Die Muscheln

By Wilhelm Müller

Written 1810-01-01 - 1810-01-01

Die letzten Meereswellen

Verschäumen um den Strand,

Und bunte Muscheln streuen

Sie auf den bleichen Sand.

Ein kleines Fischermädchen,

Zum Küssen groß genug,

Kam flink daher gegangen,

Ein Netz am Arm sie trug.

Und von den weißen Füßen

Band ihre Sohlen sie,

Und gürtete das Röckchen

Sich auf bis an das Knie.

So fing sie an, zu waten

Hinein in Schaum und Sand

Und suchte bunte Muscheln

Sich auf dem nassen Strand.

Sie warf sie in ihr Netzchen,

Bis daß es überquoll,

Dann nahm sie auf ihr Röckchen

Und las den Schooß sich voll.

Gleich ward das Meer lebendig.

Als hätt' es Fleisch und Blut:

Je mehr sie hub das Röckchen,

Je höher stieg die Fluth.

Da fing sie an zu schreien

Und ließ die Zipfel los,

Und alle Muscheln fielen

Aus ihrem vollen Schooß.

Ich trug sie aus den Wellen

Heraus in flinkem Lauf,

Ich fischt' ihr aus dem Wasser

Die Muscheln wieder auf;

Und wollte dann sie werfen

In ihres Röckchens Schooß,

Sie aber hielt das Netzchen

Mir hin, und thät sich groß.

Was soll ich mit dem Netze?

'S geht keine mehr hinein.

Ich bin ja keine Welle –

Du sollst nicht wieder schrein.