Die Nelke

By Gottlieb Konrad Pfeffel

Written 1781-01-01 - 1781-01-01

Vom Schwarm der Weste

Verbuhlt, umweht,

Begoß Alceste

Ihr Blumenbeet.

Sie sah schon lange

Ein Nelkchen blühn,

Gleich ihrer Wange,

Weiß und karmin.

Sie wollt es pflücken,

Um ihre Brust

Damit zu schmücken,

Den Thron der Lust.

Laß, rief es bange,

Mich heut noch stehn,

Bis morgen prange

Ich noch so schön.

„Gut, ich kann borgen,

Du hast noch Frist,

Bis daß den Morgen

Bardale grüßt.“

Er kam. Es flehet,

Es klagt und ruft:

Am Abend wehet

Mein reinster Duft.

Sie gab, voll Milde,

Es wieder los,

Bis aufs Gefilde

Der Spätthau floß.

Da fand sie – Götter!

Nichts – ein Gewühl

Verdorrter Blätter

Am lahmen Stiel.

Sie starrt und drücket

Die Augen zu:

„Ach, ungepflücket

Verwelkest du!“

Ja, seufzt es, gestern

Noch frisch, heut kahl!

Merkt, spröde Schwestern,

Euch die Moral.