Die künstlichen Laub-Blätter.

By Johann Justus Ebeling

In dem grossen Allmachts-Reich einer

würkenden Natur,

Siehet ein gerührtes Aug manche

künstliche Figur,

Da in ihrer Abbildung und dem

wollgewirkten Zügen,

Zeichen einer weisen Macht, wie in klaren Rissen

liegen.

Man seh nur ein Laub-Blat an, das der Bäume Häup-

ter schmükt,

Was vor wundervolle Kunst ist nicht daran abge-

drükt?

Man seh seinen Ursprung an, wie es sich in Knos-

pen zeiget,

Wie es durch die Treibekraft des verborgnen Wachs-

thums steiget,

Sich entwikkelt aus dem Fach darinn es gefallen war,

Wie es sich steif ausgespannt stellt in seiner Bildung

dar:

Ja! ein Mensch der dies beschaut, mus Bewun-

drungs voll gestehen,

Daß er niemahls ein Geweb von dergleichen Kunst

gesehen.

Die Gestalt ist wunderbahr, die der Blätter Form

ausmacht,

Und nach jedes Baumes Art mannigfaltig ausgedacht,

Nach der Grösse sind sie auch unterschiedlich ausge-

spalten,

Um die Frucht die leicht verdirbt, vor der Fäulnis

zu erhalten;

Andern dienet es zum Schirm, wenn das heisse

Sonnenlicht

Gar zu stark mit seinen Strahl, wie mit Feuer

Pfeilen sticht

Daß sie nicht zu früh verdorrn, oder gar zu Staub

verbrennen.

Kann man nicht aus diesen schon

Macht erkennen?

Welch unentlicher Verstand, der dies alles überdacht!

Welche Allmacht! die das Laub in so manche Form

gebracht!

Daß man fast kein Blätgen sieht in dem weiten

Pflanzen Reiche,

Daß dem andern an Gestalt in der äusern Bildung

gleiche.

Dies ist rund und jenes kraus, dieses breit und

vorn gespizt,

Dies ist wie ein Herz geformt, jenes wie ein Kahn

geschnizt,

Dies ein dreieck, jens Quadrat, dieses wie ein Stern

der strahlet,

Jenes ist als wie ein Rad, das mit Spangrün über-

mahlet!

Dieses ist recht Spiegel glatt, jenes ist gantz rauh

und hart,

Und mit einer Stachel Wehr vor der Räuber Bis

verwahrt.

Dieser Formen Mannigfalt zeugt von einen weisen

Wesen,

Das zu jedes Baumes Art einen neuen Schmuk

erlesen.

Das die ungezählte Zahl derer Blätter, ja ein Blat

Mit besonderer Figur, uns zur Lust gebildet hat,

Damit wir in allen sehn, wie die Werke seiner Hände,

Sichtbahr diese Warheit lehrn: GOttes Macht ist oh-

ne Ende.

Denn der Kreaturen Meng, ihre Unterschiedenheit,

Ist ein abgedrüktes Bild göttlicher Unentlichkeit.

Da man mit Bewundrung sieht, wie in derer Blät-

ter Zügen

Bildungs Zeichen seiner Kunst, die da unerforschlich,

liegen.

Aus was Ursach dieser Baum mit gespitzten Blättern

prangt,

Da ein anderer von

erlangt

Ist woll schwerlich einzusehn, da des ewgen Schöp-

fers Wissen

Jhre Form zum Nutz der Frucht die sie nähren, ab-

gerissen.

Und wie jedes Blats Figur, was besonders an sich

trägt,

So verändert ist das Grün, wenn man ihre Farb

erwegt:

Abermahl ein neuer Grund, der uns zu der Weis-

heit leitet

Die die Zeichnung und die Zier dieses Kunst Ge-

schöpfs bereitet.

Welch verborgner Pinsel Zug hat die Blätter so ge-

mahlt

Daß ein jedes uns ins Aug mit smaragdnen Glan-

ze strahlt:

Der hie in das Dunkle fällt, da mit lichten Schim-

mer scheinet,

Und so manche neue Art in ein einzig Grün vereinet.

Welch Vergnügen labt den Geist, wenn der Farben

Mannigfalt,

Von der reich belaubten Zahl unterschiedner Bäu-

me prallt;

Wenn das Aug hie Seladon Meer und Zeisig Farb

erblikket,

Und sich dort mit Papagoy-Saft und Sittiggrün

erquikket.

Welch ein Finger weiser Macht hat die Farben so

vermischt,

Und ein unbeschreiblich Schön an der Blätter Rand

gewischt,

Daß die Mahler der Natur, die der Farben Arten

kennen,

Nicht einmahl vermögend sind jeder Blätter Grün

zu nennen?

O! du Vater alles Lichts von dem Licht und Farbe

stammt,

Du hast durch die weise Macht jedes Blat so durch-

geflammt,

Daß wir mit gereitzter Lust, wenn wirs tausend-

mahl besehen

Doch von neuen deinen Ruhm, O! verborgner

Gott erhöhen.

Ist die Mahlerei so schön, wegen ihrer Farben Schein,

Was wird denn nicht das Geweb vor ein schönes

Kunst-Werk sein:

Woraus jedes Blat besteht, das fast wie ein Netz

gestrikket

Und mit zarter Zierlichkeit wundernswürdig ausge-

schmükket

Wenn man es mit Achtsamkeit vor das Licht der Son-

ne hält;

Oder bei der dunkeln Nacht vor die helle Lampe stellt:

Alsdenn kann man klärlich sehn, wie der Stiel mit

seinen Zweigen,

Uns die Aeste eines Baums in sehr kleinen Abris

zeigen.

Dieser Stiel ist ein Canal; und ein jedes Aederlein,

Das ein zartes Spinn-Geweb und fast unbegreiflich

fein,

Ist doch einer Röhre gleich dadurch Nahrungssäfte

fliessen,

Die sich nachher in die Frucht zu den fernern Wachs-

thum giessen.

Andre Adern sind dazu daß dadurch der Nahrungs-

saft,

Der dem Früchten nicht recht dient wiederum wird

weggeschaft.

Welche Weisheit, welche Macht, zeigt sich, wenn

man es bedenket

Die durch ein so kleines Blat so viel Röhren hat ge-

lenket,

Die den Stiel durchs ganze Blat ausgespant und fest

gestellt,

Und dadurch die Ausdehnung aller Fäserchen erhält.

Damit jedes Blat ein Schirm der den Früchten herr-

lich nüzzet,

Wenn es sie vor Sonnen Brand und vor faulen

Naß beschüzzet.

Wenn die Dürre alles welkt und den Saft der Frucht

verzehrt,

So erhält sie doch das Laub, das dieselbe dekt und

nährt

Durch die feuchte Abend-Luft durch den Thau im frü-

hen Morgen,

Denn es reichlich in sich saugt seine Frucht doch zu

versorgen.

Lieber Mensch bedenke dies, was die weise Macht

gethan,

Wenn du in dem Garten bist und schau so die Bäu-

me an;

So wirst du mit ihrer Frucht nicht nur deine Kehle

laben,

Sondern auch bei jeden Blat eine Frucht der An-

dacht haben.

Rührt dich derer Zweige Schmuk der der Bäume

Gipfel kränzt

Wenn daran ein jedes Blat mit smaragdnen Schim-

mer glänzt;

So laß diese Augen-Lust, da die Blätter lieblich grü-

nen,

Auch dem Auge des Gemüths sich dran zu ermuntern

dienen:

Preise den mit regen Sinn, der auf einen grünen

Blat,

Seine grosse Herrlichkeit dir zur Lust beschrieben hat;

Hörst du bei bewegter Luft wie die Blätter lispelnd

brausen,

O! so denke allemahl: GOtt ist hier in sanften Sau-

sen,

Und er redet durch das Laub, das fast einer Zunge

gleicht:

Menschen ach! erkennet doch, wie euch eu-

er GOtt geneigt,

Der sich allenthalben läst, auf den Feldern, in den Auen

Als unentlich voller Macht, voller Güt und Weisheit schauen.

Sehet einen Baum nur an, dessen Frucht euch lieblich schmekt,

Und euch deutlich den Begrif von des Höch- sten Güt erwekt

Seine Weisheit kan euch auch ein gewachs-

nes Blättgen lehren

Wollet ihr noch seine Macht von dem Baum bezeuget hören.

Gebt nur acht auf jenes Chor, das auf sei- nen Gipfel singt,

Und ein liebliches Gethön, gurgelnd aus der Kehle zwingt,

Was mag wol der Inhalt sein? werde ich nicht gänzlich fehlen

So deucht mir ich höre es GOttes grosse Macht erzählen.