Die künstlichen Laub-Blätter.
In dem grossen Allmachts-Reich einer
würkenden Natur,
Siehet ein gerührtes Aug manche
künstliche Figur,
Da in ihrer Abbildung und dem
wollgewirkten Zügen,
Zeichen einer weisen Macht, wie in klaren Rissen
liegen.
Man seh nur ein Laub-Blat an, das der Bäume Häup-
ter schmükt,
Was vor wundervolle Kunst ist nicht daran abge-
drükt?
Man seh seinen Ursprung an, wie es sich in Knos-
pen zeiget,
Wie es durch die Treibekraft des verborgnen Wachs-
thums steiget,
Sich entwikkelt aus dem Fach darinn es gefallen war,
Wie es sich steif ausgespannt stellt in seiner Bildung
dar:
Ja! ein Mensch der dies beschaut, mus Bewun-
drungs voll gestehen,
Daß er niemahls ein Geweb von dergleichen Kunst
gesehen.
Die Gestalt ist wunderbahr, die der Blätter Form
ausmacht,
Und nach jedes Baumes Art mannigfaltig ausgedacht,
Nach der Grösse sind sie auch unterschiedlich ausge-
spalten,
Um die Frucht die leicht verdirbt, vor der Fäulnis
zu erhalten;
Andern dienet es zum Schirm, wenn das heisse
Sonnenlicht
Gar zu stark mit seinen Strahl, wie mit Feuer
Pfeilen sticht
Daß sie nicht zu früh verdorrn, oder gar zu Staub
verbrennen.
Kann man nicht aus diesen schon
Macht erkennen?
Welch unentlicher Verstand, der dies alles überdacht!
Welche Allmacht! die das Laub in so manche Form
gebracht!
Daß man fast kein Blätgen sieht in dem weiten
Pflanzen Reiche,
Daß dem andern an Gestalt in der äusern Bildung
gleiche.
Dies ist rund und jenes kraus, dieses breit und
vorn gespizt,
Dies ist wie ein Herz geformt, jenes wie ein Kahn
geschnizt,
Dies ein dreieck, jens Quadrat, dieses wie ein Stern
der strahlet,
Jenes ist als wie ein Rad, das mit Spangrün über-
mahlet!
Dieses ist recht Spiegel glatt, jenes ist gantz rauh
und hart,
Und mit einer Stachel Wehr vor der Räuber Bis
verwahrt.
Dieser Formen Mannigfalt zeugt von einen weisen
Wesen,
Das zu jedes Baumes Art einen neuen Schmuk
erlesen.
Das die ungezählte Zahl derer Blätter, ja ein Blat
Mit besonderer Figur, uns zur Lust gebildet hat,
Damit wir in allen sehn, wie die Werke seiner Hände,
Sichtbahr diese Warheit lehrn: GOttes Macht ist oh-
ne Ende.
Denn der Kreaturen Meng, ihre Unterschiedenheit,
Ist ein abgedrüktes Bild göttlicher Unentlichkeit.
Da man mit Bewundrung sieht, wie in derer Blät-
ter Zügen
Bildungs Zeichen seiner Kunst, die da unerforschlich,
liegen.
Aus was Ursach dieser Baum mit gespitzten Blättern
prangt,
Da ein anderer von
erlangt
Ist woll schwerlich einzusehn, da des ewgen Schöp-
fers Wissen
Jhre Form zum Nutz der Frucht die sie nähren, ab-
gerissen.
Und wie jedes Blats Figur, was besonders an sich
trägt,
So verändert ist das Grün, wenn man ihre Farb
erwegt:
Abermahl ein neuer Grund, der uns zu der Weis-
heit leitet
Die die Zeichnung und die Zier dieses Kunst Ge-
schöpfs bereitet.
Welch verborgner Pinsel Zug hat die Blätter so ge-
mahlt
Daß ein jedes uns ins Aug mit smaragdnen Glan-
ze strahlt:
Der hie in das Dunkle fällt, da mit lichten Schim-
mer scheinet,
Und so manche neue Art in ein einzig Grün vereinet.
Welch Vergnügen labt den Geist, wenn der Farben
Mannigfalt,
Von der reich belaubten Zahl unterschiedner Bäu-
me prallt;
Wenn das Aug hie Seladon Meer und Zeisig Farb
erblikket,
Und sich dort mit Papagoy-Saft und Sittiggrün
erquikket.
Welch ein Finger weiser Macht hat die Farben so
vermischt,
Und ein unbeschreiblich Schön an der Blätter Rand
gewischt,
Daß die Mahler der Natur, die der Farben Arten
kennen,
Nicht einmahl vermögend sind jeder Blätter Grün
zu nennen?
O! du Vater alles Lichts von dem Licht und Farbe
stammt,
Du hast durch die weise Macht jedes Blat so durch-
geflammt,
Daß wir mit gereitzter Lust, wenn wirs tausend-
mahl besehen
Doch von neuen deinen Ruhm, O! verborgner
Gott erhöhen.
Ist die Mahlerei so schön, wegen ihrer Farben Schein,
Was wird denn nicht das Geweb vor ein schönes
Kunst-Werk sein:
Woraus jedes Blat besteht, das fast wie ein Netz
gestrikket
Und mit zarter Zierlichkeit wundernswürdig ausge-
schmükket
Wenn man es mit Achtsamkeit vor das Licht der Son-
ne hält;
Oder bei der dunkeln Nacht vor die helle Lampe stellt:
Alsdenn kann man klärlich sehn, wie der Stiel mit
seinen Zweigen,
Uns die Aeste eines Baums in sehr kleinen Abris
zeigen.
Dieser Stiel ist ein Canal; und ein jedes Aederlein,
Das ein zartes Spinn-Geweb und fast unbegreiflich
fein,
Ist doch einer Röhre gleich dadurch Nahrungssäfte
fliessen,
Die sich nachher in die Frucht zu den fernern Wachs-
thum giessen.
Andre Adern sind dazu daß dadurch der Nahrungs-
saft,
Der dem Früchten nicht recht dient wiederum wird
weggeschaft.
Welche Weisheit, welche Macht, zeigt sich, wenn
man es bedenket
Die durch ein so kleines Blat so viel Röhren hat ge-
lenket,
Die den Stiel durchs ganze Blat ausgespant und fest
gestellt,
Und dadurch die Ausdehnung aller Fäserchen erhält.
Damit jedes Blat ein Schirm der den Früchten herr-
lich nüzzet,
Wenn es sie vor Sonnen Brand und vor faulen
Naß beschüzzet.
Wenn die Dürre alles welkt und den Saft der Frucht
verzehrt,
So erhält sie doch das Laub, das dieselbe dekt und
nährt
Durch die feuchte Abend-Luft durch den Thau im frü-
hen Morgen,
Denn es reichlich in sich saugt seine Frucht doch zu
versorgen.
Lieber Mensch bedenke dies, was die weise Macht
gethan,
Wenn du in dem Garten bist und schau so die Bäu-
me an;
So wirst du mit ihrer Frucht nicht nur deine Kehle
laben,
Sondern auch bei jeden Blat eine Frucht der An-
dacht haben.
Rührt dich derer Zweige Schmuk der der Bäume
Gipfel kränzt
Wenn daran ein jedes Blat mit smaragdnen Schim-
mer glänzt;
So laß diese Augen-Lust, da die Blätter lieblich grü-
nen,
Auch dem Auge des Gemüths sich dran zu ermuntern
dienen:
Preise den mit regen Sinn, der auf einen grünen
Blat,
Seine grosse Herrlichkeit dir zur Lust beschrieben hat;
Hörst du bei bewegter Luft wie die Blätter lispelnd
brausen,
O! so denke allemahl: GOtt ist hier in sanften Sau-
sen,
Und er redet durch das Laub, das fast einer Zunge
gleicht:
Menschen ach! erkennet doch, wie euch eu-
er GOtt geneigt,
Der sich allenthalben läst, auf den Feldern, in den Auen
Als unentlich voller Macht, voller Güt und Weisheit schauen.
Sehet einen Baum nur an, dessen Frucht euch lieblich schmekt,
Und euch deutlich den Begrif von des Höch- sten Güt erwekt
Seine Weisheit kan euch auch ein gewachs-
nes Blättgen lehren
Wollet ihr noch seine Macht von dem Baum bezeuget hören.
Gebt nur acht auf jenes Chor, das auf sei- nen Gipfel singt,
Und ein liebliches Gethön, gurgelnd aus der Kehle zwingt,
Was mag wol der Inhalt sein? werde ich nicht gänzlich fehlen
So deucht mir ich höre es GOttes grosse Macht erzählen.