Die Maienblumen.
Zu der holden Frühlings Zeit ging ich
in den grünen Wald,
Zu dem Tempel der Natur, stiller
Andacht Aufenthalt,
In dem Ehrfurchtsvollen Dun-
keln mein Gemüte zu erquikken,
Und die holden Maienblumen zum
Vergnügen abzupflükken.
Ich fand ihre weisse Pracht, die aus
dem beschilften Grün
Zwar in tiefer Niedrigkeit, doch mir sehr erweklich,
schien.
Ich brach sie von ihren Stengeln, mit wollriechenden
Gebüschen,
Woraus süsse Dünste steigen, Lung und Herze zu
erfrischen.
Als ich einen dikken Straus in ein kleines Band ge-
bracht,
Setzt ich mich auf einen Stamm und besahe mit
Bedacht,
Dieser Blumen nette Formen, die an zarten Sten-
geln prangen,
Und wie lauter kleine Glokken, in gezierter Ründe
hangen.
Es gefiel mir die Gestalt und gedachte auch dabei,
Daß ein grün Gebüsch mit Recht, schon vorlängst
genennet sei,
Der Natur geweihter Tempel; weil hier ebenfals
die Glokken,
Uns den Schöpfer zu verehren; zwar durch keinen
Schall anlokken,
Doch mit vieler Anmuth lehrn: daß in einen stillen
Hain
Viele Dinge anzusehn, die uns Andachts Glokken
sein;
Daß nicht nur der Bäume Wipfel und der Blätter
rauschend Regen,
Sondern auch die kleinsten Kräuter, zu des Schöp-
fers Preis bewegen.
Diese weisse Frühlings Schaar, die der Schöpfer
ausgestreut,
Die dem Augen woll gefällt, und uns im Geruch
erfreut,
Uberzeugt uns von der Güte, die der Höchste für
uns heget,
Der in diese Kunst-Gewächse so viel süssen Nuz ge-
leget.
Das erhellt noch mehr wenn man draus ein lieblich
Wasser brennt,
Das man wegen seiner Kraft, als ein Lebens Was-
ser kennt,
Und die Aerzte öfters brauchen und zum Gegenmit-
tel wählen,
Wenn der Krankheit bange Uebel den verdorbnen
Körper quälen.
Denken wir dem allen nach; so bezeugt die Maien-
blum
Uns des Schöpfers weise Güt und treibt uns zu sei-
nen Ruhm;
Jhre weisse Silber-Glokken, die vor andern lieb-
lich klingen,
In der Wälder Heiligthume, treiben mich also zu
singen: