Die Liebe höret nimmer auf

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Verklungene Lieder, verblaßtes Blau, –

wie kühl der Wind und die Welt wie grau!

Die letzte Rose am Hag verblüht,

ein Tränenregen vom Himmel sprüht.

So schal und dunkel des Jahres Rest –

die Glocken läuten zum Totenfest.

Der Mund, der schmeichelnd dich einst geküßt,

ward kalt und stumm, nun du elend bist –

der Arm, der schützend dein Haupt umschlang,

er ruht im Grabe und modert lang, –

und das Aug', das lächelnd das deine traf,

nun schläft es den tiefen, den ewigen Schlaf. –

Und was dich freute, und all, was dein,

das sollt für immer verloren sein?!

Was irdisch, wurde der Erde Raub;

bekränze den Hügel, – den Staub zum Staub.

Dann aber den tränenden Blick hinauf:

„Die Liebe, sie höret nimmer auf!“

Wer heiß geliebt und wer hoch gestrebt,

der ist nicht begraben und tot, der lebt –

Das Samenkorn, das wir der Erde vertraut,

wird keimen, sobald der Himmel blaut,

Und das Auge, das heut in Schmerzen weint,

wird lächeln, wenn wieder die Sonne scheint.

O Tag der Toten, du Tränentag:

Wie trüb der Himmel auch scheinen mag,

wie tief auch Hügel und Tal verschneit:

Ich glaub an die kommende Frühlingszeit, –

ich schlage das Auge zum Licht hinauf

und weiß: Die Liebe hört nimmer auf!