Die Nachbarschafft des Lebens und Todtes Bey Beerdigung Fr. E. T. g. S. erwogen ...

By Heinrich Mühlpfort

Was kan O Nachbarin ich krancker Nachbar schrei- ben?

Der Tod sieht weder Freund-noch Nachbarschafft

Doch mein Versprechen soll auch nicht zurücke bleiben

Ich halte noch mein Wort so viel ich immer kan.

Zwar wer Ergetzligkeit und schöne

Der lese nicht das Blat das Wermuth nur bedeckt.

Die Feder so vor längst bey Leichen außgeübet

Sucht nicht der Redner Zier der Dichter ihr Confect.

Ich würde

Wer gönnt Verlebten nicht die höchst verlangte Ruh?

Es störte nur mein Reim dein eisriges Begehren

Das dieses in sich hält: Man ruffe mir Glück zu!

Und solches schrey ich nach: Glück zu! zum überwinden;

Wo noch deß Nachbars Mund dein leichter Schatten hört.

Glück zu daß du den Port deß Friedens können finden

Und dich kein Unglücks-Sturm noch Jammer-Welle stört.

Du hast genug gelebt du hast genug erfahren

Wie Leben und der Tod verknüpffte Nachbarn seyn!

Jtzt geh’ stu Lehens-satt bey den beschneyten Haaren

Als Himmels-Bürger in die Ehren-Pforten ein.

Hier grübelt die Vernunfft: Ob bey der ersten Wiegen

Den Tod ein Sterblicher auch Nachbar nennen mag?

Ob stehn und unter gehn sich so zusammen fügen

Das nichts verhindern kan Zeit Monat Jahr und Tag?

Nein weil der Mutter-Leib den Menschen hält umbfangen

Baut Furcht und Schrecken offt demselben eine Bahr:

Und wie viel sind dahin unangeschaut gegangen

Wenn ein verleschtes Licht der Frucht Erstickung war?

Ja treten wir heran: Die erste Stund ist Weinen

Wenn viertzig Tag hernach ein wenig Lächeln kömmt

Wir sind Gefangnen gleich eh’ als wirs können meinen

Wenn uns ein harter Druck des Nachts den Athem nimmt.

Und wie viel sterben so? Ist nicht bey unserm Schreiten

Nur die Gebrechligkeit so uns die Füsse führt?

Nenn ich der Jugend Eiß? Wo tausend Seelen gleiten

Wo jede Stunde sich der Tod als Nachbar rührt.

Viel stürtzt Verwegenheit zu den verblasten Schaaren

Viel läst der selbst-Betrug deß Todes Garn nicht schaun.

Theils sind in ihrer Lust theils in dem Zorn gefahren

Den Meisten muß oft selbst vor ihrem Leben graun.

Verklärt sich der Verstand? so werden doch Begierden

In einem vollen Heer mit uns zn Felde ziehn.

(den

Pracht Hoheit Mißgunst Geitz Frucht Ehrsucht Lieb und

Sind Nesseln die niemals das Leben lassen blühn.

Es rücket unvermerckt der Tod an unsre Seite

Wacht mit den Wachenden schläfft mit den Müden ein.

Denckt wie er uns ein Garn so künstlich zubereite

Daß bey der Sicherheit wir erst bestricket seyn.

So ist und bleibt der Tod nur Nachbar wider willen

Biß ihn deß Alters Last uns angenehmer macht.

Denn wenn die Regungen sich des Gemüthes stillen

Wird seine Nutzbarkeit und Wolthat erst bedacht.

Ob mancher schon nicht denckt daß man des Todes Muhmen

Auffbothen zu dem Grab Wegweiser zu der Fahrt

Die grauen Haare nennt des Kirchhoffs schönste Blumen

Und für der letzten Frist sich so viel möglich spart.

So lehrt der Ausgang doch daß wie der Schnee muß schwinden

Bey auffgewachter Sonn der weisse Reiff vergeht

Auch unsres Lebens Ziel sein Ende müsse finden

Und daß uns Tag und Nacht der Tod zur Seiten steht.

Hergegen wer verwirfft des Fleisches faule Brillen

Siht durch des Glaubens Glaß die Herrligkeiten an:

Glaubt das und kan auch so sein Hertz mit Trost bestillen.

Kein treuer Nachbar nicht als nur der Tod seyn kan.

Wie offt sind Nachbarn nicht auf Erden schlimme Feinde

Ja gönnen vielmals kaum einander frische Lufft?

Nein der getrene Tod führt uns zum Seelen-Freunde

Auf den diß matte Hertz in letzten Zügen hofft.

Viel Nachbarn wünschen sich der Seythen ihre Hütten

Daß nach Belieben sie dieselben rücken fort.

Wie heilsam ist der Tod! der aus des Satans Wüthen

Und aus der Angst der Welt die Christen führt zum Port.

O seel’ ge Nachbarschafft! wer hie den Tod wol kennet

Und ihn die Lebens-Zeit für einen Gleits-Mann hält

Wird wenn sich der maleinst die Seel vom Leibe trennet

Zuletzt den Engeln noch als Nachbarn beygesellt.

Beglückte

Nachdem dein Auge nun die grossen Freuden schaut.

Du hast auff den gegründt dein unbeweglich Hoffen

Der dieses gantze Rund der weiten Welt erbaut.

Schlaf’ in der Erden Schoß! kein Nachbar wird dich stören

Ob Nord Ost Sud und West die Nachbarschafft nicht hält.

Man kan noch deinen Ruhm auf vieler Zungen hören

Wie du gewesen bist ein Bild der alten Welt.

Dein Tugend-eyfrig Geist hat

Die Wollust dieser Zeit aus Haus und Hertz verdammt.

Zucht Ehr und Redligkeit war deiner Scheitel Krone

Und diese bleibt auch noch den Kindern eingestammt.

Die Mode von der Welt hieß eine Schanden-Decke;

So Laster nur allein nicht Tugend sichtbar macht.

Und Uberfluß und Pracht so eine Sünden-Hecke

Die viel an Bettel-Stab und ins Verderben bracht.

Der ersten Schlesier genau und sparsam Leben

Wieß deine Häußligkeit in einem Spiegel für.

Was Rom für Zeugnüß den Sabinern können geben

Das gibt man ja mit Recht

Dein langer Witben-Stand war nur ein embsig Beten

Und GOttes Willen must in allen Richtsch nur seyn.

Biß dich hat Lebens-satt der blasse Tod betreten

Und den entseelten Leib beschleust der schwartze Schrein.

Noch mehr: Du stirbst erfreut in deiner Kinder Hände

Und ihre Liebes-Pflicht drückt dir die Augen zu.

Ist wol ein beßrer Tod? ist wol ein seelgers Ende?

Als wenn die Unsrigen uns bringen zu der Ruh?

Was aber setz’ ich dir ein Nachbar für Cypressen?

O Seelge weil die auch wie wir vergänglich seyn

So wil dich dieses nur ohn unterlaß ermessen

Der Tod als Nachbar steigt bey mir zum Fenster ein.