Die Ralunken.
Ralow Ralow, am westlichen Ufer der Insel Rügen. Vor Zeiten ein berufener Wikinger oder Seeräubersitz; hernach eine Fürstenburg; heutiges Tags zum blossen Landsitz herab- gesunken., sey mir gegrüsst im Schimmer der
scheidenden Sonne!
Lieblich webet der Schleyer des Abends um deine
Gefilde.
Deine weissen Mauern sind sanft geröthet. Die
Dächer
Feuern im Golde des sinkenden Tags. Es dämmern
so schaurig
Deine säuselnden Hayn'. Es spiegeln die Wangen
des Himmels
Sich in den Fluthen so rosig, die deine Ferse be-
spühlen.
Burg des hallenden Meers! schön bist du.
Deine Gefilde
Lächeln in jedem ländlichen Reiz. Die üppigen
Wiesen
Duften von Quendel und Klee. Es wogt in der
Kühle des Weizens
Grünliche Fluth. Es glühn in den Gärten die Traub'
und der Pfirsich.
Funkenstäubend entgaukelt die Schmerle dem klaren
Gewässer
Deiner Weiher. Es flötet im thauenden Busche die
Drossel
Zwischen der Nachtigal Schlag. Und horch! vom
spriessenden Frühroth
Bis zu den Rosen des sinkenden Abends erschallet
das Brüllen
Weidender Heerden, das Jauchzen der Schnitter,
die gellende Lache
Fröhlicher Dirnen in dir. — Schön bist du, Tochter
des lauten
Ufers, vertraulich und lieb. Doch warst du in
Tagen der Vorzeit
Schöner und wilder. Es war dein Nam' in den Ta-
gen der Vorzeit
Weitgefeyert. Es pfiffen nicht deine Söhne vor
Zeiten
Hinter den Heerden so müssig. Es dampften die
schauernden Rosse
Nicht vor dem knechtischen Pflug. Von der Burg
weitschauender Warte
Spähte der Thürmer fern in die See, und mahnte den
Wiking,
Dass er komme mit Schnelle des Blitzes, mit Don-
nergeprassel
Jedem nahenden Kiel die Rippen zermalm', und die
Beute
Jauchzend in deinem Schooss, o Tochter des Mee-
res, verbürge.
Burg der tosenden See, mir weht mit der Kühle,
mir rauschet
Mit dem Sausen des Hayns der Begeisterung Fittig.
Die Wange
Flammet mir schon, wie die Scheibe des steigenden
Vollmonds. Hoch schwillt
Meine Seele, wie Wogen im Sturm, und gesichte-
trunken
Seh' ich dämmernd und bleich die Schatten schlum-
mernder Vorwelt.
Fünf Jahrhunderte sind verflossen. Der Urne
der Zeiten
Waren sie noch nicht entrollt. Da lauschte der
freche Ralunke
Hier im umgürtenden Ring von sieben Gräben und
Wällen.
Wild war des Räubers Herz, wie die Ströme
Golcha Drey Bäche fallen von der Stubbenkammer, dem nord- östlichen Kreidenufer der Halbinsel Jasmund, herab: die Bis- miz, die Golcha, und der Steinbach., sein Anblick
Finster, wie des nebelverschleierten
sein Haupthaar
Buschicht und rauh, wie die Dornen auf
worths Dubberworth, das gewaltigste aller Rügischen Heldengräber. Es liegt nahe bey Sagard auf Jasmund. zottiger Scheitel.
Sieben Segel empört' er, dem meerdurchwallenden
Kaufmann
Todespaniere. So oft er von weitumschauender
Warte
Fern in der friedlichen See ein Segel erspähte, wie
flammte
Gierig sein Auge! wie tobte sein Herz! wie
schwellt' ihm den Busen
Blut- und Beutebegier! Rasch spannt' er die Segel.
So spannet
Seinen Fittig, den Raub zu ereilen, der Adler des
Dollen. Dollen, ein waldiges Gestade an der Insel östlicher Seite.
Rurich mit röthlichem Haar, und Rawen mit
struppiger Braue
Folgten freudig dem älteren Bruder, dem Wilden
die Wilden.
Judith blieb daheim, der Räuber gefürchtete
Mutter.
Ihr sass düsterer Grimm in jeder Runzel der
Stirne,
Laurende Tück' in den zwiefach gefärbten Äpfeln
des Auges.
Auch
ster der Räuber.
Wenig ähnlich den Brüdern, und wenig der tücki-
schen Mutter,
War die sanfte Agathe mitleidigen Herzens. Sie
schaute
Jammernd hinweg, wenn Blut in Ralow strömte.
Sie weinte
Auf die Perlen der Schnur, das Geschmeid' ermor-
deter Jungfraun,
Welche der blutige Bruder — der Blutige liebte die
Schwester —
Ihr einst umhing. Es däuchten die Perlen ihr blu-
tige Thränen.
Schön war Agathe, ein freundlicher Stern bey
rothen Kometen:
Blau ihr Aug'; ihr Haar, wie wehende Fäden zur
Herbstzeit;
Schlank ihr Wuchs, wie die Birk' in Boldewiz
Haynen; ihr Busen
Wie des hochhalsigen Schwans Gefieder am Busen
der
Süsses Bangen beklemmt' ihr den Busen, ein Ahnen
und Wähnen.
Sinnend stand sie am Fenster im Dämmerstrahle des
Morgens,
Sahe die Sonne den Fluthen enttauchen. Wie brann-
ten die Fluthen!
Sahe die Thürme der
Wie strahlten die Thürme!
Sinnend stand sie am Fenster im Dämmerschimmer
des Abends,
Sahe den Mond in den wühlenden Fluthen, und
lauschte des Ostmeers
Dumpfem Grollen. Es schwellten ihr Seufzer den
Busen. Es wölkten
Süsse Thränen ihr Auge. Doch plötzlich stürmte die
Mutter
Freudig herein, und wenig gewünscht: „Sie kom-
men, sie kommen!
Träumerin auf, und lass uns die Freudigen freudig
empfangen!“
Und der Ralunke war weit gefürchtet. Seit
dreyzehn Jahren
Hiess er die Geissel der See. Dem Schiffer gefror
bey dem Anblick
Seiner Flaggen das Blut. Oft streift' er in fliegenden
Zügen
An den sicheren Küsten umher, und plündert', und
führte
Jüngling' und Jungfraun heim. Des sandigen
dewisch Reddewisch, itzt Mönkguth, eine andere Halb- insel an der südöstlichen Spitze des Landes. Herrscher,
Ritogar, welchem die Flamme der Jugend das An-
gesicht bräunte,
Schlug er in Fesseln, und schenkt' ihn der Mutter.
Denn schön war der Jüngling
Und hochherzig und kühn und nur erlegen der
Menge.
Aber dess achtete nicht die Freche. Schönheit
und Adel
Schnürten nur fester um ihren Gefangnen die Fessel
der Knechtschaft.
Seufzend sah es Agathe. Des Jünglings heroischer
Anstand,
Feuriger Trotz, unwilliges Dulden weckten ihr
Mitleid.
Mit dem Mitleid beschlich ihr die süsse Liebe den
Busen.
Herbstzeit war es und schwarze Nacht. Da
entriss sich Agathe
Leise der holden Umarmung des Schlummers, tappte
noch leiser
Zu des Jünglings Lager sich hin, und wispert' ins
Ohr ihm:
„auf! ich bin Agathe! ich rette dich. Folge mir,
Jüngling!“
Freudig erschreckt, sprang Ritogar auf. Sie fasst
ihm die Rechte,
Leitet ihn zitternd die Kammer der Mutter und
Brüder vorüber,
Führet den Blinden hinab in unterirdische Gänge,
Wallet die düstern schaudernd hindurch, erschleusst
ihm der Pforte
Doppeltes Schloss. Dann spricht sie mit blödem
geflügeltem Handdruck:
„flieh und denk' an Agathen!“ Und er, im trau-
lichen Dunkel,
Reisset die Retterin wild an den schlagenden Busen,
und küsst ihr
Einen gewaltigen markdurchlodernden Kuss, und —
„agathe,“
Ruft er, „Agathe, ich flieh. Doch bald mit rü-
stiger Heerskraft
Kehr' ich, erstreite dich, theile mit dir mein Bett
und mein Eyland.“
Sprachs, und floh durch die Nacht, durch den
Sturm und den eisigen Regen
Auf den Flügeln der Freud' und Liebe zum hohen
Rugard.
Tief im Schoosse des Eylands bäumet die trotzige
Scheitel,
Bäumet den vielfachgefurcheten Rücken der herrliche
Rugard.
Seine Stirne graut in ewigen Moose. Die Schlüchte
Nähren bey höherer Sonne noch Schnee. Gebiete-
risch schaut er
Rings um sich her über Länder und Meere. Hier
hauset' in fester
Wallumgürteter Burg des stürmischen Rügens Ge-
bieter,
Jaromar. Gross war sein Herz und weich und edel.
Er hatte
Manche Schlacht geschlagen mit Heeren der
paner
Und
tergefechte.
„herrscher der Insel,“ so sprach zu ihm der
entronnene Jüngling,
Keichend, schütternd von Frost, von Regen träu-
felnd. Die Locken
Hingen ihm schlicht um die Schläfe. Doch sass ihm
Hoheit im Antlitz.
„herrscher der Insel, erkennest du mich? erkennst
du des öden
„reddewisch Herrn? Mich schlug der Ralunk' in
Fesseln. Die Fesseln
„trug ich sieben schmähliche Tage. Dann brach sie
Agathe
„und die Liebe. Sie harrt. Auf, leihe mir Waf-
fen und Männer!“
Ihm antwortet die heilige Kraft des Inselge-
bieters:
„nimm der Waffen und Männer, so viel du bedarfst,
mein Geliebter!
„nimm sie und schlage den frechen Ralunken, ver-
tilge des Räubers
„schändliche Brut, zerstöre sein Nest, und er-
rette Agathen.
„doch, bevor du dir selber das liebende Mägdlein
erstreitest,
„eile, mein Vetter, zur
und bringe von dannen
„meine Braut mir, die Tochter des Obotritenher-
zogs,
liche Jungfrau;
„aber sie heimzuholen, verbot mir die Sorge des
Krieges.
„eile, geleite sie her. Dann geh, und kämpf' um
Agathen!“
Freudig vernahm der Jüngling des Fürsten eh-
renden Antrag.
Freudig stürmt' er den Rugard hinab, und warf
sich, wo
Seine waldige Scheitel den Wogen enthebt, in die
Schiffe,
Welche frohlockten, die Braut des geliebten Ge-
bieters zu führen.
Zweymal sank die Sonn', und dreymal stieg sie.
Da grüssten
Jaromars Segel den Hafen der schönumuferten
Warne.
Warne, dich grüsst mein Gesang. In deinem
Wellengeriesel
Grüss' ich dich, segne dich, in deinen Schatten-
gestaden.
Warne, mein Herz ist dir hold. Du durchschlän-
gelst, ein silberner Faden,
Meines Vaterlands
Heerden
Trinken deines Gewässers. Sein trinkt die durstige
Hindin;
Sein das Reh und der Keuler des Waldes. Du näh-
rest der Wiesen
Gelbbeblümtes Grün. Du wässerst die Wurzeln von
tausend
Rauschenden Forsten. Du säugst die Kraft der
Ulme. Des Eichbaums
Wurzeln beströmst du, und tränkst die hundert-
jährige Tanne —
Warne, mein Herz ist dir hold. An deinen Schat-
tengestaden
Sahst du mich wandeln im Schimmer der Jugend.
Die Blume des Milchhaars
Spross um mein jugendlich Kinn. Mein funken-
stäubendes Auge
Thränte Sehnsucht. Es lechzte das Herz nach Lor-
beern des Nachruhms
Und nach den Myrten der Liebe. Von hohem Stau-
nen ergriffen,
Sank ich nieder an deine Gestade. Die weinende
Birke
Säuselte mir um das Haupt. Mich umdufteten Quen-
del und Orant.
Schlummer umflügelte mich, und sehnsuchttäuschende
Träume.
Warne, ich denke dein, und will dein nimmer
vergessen,
Will dich singen, Gesangeswerthe, in meinen Ge-
sängen.
Zweymal sank die Sonn', und dreymal stieg sie.
Da grüssten
Jaromars Flaggen den Hafen der schönumuferten
Warne.
Bräutlich geschmückt empfing sie der Hafen. Den
Masten entwallten
Farbige Wimpel. Den Thürmen entstürmte Feyer-
geläute.
Paukenwirbel, Drommetengeschmetter, unendlicher
Jubel
Brauste den Strand entlang, dem Fürstenboten ent-
gegen.
Heinrich, der graue Held, Wandaliens herr-
licher Herzog,
Schritt hervor, dem Rugen entgegen, im Krieger-
geschmeide.
Prächtig deckte sein silbernes Haar der flatternde
Helmbusch,
Prächtig die stählerne Schiene die Schenkel. Der
schuppige Panzer
Brannt' in der Sonnengluth, wie Erz in der Esse
des Schmelzers.
Heregunde, die schönste der Fräulein, die Perle
des Norden,
Schimmert' im bräutlichen Schmuck dem frohen Vater
am Arme.
Knieend grüsste der Ruge die Züchtigerröthende.
Bieder
Hiess ihn der Herzog willkommen. Es wurden in
Freuden der Tage
Drey verlebt, mit Turnieren gefeyert, und fest-
lichen Schmäusen.
Jammernd erhob sich am vierten die Klage der
weinenden Trennung.
Heregunde, begabt mit des Landes erlesensten
Schätzen,
Von zwölf blühenden Mägdlein geleitet, den Töch-
tern der Edeln,
Bot das bange Lebwohl, das letzte, lange, der Hei-
math,
Sank verstummend dem Vater in Arm, lautschluch-
zend der Mutter,
Fasste sich schnell, wand eilend sich los, sprang
hurtig ins Fahrzeug.
Hurtig enteilte der gleitende Kiel dem hallenden
Ufer.
Heregunde bestieg den hohen Spiegel des Schiffes,
Stand dort, schaute verlangend zurück nach ihren
Verlassnen,
Breitete sehnend den Arm, und schwang den sil-
bernen Schleier,
Ob die geliebten Verlass'nen ihn sähen am weichen-
den Ufer.
Immer ferner entwich das gewünschte Gestade
Kaum sichtbar
Dämmert' es noch. Es zerfloss auch das dämmernde
Grau in die Wolken.
Aber sie wähnte noch immer, die Wolke sey heimi-
sches Ufer,
Bis sich der Himmel verhüllte, und Regen stiebten.
Da flossen
Ihre Thränen. Sie weinte sich aus. — Die Regen
versiegten.
Wieder kehrte die Heitre des Himmels. Es kehrte
die Heitre
Auch auf ihre Stirne zurück. Sie gedachte mit In-
brunst
Ihres Verlobten, des bräutlichen Tags, und der
süssen Vereinung.