Die Sache wird bedenklich

By Wilhelm Busch

Written 1870-01-01 - 1870-01-01

Sokrates, der alte Greis,

Sagte oft in tiefen Sorgen:

„Ach, wie viel ist doch verborgen,

Was man immer noch nicht weiß.“

Und so ist es. – Doch indessen

Darf man eines nicht vergessen:

Eines weiß man doch hienieden,

Nämlich, wenn man unzufrieden. –

Dies ist auch Tobias Knopp,

Und er ärgert sich darob.

Seine zwei Kanarienvögel

Die sind immer froh und kregel,

Während ihn so manches quält,

Weil es ihm bis dato fehlt.

Ja, die Zeit entfliehet schnell;

Knopp, du bist noch Junggesell! –

Zwar für Stiefel, Bett, Kaffee

Sorgt die gute Dorothee;

Und auch, wenn er dann und wann

Etwas nicht alleine kann,

Ist sie gleich darauf bedacht,

Daß sie es zurechte macht.

Doch ihm fehlt Zufriedenheit. –

Nur mit großer Traurigkeit

Bleibt er vor dem Spiegel stehn,

Um sein Bildnis zu besehn.

Vornerum ist alles blank;

Aber hinten, gottseidank,

Denkt er sich mit frohem Hoffen,

Wird noch manches angetroffen.

Oh, wie ist der Schreck so groß!

Hinten ist erst recht nichts los;

Und auch hier tritt ohne Frage

Nur der pure Kopf zutage. –

Auch bemerkt er außerdem,

Was ihm gar nicht recht bequem,

Daß er um des Leibes Mitten

Längst die Wölbung überschritten,

Welche für den Speiseschlauch,

Bei natürlichem Gebrauch,

Wie zum Trinken, so zum Essen,

Festgesetzt und abgemessen. –

Doch es bietet die Natur

Hierfür eine sanfte Kur.

Draußen, wo die Blumen sprießen,

Karrelsbader Salz genießen

Und melodisch sich bewegen,

Ist ein rechter Himmelssegen;

Und es steigert noch die Lust,

Wenn man immer sagt: du mußt.

Knopp, der sich dazu entschlossen,

Wandelt treu und unverdrossen.

Manchmal bleibt er sinnend stehn,

Manchmal kann ihn keiner sehn.

Aber bald so geht er wieder

Treubeflissen auf und nieder. –

Dieses treibt er vierzehn Tage;

Darnach steigt er auf die Waage,

Und da wird es freudig kund:

Heißa, minus zwanzig Pfund!

Wieder schwinden vierzehn Tage,

Wieder sitzt er auf der Waage,

Autsch, nun ist ja offenbar

Alles wieder, wie es war.

Ach, so denkt er, diese Welt

Hat doch viel, was nicht gefällt.

Rosen, Tanten, Basen, Nelken

Sind genötigt zu verwelken;

Ach – und endlich auch durch mich

Macht man einen dicken Strich.

Auch von mir wird man es lesen:

Knopp war da und ist gewesen.

Ach, und keine Träne fließt

Aus dem Auge, was es liest;

Keiner wird, wenn ich begraben,

Unbequemlichkeiten haben;

Keine Seele wird geniert,

Weil man keinen Kummer spürt.

Dahingegen spricht man dann:

Was geht dieser Knopp uns an?

Dies mag aber Knopp nicht leiden.

Beim Gedanken, so zu scheiden

In ein unverziertes Grab,

Drückt er eine Träne ab.

Sie liegt da, wo er gesessen,

Seinem Schmerze angemessen.

Dieses ist ja fürchterlich.

Also, Knopp, vermähle dich.

Mach dich auf und sieh dich um,

Reise mal 'n bissel rum.

Sieh mal dies und sieh mal das,

Und paß auf, du findest was.

Einfach ist für seine Zwecke

Das benötigte Gepäcke;

Und die brave Dorothee

Ruft: „Herr Knopp, nanu adjeh!“