Die Rosen.

By Barthold Heinrich Brockes

So kann ich denn, GOtt Lob! von neuen

Der Erden schönste Zucht und Zier,

Die Rosen, voller Liebreiz, hier

In ihrer holden Röhte sehn, und ihrer süssen Gluht mich

freuen.

So dacht ich, als mein jüngstes Kind, zu meinem inni-

gen Behagen,

Auf meinem Schreibe-Tisch vor mir derselben viel zu Hauf

getragen.

Ich setzte mich an diesem Ort

Bey diesen Frühlings-Kindern nieder,

Und führt’ auf sie die angefangnen Lieder,

Voll innrer Regung, weiter fort:

Aus ihren holden Blättern strahlet,

Erhebt sich rings umher und bricht

Ein fröhlichs Feur, ein lieblichs Licht.

Mit Himmels-Farbe scheinet sie von Fingern der Natur

gemahlet.

Man sieht mit innigem Vergnügen,

Wenn einige beysammen liegen,

Nicht nur der schönen Cörper Pracht;

Ein Etwas scheint sie zu umgeben,

Das gleichsam unsern Geist anlacht;

Ein Schimmer scheint um sie zu schweben,

Der sie und ihren Schmuck an sich noch schöner macht.

Es läßt, als wenn was aus ihr steiget,

Das sich verbirgt, und dennoch zeiget.

So wie man um ein Licht, das brennet,

Die Luft illuminirt, entzündet,

Durchstrahlet und erleuchtet, findet,

Und doch den Schimmer nicht erkennet;

So scheints, als ob ein röhtlich Licht

Aus schönen Blätter-reichen Rosen,

Um Geist und Auge liebzukosen,

Halb sicht- und halb unsichtbar, bricht.

Dieß mischt sich mit dem süssen Duft,

Der gleicher Weise nicht zu sehen,

Und wovon dennoch in die Luft

Sich unauf hörlich Theil’ erhöhen.

Jhr Kugel-förmiges Gebäude, von Blättern wunder-

barlich vest,

In einem solchen engen Raum

Vereint, verschränket und gepreßt,

Ist öfters am Gewicht so schwehr,

Daß es der starre Stengel kaum,

So wie es scheinet, tragen kann, ist er gleich von besondrer

Stärke,

(so ich zu gleicher Zeit bemerke.)

Wenn man nun diese süsse Last

Mit spitzen Fingern angefaßt,

Und schwebend vor die Nase hält,

So, daß sich beyde kaum berühren;

So ist auf dieser ganzen Welt

Fast nichts so liebliches zu spühren.

Es scheinet aus der kleinen Oeffnung ein Schwall von

süssem Duft zu steigen,

Die unsern Augen nicht nur bloß, der Nas’ und dem Ge-

ruch, sich zeigen.

Der Balsam, der die Höhle füllet,

Und in so grossem Ueberfluß, jedoch unsichtbar, aus ihr

quillet,

Erfüllte mit besondrer Lust

Mir das Gehirn, die Stirn und Brust.

Kaum konnt’ ich mich vor Lust besinnen,

Bis ich zuletzt mein ernstes Denken

So weit zusammen zog,

Und voll Verwunderung erwog:

Auf welche Weise doch von innen

Sich so viel Süßigkeiten schränken;

Auf was vor Art doch aus der Erden

So angenehme Balsam-Kraft

Durch ihres Stieles vesten Schaft

Könnt’ in den Knopf getrieben werden,

Und sich darinn so kräftig häufen.

Ich konnte dieses nicht begreifen;

Zuletzt fiel mir noch dieses ein:

Sollt’ es vielleicht wohl möglich seyn,

Daß Rosen ihren holden Duft

Und süssen Balsam aus der Luft

Magnetisch zögen? Noch viel eh’r

Scheint dieß zu glauben, und es fiele

Vielleicht die Probe minder schwehr,

Man käme leichter fast zum Ziele.

Wie wär’ es, wenn sich unser Witz,

Wie oftermahls, auch hierinn irrte,

Und ihn das Vorurtheil verwirrte?

Die Luft ist eigentlich der Sitz

Von Dünsten, die gerochen werden,

Mehr als die schwarze Schooß der Erden.

Ja, spricht man: Aus der Erde stammen

Die Dünste, die die Luft enthält.

Gesetzt; so stimmt doch wohl zusammen,

Daß auch wohl wieder abwerts fällt,

Was anfangs aus der Erde kame;

Zumahl es noch nicht vestgestellt,

Ob aller Duft aus unsrer Welt

Auch eben seinen Ursprung nahme;

Und ob zuerst nicht in die Luft

Der Dünste Kräft’ und aller Duft,

Die sie unwidersprechlich heget,

Vom Finger Gottes eingepräget,

Und daß von Cörpern unsrer Erde,

Da sie ja den Magneten gleich,

Was wohl riecht, aus der Lüfte Reich,

Nicht auch herabgezogen werde.

Wie alle Farben anders nichts,

Als blosse Brechungen des Lichts,

Sind gleich derselbigen Gestalten

Bisher für cörperlich gehalten;

So kommt der Dünste Wesen mir

In Rosen und in Bluhmen für,

Als ob ihr Ambra-gleicher Duft

Mehr aus der Balsam-reichen Luft,

Als in der vom Geruch entblößten Erde,

Entstehe und erzeuget werde.

Zwar wird sich dieß nicht völlig fassen,

Und überzeuglich zeigen lassen.

Allein man merk’ es, dieß geschicht

Auch in der vor’gen Meynung nicht.

Die Erde, die, für sich betrachtet,

Man des Geruchs kaum fähig achtet,

Des dünnen Stengels Härt’ und Enge,

Derselben abgeschnittne Gänge,

Da, wenn die Rosen von den Büschen,

Und folglich völlig von der Erden,

Gebrochen und geschieden werden,

Noch lange den Geruch erfrischen.

Dieß alles, deucht mich, zeiget klar

Den Widerspruch fast offenbar,

Und daß der Ruch der Rose nicht

Aus unsrer Erde Cörper bricht.