Die Sängerin

By Emanuel Geibel

Written 1833-01-01 - 1833-01-01

Vor andern kalt zu scheinen

Hab' ich mich längst gewöhnt,

Doch halt' ich kaum das Weinen,

Wenn diese Stimme tönt.

Die goldnen Weisen triefen

Ins Herz wie Vollmondschein

Und ziehn in alle Tiefen

Der Wehmut mich hinein.

Das sind gesungene Tränen;

Es klagt und flutet drin

Das ganze Leiden und Sehnen

Der kranken Sängerin.

Schon brennt auf ihrem blassen

Gesicht ein fliegend Rot;

Sie kann das Singen nicht lassen

Und weiß, es ist ihr Tod.