bestehn,

Der mit dem Hintertheil wie durch ein Nez ver-

Das wie ein dünner Drat recht zärtlich ist gewunden.

Der Vordertheil ist hart, mit Schalen übersezt

Damit er nicht so leicht, werd eingedrükt, verlezt,

Wenn sie im schnellen Lauf, bald hie, bald da hin-

An einen Gegenstand, den sie vorher nicht kennet.

Das Hintertheil ist nur mit dünner Haut belegt,

Den sie mit leichter Müh im Lauffe fort bewegt,

Der schlüpfrig; aber rauh von überwachsnen Haaren,

Wie jeder der sie sieht in Anblik kan erfahren.

Der Kopf ist wunderbar, man seh die Augen nur;

So sieht man alsobald des weisen Schöpfers Spur,

Aus diesen häutigen durchsichtigen Cristallen,

In ein gerührt Gemüt mit Lust zurükke prallen.

Sie sind nicht zugedekt, dagegen wol verwahrt,

Die Augenlieder fehln, drum sind die Augen hart

Bestehn, wie man gleich sieht aus lauter glatten

Dadurch genießt die Spinn des äusren Lichtes

Sie bleiben unbewegt: doch dieses schadet nicht;

Weil sie acht Augen hat, darin der Schein sich

Zwei hinten, zwei sind vorn, gedoppelt an den

Und diese all bestehn aus dünn gewebten Häuten.

Durch dieser Augen Zahl, wird jeder Gegenstand,

Von einer jeden Seit, der Spinne gleich bekannt.

Wer merket hieraus nicht, zu ihres Schöpfers

Daß der der sie gemacht, sey mächtig, herrlich,

Am Vorderkopf wird man zwei Stacheln auch ge-

Wie Sägen ausgehakt, die wie ein dünnes Haar,

Und dennoch wol geschärft, als wie ein Mordge-

Und wenn sie ausgestrekt, sind sie wie eine Scheere,

An deren jeden Spiz sich eine Klaue zeigt,

Die sich wie eine Kling an einem Messer beugt

Wenns eingeschlagen wird. Und unter diesen Spiz-

Zeigt eine Oefnung sich draus ihre Gifte sprizzen.

Man siehet dieses zwar als Kleinigkeiten an,

Allein wer nur bedenkt, der dieses schaffen kan

Der muß ein Wesen seyn, das vieles überdenket,

Wenns ein so kleines Werk so schön zusammen

Der Füsse hat sie acht, damit sie sich stets schwenkt,

Und diese sind auch schön, nach ihren Zwek gelenkt,

Sie sind am Ende krum, woran dreifache Klauen,

Die gleich beweglich sind, wie Nägel anzuschauen.

Ein Nagel ist sehr klein, sieht aus, als wie ein Horn,

Und wie am Hahnen Fuß ein krum gebogner Sporn,

Damit hält sie sich fest, an ihren dünnen Kün-

Ich meine an den Zart verworrenen Gespinsten.

Die andren Klauen sind, mit Zakken stark ver-

Durch deren Hülfe sie im Hängen leicht fortgehn,

Die Spizzen können sie in glatte Körper schlagen

Damit sie sich getrost so gar auf Spiegel wagen,

Und lauffen hurtig fort, und hängen sich daran,

Und lauffen ohne Fall, auf dieser glatten Bahn.

Sie können sie so gar bei umgekehrten Rükken,

Jm Hängen überall, auch wo sie sind eindrükken.

Es sieht sehr künstlich aus, wenn man sie lauffen

Vornemlich wenn ein Feind, den sie nachjägt weg-

So eilt sie wie im Flug, und an dem glatten Hö-

Kan sie im Augenblik sich vielmahl anders drehen.

So zakkicht ihre Klaun, damit sie sich forträgt,

So zart sind sie dabei, und wenn man dies erwegt;

So schliesset man gar leicht, daß sie durch vieles

Dieselben im Gebrauch, gar bald abnüzzen kön-

Damit dies nicht gescheh; sind sie mit Balln ver-

Die nah an Klauen sind, worauf sie öfters gehn,

Und wie mit sanften Tritt ganz leise einher fahren,

Dabei sie ihre Klaun einziehen und ersparen.

Wenn man dies abermahl, mit stiller Lust erwegt,

So sieht man welche Kunst, in dieses Thier gelegt,

Und macht daraus den Schlus: Ein Meister der

Zeigt seiner Hände Werk, an diesem Kunstgehäuse,

Der es so klein formirt und doch dabei belebt,

Daß es gar schnell fortrennt, am glättsten Flächen

Doch last uns weiter gehn, die Spinne mehr be-

So werden wir vielleicht, dieselben höher achten,

Als sonsten nicht geschieht. Sie hat noch überdem

Zwei Füsse, die zwar nicht zum Gehen sind bequem,

Doch ebenfals sehr nüz, damit greift sie im Streite,

Den Feind im Grimme an, damit faßt sie die

Wornach sie hungrig ist, und sie so gierig sucht,

Wornach sie eifrig strebt, wenn sie auf ihrer Flucht,

Die sie im Raub erjagt, wenn es ihr ist geglükket,

Daß sie in ihren Garn ein andres Thier bestrikket.

So künstlich als dies Thier durch eine weise Macht,

Nach seinen Zwek gelenkt, und gut herfürgebracht;

So künstlich ist der Trieb, den wir an Spinnen

Auch sich ein dünn Geweb, das schön geformmt,

Wenn man ein Spinngeweb, mit Achtsamkeit an-

Wie seine Fädgens gehn, wie es sich dreht und

So sieht man eine Kunst, die warlich sonder glei-

Und Menschen Hände nicht an Zärtlichkeit erreichen.

Wer dieses überdenkt, daß ein so dummes Thier,

Ein Regelmäßiges Gespinste bring herfür,

Der muß Verwundrungs-voll dabei gleich einge-

Er habe,

Auf lasset uns mit Lust, darauf die Augen kehrn,

Wie sie die Faden dreh, zum Ruhm des Schöpfers

Wir wissen daß das Garn, was sie aus sich herspin-

Maß aus dem Bauche gehn, und daraus gleichsam

Man wird am Unterbauch der Spinnen Eiter sehn,

Die fünffe an der Zahl, woraus viel kleine gehn,

Die öfnen, schliessen sie nach ihren Lust und Willen,

Daraus ein klebricht Naß und dikke Säfte quillen,

Womit sie angefüllt. Gehn die Sprizlöcher auf,

So rinnt daraus der Saft; dann eilt sie fort im Lauf

Und zieht den Faden nach, der aus dem Saft entstehet,

Denn sie erst fest gemacht, und immer länger drehet

Bis sie die Eiter schliest. Ist diese wieder zu,

So hat sie dennoch nicht von ihrer Arbeit Ruh;

So bleibet sie dennoch an diesen Faden hängen,

Steigt immer höher auf, bis sie durch das Ver-

Ein dünn Gewebe macht, daß wie ein Räuber Nest,

Wenn man es recht beschaut in unsern Augen läßt.

Es ist dasselbige recht listig angeleget,

Wenn man denn innren Theil allwo sie liegt, erweget.

Wer hat ihr das gelehrt, daß sie so nach der Kunst,

Den Faden drehen kan: damit der dünne Dunst

So woll gestrikket sey? Wir müssen eingestehen,

Daß dieses alles so durch die Natur geschehen.

Allein was heist Natur, und ihr verborgner Zug,

Der eine Spinne treibt, daß sie so listig klug?

Mir deucht wir können hier ein ewig weises Wesen,

Der ihr dies eingeprägt, in klaren Zügen lesen.

Man sehe nur einmahl der Spinnen Handlung an,

Die man nicht gnug besehn, nicht gnug bewundern

Sie sieht den Plaz sich aus in dies und jene Ekken,

Ein Raubnest aufzubaun, darin sich zu verstekken.

Die Eiter öfnet sich, es fliest ein Tropfen fort,

Der klebet sich so gleich an den bestimmten Ort,

Dann geht sie weiter hin und läst das Sprüzloch

So weit der Faden sich der Läng nach soll ergiessen,

Da macht sie solchen auch mit ihren Safte fest;

Spannt ihn hernachmahls aus, da sie ihn hängen

Daneben klebet sie mit ihren Eitersäften

Den andern wieder an, die sie so anzuheften,

In freier Luft gelernt. Sind diese erst verknüft;

So sieht man wie die Spinn auf diesen Seilen hüpft

Und sie zusammen zieht, und von einander lenket,

Wie sie es haben will, nach ihren Trieben denket.

Sie zieht stets Faden aus, und hängt sie immer auf,

Bey ihren hurtigen und nimmer müden Lauf,

Und da ist denn ihr Garn am Weberstul gebunden,

Und das Gerüst gespannt, daß weiter wird gewunden.

Darauf ist sie bemüht, um des Gewebes Rand,

Läst alle Eiter loß, und bringet ihn zum Stand,

Befestiget ihn stark mit den gefloßnen Strikken,

Die sie gar füglich weis in ein stark Seil zu rükken,

Die Spinne ist recht klug; und weis auch dieses wol,

Daß das verwahrt seyn muß, was feste halten sol,

Drum macht sie es auch fest, daß es nicht kan verwehen

Wenn etwa Luft und Wind durch seine Hölen ge-

Wie wunderbahr ist nicht ein solches Nez gestrikt,

Wenn man es aussenwerts nur obenhin erblikt;

Man seh es aber auch wie es von innen scheinet,

Wie jeder Faden sich zum Mittelpunct vereinet

Allwo die Spinne liegt, die alsobald verspürt

Wenn sich an dem Geweb der kleinste Faden rührt.

Dann lauret sie auf Raub, und faßt es mit den

Was als ein dummes Thier ist in ihr Garn gefal-

Und davon lebet sie in ihrer stillen Ruh,

Und sieht nur immer fort dem Spiel der Mükken zu

Die ihre Beute sind, und die gar leichtlich fangen,

Wenn sie erst in dem Nez mit ihren Flügeln hangen.

Die Spinnen halten auch, wenn es will möglich

Jhr zart gewebte Nest von allen Staube rein,

Der durch die Menge schwer, es leicht so drükken

Daß sich das fein Geweb aus seiner Ordnung

Doch, wenn es ja zerreist, von Menschen wird zerstöhrt,

Wie ihnen täglich fast in Zimmern wiederfährt;

So sind sie gleich bereit nach solcher Art zu drehen,

Wie wir vorhero schon, nicht ohne Lust gesehen.

Gewis, wer dies bedenkt, der siehet daran klar,

Daß

Daß er ein dummes Thier, das wir mit Spott be-

Könn durch verborgnen Trieb zu einen Künstler machen.

Wenn wir die Spinnen so, als sein Geschöpf an-

So werden wir in ihr auch seinen Ruhm erhöhn:

Und in der Kreatur, und ihren Kunstgeweben,

Den Meister jeder Kunst, der droben wohnt, erheben.

Wie selten das geschicht, ist leider gnug bekannt,

Weil man dieselbigen als einen Greul verbannt.

Ich gebe gerne zu, daß wir die Spinnen fliehen,

Daß wir von ihnen auch gar keinen Nuzzen ziehen;

Weil ihr Geweb nichts taugt, und alle ihre Kunst,

Ist wenn mans recht besieht ein zart gestrikter

Allein wir könten auch von denen Spinnen lernen,

Die wir als giftig scheun, davon wir uns entfer-

Die Menschen sind oft selbst den Spinnen würklich

Jhr Thun ist eitles Nichts; ob es an Kunst schon

Man seh Gelehrte an, ihr fleißiges Bestreben,

Bringt öfters nichts hervor als schöne Spinneweben,

Wenn sie bey Tag und Nacht durch forschendes

Aus ihren feuchten Hirn, so zarte Grillen ziehn,

Die keiner nutzen kan, da sie doch ängstlich kreißen,

Bei einer Misgeburth, die leichtlich zu zerreissen.

Diejenigen die nichts als Torheit ausgedacht,

Und sich darüber doch so viele Müh gemacht,

Sind denen Spinnen gleich, die schön doch nichts

So kommen mir die vor, die Lehren ausgesonnen,

Die weiter zu nichts nuz, als daß man sie vergißt,

Wenn man aus Neubegier, ihr leeres Räthsel ließt.

Die Spinne macht Geweb, die Mükken zu bestrik-

Da sie mit ihrer List die Einfalt auch berükken.

So machen es die auch, die mit Spizfindigkeit,

Als Spötter voller Gift Lehrsäzze ausgestreut,

Die durch die falsche Kunst des aufgeblähten Wissen,

Durch blendende Vernunft und durch verwirrtes

Die Einfalt oft bethörn. Die so die Welt verführn,

Und sich mit einem Lob der starken Geister ziern,

Die rühmen ihre Kunst und des Verstandes Gaben,

Die sie vor anderen von

Sie sagen: wer darf sich, wie wir woll unterstehn,

Ein solches Lehr-Gebäu so künstlich auszusehn?

Die GOttes-Lehrer seyn, das sind nur dumme Köpfe:

Wir aber sind allein recht wizzige Geschöpfe.

Jhr Spötter prahlet nicht, seht eine Spinne an,

Die eben das auch so, ja noch woll besser kan.

Der Spinnen Eigenschaft ist daß sie sich bemühen,

Auch aus der schönsten Blum, aus Rosen Gift zu

Und dieses thut ihr auch, wenn ihr die Schrift be-

Und bei den klärsten Licht, doch über Schatten klagt;

Jhr könnt die Heilge Schrift und ihre Warheits-

Als einen süssen Saft in bittres Gift verkehren;

Die Schuld die liegt an euch, weil in euch böses stekt,

Was Wunder daß eur Gift auch

Der Spinnen Art ist es, daß sie Gewebe drehen,

Woran viel arge List und zarte Kunst zu sehen:

Das trift auch bey euch ein, ihr seid auch warlich klug,

Allein zum Bösen nur, zur Schalkheit und Betrug:

Wer euch aus Einfalt folgt, der wird gar oft be-

Und in ein Labirinth verkehrter Lehr gezogen.

Die Welt die listig ist, vor Spinnen sich verwahrt,

Zeigt leider oft genug an Menschen Spinnen-Art;

Der Wizzigen Geschäft ist, wie sie Nezze stellen,

Damit die Redlichkeit und Einfalt zu beschnellen:

Jedoch man sieht auch oft, das Spinnen Faden

Darin sie wie bestrikt, in ihrem Nez vergehn:

So gehts den Bösen auch, die sich damit berükken,

Was sie nur aufgestellt, die Einfalt zu bestrikken.