Die Reise.

By Barthold Heinrich Brockes

Man kann, wie herrlich und wie schön

Des Schöpfers Werck, zu Seinem Preise,

So gut in keiner Handlung sehn,

Als wann man etwan auf der Reise.

Wie groß, wie viel, wie mancherley

Das Heer der Creaturen sey,

Giebt ieder Augenblick, im Wechsel, zu verstehn.

Bald zeigen nett befurchte Felder,

Bald Lust- und Schatten-reiche Wälder,

Hier Gras und Kraut, dort Laub und Blühte,

Des Schöpfers Weisheit, Macht und Güte.

Hier zeigt ein Berg, und dort ein Thal

Geschöpf’ und Vorwürff ohne Zahl.

Bald wird in bunt beblühmten Wiesen

Der, so sie schuff, mit Recht gepriesen.

Hier machet eine fette Weide

Voll Schaff’ und Küh’ uns neue Freude.

Dort scheint ein Feld voll Korn und Weitzen

Zugleich zur Lust und Andacht uns zu reitzen.

Hier wird bey einem grünen Hügel,

Der klare Bach ein Himmels-Spiegel.

Die Erd’, indem man fährt, scheint ruckwerts stets zu

Um gleichsam unserm Blick mit Hauffen

Von immer angenehmern Dingen

Stets neuen Vorraht zuzubringen.

Hier hebet sich ein Thurm empor;

Da sinckt der Blick in tieffe Thäler; dort

Erstreckt er sich auf einer Ebne fort.

Hier tritt ein Busch, und dort ein Berg hervor.

Das Kutschen-Fenster stellet mir

Stets eine neue Schilderey

Von einer stets verneuten Landschaft für.

Es giebt des Fensters vordrer Theil

Mir eben so viel Gegenwürff’ in Eil’,

Als mir, das hintre raubt.

Wie herrlich gläntzt, wie lieblich glimmt

Das Sonnen-Licht, wann auf der Fluth Crystallen

Derselben Strahlen fallen!

Offt siehet man von weitem hohe Gipfel

Von Bergen, gantz bedeckt durch dichter Bäume Wipfel;

Worauf, da Zweig’ und Laub sich angenehm verschräncken,

Und in die Tieffen sich der Sonnen Strahlen sencken;

Die krausen hell-bestrahlten Höhn

Noch einst so angenehm und schön,

Durch dunckel-grünen Wechsel, stehn.

Wie sanft versinckt der Blick (als wie das Licht

In einen grünen Sammt mit Lust versincket)

In dicht belaubtes Buschwerck nicht!

Wie lieblich lässt es doch, wann das Getreide reifft,

Und unser Blick so dann die Flächen überläufft!

Hier drengt von reiffen Korn ein schmahler gelber Strich

Durch dunckel-grüne Wiesen sich.

Dort siehet man von dunckel-grünen Büschen

Sich lange Strich’ in gelbe Felder mischen,

An deren lieblich grün- und lieblich gelben Pracht,

In welcher die Natur uns gleichsam selbst anlacht,

Die Augen sich erquicken und erfrischen.

Die Wege selber kommen mir,

Als eine sonderbare Zier

Von einer schönen Landschafft für:

Indem ich offt durch sie ein’ angenehme Ründe,

Bey viel gevierten Feldern, finde.

Es läufft der Regen Räder Gleise

Bald in die quer, bald Schlangen-weise,

Und wie ein

Gleich einem grossen

Hier läufft die röthlich braune Trade

Als wie ein Bogen, dort gerade.

Hier lauffen sie durch grüne Matten,

Durch helle Flächen dort, und da durch dunckle Wälder,

Bald zwischen gähe Berg’, und bald durch ebne Felder,

Bald hier im Licht, bald dort im Schatten.

Vor allen ist ein Wald auf Reisen angenehm:

Das Auge kann in schattigten Gebüschen

Sich nicht allein ergetzen und erfrischen;

Dem gantzen Cörper ist, zumahl in strenger Hitze,

Die kühle Dunckelheit vergnüglich nütze.

Wie lieblich klingt in ihm der reine Schall

Der Wunder-süssen Nachtigall,

Verdoppelt durch den Wiederhall;

Wie rührend klingen nicht die zwitschernden Gesänge

Der andern Vögel ohne Zahl!

Vermischt sich hier und schertzt das Licht

Auf tausendfache Art, mit grünen Schatten, nicht?

Und kurtz: Man kann, von GOttes Wunder-Wercken

Die Anmuth, Pracht und Herrlichkeit,

Die Menge, Zier, und Unterscheid

Am besten auf der Reise mercken.

Ach GOTT! da ich auf dieser Welt beständig gleichsam

So gieb, daß ich mit steter Lust, es sey in Thälern oder

Die Herrlichkeit der Creatur, o grosser Schöpfer, Dir zum

Mit nimmer müder Achtsamkeit, mag fühlen, schmecken,