Die Nacht

By Otto Julius Bierbaum

Written 1883-01-01 - 1883-01-01

Nun will es Abend werden;

Der rote Himmelsstrich,

Den Eros mit dem Pfeilgefieder

Gemalt zu haben schien, verblich.

Es überbräunt sich leis der Wald;

Die zarten Birkenstämmchen blinken

Nur graulich silbern noch; es ließ

Der Tag die goldene Krone sinken.

Schnell hebt die neidische Nacht sie auf;

Doch ihre kalten Hände eisen

Das Gold zu Silber; durch das Schwarz

Endlosen Raums hebts an, zu gleißen

Da rauscht sie feuchteschwer heran.

Von schwarzem Riesenschwangespann

Wird durch das Luftmeer sie getragen.

Sie lehnt in breitem Muschelwagen.

Erst hält sie, still, am Horizont,

Der purpurglüh sich ausgesonnt.

Dann breitet seinen Fittich weit

Der schwarze Schwan, schwimmflugbereit.

Und ihre Arme hebt die Nacht ...

Das All ist dunkelüberdacht.

Nur noch das Schwanenfittichwehn,

Das Brüsteaufundniedergehn

Der stummen Riesin hört die Welt,

Die müdebang den Atem hält.