Die prächtigen Stokrosen.

By Johann Justus Ebeling

Wer nicht unempfindlich ist, wird

durch einen Blik gerührt,

Wenn man die Stokrosen sieht, de-

ren Pracht die Gärten ziert;

Weil ihr hocherhabnes Haupt sich

an derer Beeten Ekken

Die mit Blumen sind besetzt, pfleget weit hervor zu

strekken.

Wie mir ihre schlanke Pracht jüngstens in die Au-

gen fiel,

So erwekte mir der Blik dabei dieses Sinnenspiel:

Ich sah sie als Fürsten an, die bei denen Blumen

Heeren,

Stunden vorne an der Spitz, als wenn sie die Füh-

rer wären.

Jhre Stang ist wunderbar und als ein gesteiftes Rohr,

Daraus gehn von unten an bis gantz oben Knöpf

hervor:

Diese spriessen immersort ihre Blumen die, vor allen

Wegen ihres breiten Schmuks uns in das Gesichte

fallen.

Welch ein Anblik voller Lust! ist es wenn man eine

sieht,

Die an ihren ganzen Stok, bis zum höchsten Gip-

fel blüht,

Deren Blumen ausgefüllt und mit wollgemischten

Kräntzen,

Wenn die Sonne feurig strahlt, als wie kleine Son-

nen glänzen,

Welch ein Anblik wenn man sieht! auf der einen Pur-

purschein

Da die andern schwärtzlich roth, und die wieder gelb-

licht sein,

Wie vergnügt sich unser Hertz an den feuerreichen

Strahlen,

Die uns unsers Schöpfers Größ herrlich vor die Au-

gen mahlen!

O! du Vater alles Lichts, der du ewig herrlich

bist,

Wie man an der Kreatur mit gerührten Sinnen liest,

Seh ich die Stokrosen an, die an ihren Stielen han-

gen;

So seh ich zu deiner Ehr diese schöne Blumen pran-

gen

Jhre hocherhabne Pracht, ihre wollgeorndte Zier

Kömt mir nach dem Augenschein, als wie Pyrami-

den für,

Die zu ihres Schöpfers Ruhm aufgericht gepflan-

zet stehen,

Daß wir daran uns zur Lehr diese Ueberschriften se-

hen:

Menschen! seht wie die Natur auf des Höch-

sten Macht Geheis,

Allenthalben grünnt und blüht zu des Schöp- fers Ruhm und Preis

Schauet uns Stokrosen an die wir Ehren-

säulen gleichen,

Wolt ihr als vernünftige unbelebten Blu- men weichen.

Schauet unsre Blüthen an, die gleich einen Brand Altar,

Von des Himmels Licht entflammt, brin- gen Feur und Kohlen dar

Daran euer Hertz und Sinn muß die grosse Pflicht empfinden,

Daß ihr müßt zu GOttes Ruhm euer An- dachts Feur entzünden.