Die Purpurschnecke

By Otto Julius Bierbaum

Written 1883-01-01 - 1883-01-01

Wie eine Schnecke,

Träge, langsam,

Schleicht das

„Glück“ ...

Mit wartendem, klopfendem Herzen steht

Der Mensch und breitet in Qual und Angst

Die Arme aus und schreit zum Himmel:

„Oh komm, komm endlich,

Löse mich, löse mich

Aus Fesseln und Banden –

Ein Glückeslächeln,

Ein einziges nur,

Es würde mein Herz

Erwärmen mit lachendem Leuchten,

Wie Maiensonne nach Winters Frost die starre Erde!“ ...

Er wartet und fleht

Lange, lange,

Und müht sich ab im Geschirr des Lebens,

Und keucht und keucht,

Gebunden, gepeitscht,

Möchte vorwärts: hinauf!

Hinauf! wo es strahlt

Und lächelt das Schöne,

Ruhige, Klare,

Immer Ersehnte ...

Aber das Glück,

Kein stürmischer Engel,

Ach, kein gütig gewährendes Weib,

Aber das Glück,

Die purpurne Schnecke,

Rückt nur mühsam,

In langen Fristen,

Wenige Schritte

Vor ... und

Ihre träge gedrehten Fühler

Tasten kalt an eine starre,

Augenleere Leiche im Grabe.

Verfluchte Schnecke, o faules Glück!

Indes du deinen schleimigen Weg

Lautlos vorwärts schlichest: da stob,

Brauste, wütete, raste mit Heulen,

Gewaltig schnelle mit Sturmes Mächten

Von allen Seiten die Schaar der Furien

Los auf den Armen.

Die dürren Weiber!

Hexengestöber, grimmig jauchzendes ...

Mit ihren Geißeln schlugen sie ihn,

Mit ihren Schlangen schreckten sie ihn,

Mit ihren modrigen Blicken trieben sie ihn

Durch bange Verzweiflung und Wahnsinnsnacht

In den Tod.

Ein gehetztes, verendetes Wild –

Im Grab

Stumm liegt er nun:

Im Nichts.

Im friedvollen, unbelebten Nichts

Ward ihm das Glück ...

Die dunkelrote Pupurschnecke kriecht

Ueber seiu Grab,

Lautlos ...