Die prächtigen Stokrosen.
Wer nicht unempfindlich ist, wird
durch einen Blik gerührt,
Wenn man die Stokrosen sieht, de-
ren Pracht die Gärten ziert;
Weil ihr hocherhabnes Haupt sich
an derer Beeten Ekken
Die mit Blumen sind besetzt, pfleget weit hervor zu
strekken.
Wie mir ihre schlanke Pracht jüngstens in die Au-
gen fiel,
So erwekte mir der Blik dabei dieses Sinnenspiel:
Ich sah sie als Fürsten an, die bei denen Blumen
Heeren,
Stunden vorne an der Spitz, als wenn sie die Füh-
rer wären.
Jhre Stang ist wunderbar und als ein gesteiftes Rohr,
Daraus gehn von unten an bis gantz oben Knöpf
hervor:
Diese spriessen immersort ihre Blumen die, vor allen
Wegen ihres breiten Schmuks uns in das Gesichte
fallen.
Welch ein Anblik voller Lust! ist es wenn man eine
sieht,
Die an ihren ganzen Stok, bis zum höchsten Gip-
fel blüht,
Deren Blumen ausgefüllt und mit wollgemischten
Kräntzen,
Wenn die Sonne feurig strahlt, als wie kleine Son-
nen glänzen,
Welch ein Anblik wenn man sieht! auf der einen Pur-
purschein
Da die andern schwärtzlich roth, und die wieder gelb-
licht sein,
Wie vergnügt sich unser Hertz an den feuerreichen
Strahlen,
Die uns unsers Schöpfers Größ herrlich vor die Au-
gen mahlen!
O! du Vater alles Lichts, der du ewig herrlich
bist,
Wie man an der Kreatur mit gerührten Sinnen liest,
Seh ich die Stokrosen an, die an ihren Stielen han-
gen;
So seh ich zu deiner Ehr diese schöne Blumen pran-
gen
Jhre hocherhabne Pracht, ihre wollgeorndte Zier
Kömt mir nach dem Augenschein, als wie Pyrami-
den für,
Die zu ihres Schöpfers Ruhm aufgericht gepflan-
zet stehen,
Daß wir daran uns zur Lehr diese Ueberschriften se-
hen:
Menschen! seht wie die Natur auf des Höch-
sten Macht Geheis,
Allenthalben grünnt und blüht zu des Schöp- fers Ruhm und Preis
Schauet uns Stokrosen an die wir Ehren-
säulen gleichen,
Wolt ihr als vernünftige unbelebten Blu- men weichen.
Schauet unsre Blüthen an, die gleich einen Brand Altar,
Von des Himmels Licht entflammt, brin- gen Feur und Kohlen dar
Daran euer Hertz und Sinn muß die grosse Pflicht empfinden,
Daß ihr müßt zu GOttes Ruhm euer An- dachts Feur entzünden.