Die Morgen-Röhte. Nach Anleitung des Spectacle de la Nature.

By Barthold Heinrich Brockes

Die Morgen-Zeit ist gar zu schön! Unmöglich kann ich

mich entbrechen,

Von unsers Tages frühen Wundern noch was beträchtliches

zu sprechen,

So wohl zu meines Schöpfers Ruhm, und mir zur Lust, als

andre mehr

Von einem Schlafe zu ermuntern, in welchem sie der Gottheit

Ehr',

Sammt ihrer eignen Lust und Pflicht, zu welchen sie jedoch

erschaffen,

In einer unglücksel’gen Trägheit, sehr oft verschnarchen und

verschlafen.

Die Heyden, welche, mehr als wir, der hellen Fackel der

Natur

Bemühet waren nachzufolgen, und ihrer angenehmen

Spuhr,

Vermogten nie Jdeen gnug, die Wunder-Werke zu ergrün-

den,

Und, solche würdig abzuschildern, nicht Wort’ und Bilder

gnug zu finden.

Sie nenneten die

zarter Luft,

Umhüllt mit einem bunten Schleyer von Purpur- farb- und

güldnem Duft,

Die das bestrahlte Morgen-Thor mit Rosen- farbner Hand

entschliesset,

Die Luft mit linden Winden füllt, und Perlen auf die Kräuter

giesset,

Die alle Pflanzen tränkt und säuget, aus deren Schritten

Bluhmen quillen,

Durch welche Luft und Meer und Land mit Leben, Licht und

Lust sich füllen.

Nun sind zwar solche Stellen reizend, sind süß und ange-

nehm zu lesen;

Jedoch gebrauchet die Natur dergleichen schlechten Schminke

nicht.

Es strahlt aus ihrer Wirklichkeit, es bricht aus ihrem eignen

Wesen

Ein wesentlicher Wunder-Glanz, ein wahres eigenthümlich

Licht,

Sie prangt mit eigner Majestät, man siehet sie sich selber

krönen,

Und darf sie, was sie selbst besitzt, von fremdem Schimmer

nicht entlehnen.

Man wird die schöne Morgen-Röhte fast eine neue

Schöpfung nennen,

Und, unter solchem hohen Bilde, dieselbige betrachten

können;

Indem durch sie ein neuer Himmel, und gleichsam eine neue

Welt,

Aus tiefer Finsterniß gezogen, von neuem uns wird vorge-

stellt.

Sie zeiget uns bebüschte Berge, beblühmte Thäler, grüne

Wälder,

Begraste Wiesen, klare Bäche, mit Korn bedeckte fette Felder.

Sie ziehet vor gethürmte Städte den sie verhüll’nden Vor-

hang weg,

Sie zeigt des Wildes Spuhr dem Jäger, dem Wandrer den

gesuchten Steg.

Die Herrlichkeit so reicher Schätze war noch vor kurzem ganz

verlohren,

Die Schatten hatten sie geraubt. Jtzt sind sie gleichsam neu

gebohren,

Erscheinen aus dem dunklen Nichts.

Wie nun der Glanz des Morgen-Lichts,

Ohn’ unser Zuthun, wiederkehrt;

So scheint uns eine neue Schöpfung, in seiner Wiederkunft,

beschehrt,

So daß man einen jeden Morgen, und einen jeden neuen Tag,

So wohl, als wie den allerersten, betrachten und bewundern

mag.

Es ist, nicht minder als der erste, für uns jedwedes Tages

Schein

Ein neues göttliches Geschenke. Laßt uns denn täglich

dankbar seyn!

Zur täglichen Gebuhrt der Erden wird, von dem neuen

Morgen-Licht,

Für uns noch ein Geschenk gefügt, das fast für uns geringer

nicht,

Als wie das erste: Wird uns nicht dadurch fast ein verneutes

Leben,

Indem, als einer Art des Todes, es uns dem Schlaf entzieht,

gegeben?

Er giebet gleichsam uns den Geist, die Arme, Bein’ und andre

Glieder,

Die, durch den Schlaf, nicht brauchbar waren, des Morgens

uns aufs neue wieder.

Er ruft zur Arbeit: welche Stimme zwar nicht ergetzlich

würde seyn,

Wann

nicht allein

Ein' Uebung der uns nöht'gen Tugend; sie ist des

wahren Glückes Quelle.

Die Morgen-Röhte machet alles, zu rechter Zeit, in

Ordnung, helle,

Und zwinget uns, uns selbst zu dienen. Des Hahnen richti-

ger Gesang

Vertritt noch überdem die Stelle von eines Uhren-Weckers

Klang,

Damit man nicht die Zeit verschlafe. Die Vögel haben auf

die Felder

Sich schon, noch eh’ als wir, verfügt, erfüllen Wiesen, Luft

und Wälder

Mit ihrem gurgelnden Getön, und helfen, mit gelindem

Schall,

Den Schlummer gänzlich zu vertreiben. Jtzt regt sich alles

überall,

Das Vieh zum Acker-Werk ist fertig, die Ochsen, nebst den

muntern Pferden,

Erwarten unsern Wink allein, zusammt den Wollen-reichen

Heerden,

Den Marsch gehorsam anzufangen. So weit mein Auge

tragen kann,

Treff’ ich, aus nah- und fernen Dörfern, ein emsiges Bewe-

gen an.

Hier Acker-Leut’ und Acker-Vieh, dort Reisende zu Fuß und

Wagen,

Dort Hirten vor den Heerden her, hier sieht man Handwerks-

Leute tragen

So mancherley Geräht und Werkzeug. So fern sich unser

Blick erstreckt,

Sind Wege, Brücken, Haven, Märkte bereits erfüllet und

bedeckt,

Was lebet, ist schon in Bewegung. Der Morgen hat uns

angezeiget,

Die Zeit zur Arbeit sey erschienen, und alles ist dazu geneiget.

Inzwischen nun, daß wir die Menschen, mit ihren Thieren,

kommen sehn,

Erblick’ ich, voll Verwunderung, daß ander’ eilig von uns

gehn,

Und, statt des Lichts sich zu erfreun, vor seinem Schimmer fast

erschrecken,

Und sich in Höhlen, Grüfte, Löcher und dunkle Wälder schnell

verstecken,

Ja die auch sonst das Licht nicht scheuen, bemühen sich, sich zu

verdecken.

Da, wo ein dichter Wald beginnt, kommt hier ein Fuchs,

und dort ein Reh,

Ein Wolf, ein Hirsch, ein wildes Schwein, bald aus dem

Thal, bald von der Höh,

Bald traben, hüpfen, laufen, springen,

Um uns das Feld zu überlassen, und in den dicken Busch zu

dringen.

Was zwinget sie, sich zu entfernen? Die wenigsten das

Morgen-Licht,

Als dessen sie sich auch bedienen. Die Menschen thun es

gleichfalls nicht,

Als welche ja nicht in der Nähe; und die sich etwan nahe

finden,

Sind ja mit Waffen nicht versehn. Hier lieget einer in den

Gründen,

Jm Grase ruhig bey den Schafen, der spielt dort auf der

Feld-Schallmey,

Ein Reisender geht, ohne Sorg’ und bösen Willen, schnell

vorbey.

So laßt uns auch, in dieser Handlung, des Schöpfers Ord-

nungen erkennen.

Da Er, als wie ein Eigenthum, die Welt dem Menschen

wollen gönnen;

Muß alles das, was ihm beschwehrlich, so bald als er erschei-

net, fliehn,

Und, was ihm schädlich, wenn er kommt, sich seiner Gegen-

wart entziehn.

Das Wild, das ihn sonst hindern könnte, muß seinem Mei-

ster weichen lernen.

Die unsichtbare Wunder-Hand des Schöpfers weiß sie zu

entfernen;

So daß der Mensch, der Herr der Erden, wenn er sein Eigen-

thum besehn,

Und auf demselben wirken will, in einer sichern Freyheit

gehn,

Sich ungestört beschäft’gen kann. Es muß, was ihn behin-

dern können,

Durch ein gewiß, ich weiß nicht was, entweichen und sich von

ihm trennen.

Mit noch viel mehr- und andern Schätzen sieht man den

All- erfreu'nden Morgen,

Noch eh’ die Sonne selbst erscheint, uns, in dem kühlen Thau,

versorgen.

Ein Heer von Luft- und Wasser-Bläschen, so gestern, durch

die Sonn', erhöht,

Und in die obre Luft gezogen, so bald die kalte Nacht vergeht,

Wird früh, so bald es angestrahlt, erregt, allmählig ausge-

breitet,

Durch die Bewegung in der Luft wird uns ein kühler Wind

bereitet,

Der, da er andre Bläschen trifft, dieselben allgemach bewegt,

Da denn der frische Dunst der Luft sich sanft zu uns herunter

schlägt,

Als eine Milch die Pflanzen säugt, die Bluhmen, Gras und

Kräuter nähret,

Die Felder netzt, die Erde tränkt, und ihnen Oel und Salz

gewähret.