Die Maienblumen.

By Johann Justus Ebeling

Zu der holden Frühlings Zeit ging ich

in den grünen Wald,

Zu dem Tempel der Natur, stiller

Andacht Aufenthalt,

In dem Ehrfurchtsvollen Dun-

keln mein Gemüte zu erquikken,

Und die holden Maienblumen zum

Vergnügen abzupflükken.

Ich fand ihre weisse Pracht, die aus

dem beschilften Grün

Zwar in tiefer Niedrigkeit, doch mir sehr erweklich,

schien.

Ich brach sie von ihren Stengeln, mit wollriechenden

Gebüschen,

Woraus süsse Dünste steigen, Lung und Herze zu

erfrischen.

Als ich einen dikken Straus in ein kleines Band ge-

bracht,

Setzt ich mich auf einen Stamm und besahe mit

Bedacht,

Dieser Blumen nette Formen, die an zarten Sten-

geln prangen,

Und wie lauter kleine Glokken, in gezierter Ründe

hangen.

Es gefiel mir die Gestalt und gedachte auch dabei,

Daß ein grün Gebüsch mit Recht, schon vorlängst

genennet sei,

Der Natur geweihter Tempel; weil hier ebenfals

die Glokken,

Uns den Schöpfer zu verehren; zwar durch keinen

Schall anlokken,

Doch mit vieler Anmuth lehrn: daß in einen stillen

Hain

Viele Dinge anzusehn, die uns Andachts Glokken

sein;

Daß nicht nur der Bäume Wipfel und der Blätter

rauschend Regen,

Sondern auch die kleinsten Kräuter, zu des Schöp-

fers Preis bewegen.

Diese weisse Frühlings Schaar, die der Schöpfer

ausgestreut,

Die dem Augen woll gefällt, und uns im Geruch

erfreut,

Uberzeugt uns von der Güte, die der Höchste für

uns heget,

Der in diese Kunst-Gewächse so viel süssen Nuz ge-

leget.

Das erhellt noch mehr wenn man draus ein lieblich

Wasser brennt,

Das man wegen seiner Kraft, als ein Lebens Was-

ser kennt,

Und die Aerzte öfters brauchen und zum Gegenmit-

tel wählen,

Wenn der Krankheit bange Uebel den verdorbnen

Körper quälen.

Denken wir dem allen nach; so bezeugt die Maien-

blum

Uns des Schöpfers weise Güt und treibt uns zu sei-

nen Ruhm;

Jhre weisse Silber-Glokken, die vor andern lieb-

lich klingen,

In der Wälder Heiligthume, treiben mich also zu

singen: