Die Morgen-Röhte. Nach Anleitung des Spectacle de la Nature.
Die Morgen-Zeit ist gar zu schön! Unmöglich kann ich
mich entbrechen,
Von unsers Tages frühen Wundern noch was beträchtliches
zu sprechen,
So wohl zu meines Schöpfers Ruhm, und mir zur Lust, als
andre mehr
Von einem Schlafe zu ermuntern, in welchem sie der Gottheit
Ehr',
Sammt ihrer eignen Lust und Pflicht, zu welchen sie jedoch
erschaffen,
In einer unglücksel’gen Trägheit, sehr oft verschnarchen und
verschlafen.
Die Heyden, welche, mehr als wir, der hellen Fackel der
Natur
Bemühet waren nachzufolgen, und ihrer angenehmen
Spuhr,
Vermogten nie Jdeen gnug, die Wunder-Werke zu ergrün-
den,
Und, solche würdig abzuschildern, nicht Wort’ und Bilder
gnug zu finden.
Sie nenneten die
zarter Luft,
Umhüllt mit einem bunten Schleyer von Purpur- farb- und
güldnem Duft,
Die das bestrahlte Morgen-Thor mit Rosen- farbner Hand
entschliesset,
Die Luft mit linden Winden füllt, und Perlen auf die Kräuter
giesset,
Die alle Pflanzen tränkt und säuget, aus deren Schritten
Bluhmen quillen,
Durch welche Luft und Meer und Land mit Leben, Licht und
Lust sich füllen.
Nun sind zwar solche Stellen reizend, sind süß und ange-
nehm zu lesen;
Jedoch gebrauchet die Natur dergleichen schlechten Schminke
nicht.
Es strahlt aus ihrer Wirklichkeit, es bricht aus ihrem eignen
Wesen
Ein wesentlicher Wunder-Glanz, ein wahres eigenthümlich
Licht,
Sie prangt mit eigner Majestät, man siehet sie sich selber
krönen,
Und darf sie, was sie selbst besitzt, von fremdem Schimmer
nicht entlehnen.
Man wird die schöne Morgen-Röhte fast eine neue
Schöpfung nennen,
Und, unter solchem hohen Bilde, dieselbige betrachten
können;
Indem durch sie ein neuer Himmel, und gleichsam eine neue
Welt,
Aus tiefer Finsterniß gezogen, von neuem uns wird vorge-
stellt.
Sie zeiget uns bebüschte Berge, beblühmte Thäler, grüne
Wälder,
Begraste Wiesen, klare Bäche, mit Korn bedeckte fette Felder.
Sie ziehet vor gethürmte Städte den sie verhüll’nden Vor-
hang weg,
Sie zeigt des Wildes Spuhr dem Jäger, dem Wandrer den
gesuchten Steg.
Die Herrlichkeit so reicher Schätze war noch vor kurzem ganz
verlohren,
Die Schatten hatten sie geraubt. Jtzt sind sie gleichsam neu
gebohren,
Erscheinen aus dem dunklen Nichts.
Wie nun der Glanz des Morgen-Lichts,
Ohn’ unser Zuthun, wiederkehrt;
So scheint uns eine neue Schöpfung, in seiner Wiederkunft,
beschehrt,
So daß man einen jeden Morgen, und einen jeden neuen Tag,
So wohl, als wie den allerersten, betrachten und bewundern
mag.
Es ist, nicht minder als der erste, für uns jedwedes Tages
Schein
Ein neues göttliches Geschenke. Laßt uns denn täglich
dankbar seyn!
Zur täglichen Gebuhrt der Erden wird, von dem neuen
Morgen-Licht,
Für uns noch ein Geschenk gefügt, das fast für uns geringer
nicht,
Als wie das erste: Wird uns nicht dadurch fast ein verneutes
Leben,
Indem, als einer Art des Todes, es uns dem Schlaf entzieht,
gegeben?
Er giebet gleichsam uns den Geist, die Arme, Bein’ und andre
Glieder,
Die, durch den Schlaf, nicht brauchbar waren, des Morgens
uns aufs neue wieder.
Er ruft zur Arbeit: welche Stimme zwar nicht ergetzlich
würde seyn,
Wann
nicht allein
Ein' Uebung der uns nöht'gen Tugend; sie ist des
wahren Glückes Quelle.
Die Morgen-Röhte machet alles, zu rechter Zeit, in
Ordnung, helle,
Und zwinget uns, uns selbst zu dienen. Des Hahnen richti-
ger Gesang
Vertritt noch überdem die Stelle von eines Uhren-Weckers
Klang,
Damit man nicht die Zeit verschlafe. Die Vögel haben auf
die Felder
Sich schon, noch eh’ als wir, verfügt, erfüllen Wiesen, Luft
und Wälder
Mit ihrem gurgelnden Getön, und helfen, mit gelindem
Schall,
Den Schlummer gänzlich zu vertreiben. Jtzt regt sich alles
überall,
Das Vieh zum Acker-Werk ist fertig, die Ochsen, nebst den
muntern Pferden,
Erwarten unsern Wink allein, zusammt den Wollen-reichen
Heerden,
Den Marsch gehorsam anzufangen. So weit mein Auge
tragen kann,
Treff’ ich, aus nah- und fernen Dörfern, ein emsiges Bewe-
gen an.
Hier Acker-Leut’ und Acker-Vieh, dort Reisende zu Fuß und
Wagen,
Dort Hirten vor den Heerden her, hier sieht man Handwerks-
Leute tragen
So mancherley Geräht und Werkzeug. So fern sich unser
Blick erstreckt,
Sind Wege, Brücken, Haven, Märkte bereits erfüllet und
bedeckt,
Was lebet, ist schon in Bewegung. Der Morgen hat uns
angezeiget,
Die Zeit zur Arbeit sey erschienen, und alles ist dazu geneiget.
Inzwischen nun, daß wir die Menschen, mit ihren Thieren,
kommen sehn,
Erblick’ ich, voll Verwunderung, daß ander’ eilig von uns
gehn,
Und, statt des Lichts sich zu erfreun, vor seinem Schimmer fast
erschrecken,
Und sich in Höhlen, Grüfte, Löcher und dunkle Wälder schnell
verstecken,
Ja die auch sonst das Licht nicht scheuen, bemühen sich, sich zu
verdecken.
Da, wo ein dichter Wald beginnt, kommt hier ein Fuchs,
und dort ein Reh,
Ein Wolf, ein Hirsch, ein wildes Schwein, bald aus dem
Thal, bald von der Höh,
Bald traben, hüpfen, laufen, springen,
Um uns das Feld zu überlassen, und in den dicken Busch zu
dringen.
Was zwinget sie, sich zu entfernen? Die wenigsten das
Morgen-Licht,
Als dessen sie sich auch bedienen. Die Menschen thun es
gleichfalls nicht,
Als welche ja nicht in der Nähe; und die sich etwan nahe
finden,
Sind ja mit Waffen nicht versehn. Hier lieget einer in den
Gründen,
Jm Grase ruhig bey den Schafen, der spielt dort auf der
Feld-Schallmey,
Ein Reisender geht, ohne Sorg’ und bösen Willen, schnell
vorbey.
So laßt uns auch, in dieser Handlung, des Schöpfers Ord-
nungen erkennen.
Da Er, als wie ein Eigenthum, die Welt dem Menschen
wollen gönnen;
Muß alles das, was ihm beschwehrlich, so bald als er erschei-
net, fliehn,
Und, was ihm schädlich, wenn er kommt, sich seiner Gegen-
wart entziehn.
Das Wild, das ihn sonst hindern könnte, muß seinem Mei-
ster weichen lernen.
Die unsichtbare Wunder-Hand des Schöpfers weiß sie zu
entfernen;
So daß der Mensch, der Herr der Erden, wenn er sein Eigen-
thum besehn,
Und auf demselben wirken will, in einer sichern Freyheit
gehn,
Sich ungestört beschäft’gen kann. Es muß, was ihn behin-
dern können,
Durch ein gewiß, ich weiß nicht was, entweichen und sich von
ihm trennen.
Mit noch viel mehr- und andern Schätzen sieht man den
All- erfreu'nden Morgen,
Noch eh’ die Sonne selbst erscheint, uns, in dem kühlen Thau,
versorgen.
Ein Heer von Luft- und Wasser-Bläschen, so gestern, durch
die Sonn', erhöht,
Und in die obre Luft gezogen, so bald die kalte Nacht vergeht,
Wird früh, so bald es angestrahlt, erregt, allmählig ausge-
breitet,
Durch die Bewegung in der Luft wird uns ein kühler Wind
bereitet,
Der, da er andre Bläschen trifft, dieselben allgemach bewegt,
Da denn der frische Dunst der Luft sich sanft zu uns herunter
schlägt,
Als eine Milch die Pflanzen säugt, die Bluhmen, Gras und
Kräuter nähret,
Die Felder netzt, die Erde tränkt, und ihnen Oel und Salz
gewähret.