Die Schaubühne der Welt.
Die Welt wird auf den Opern-Bühnen,
An den veränderten Maschinen,
Die sich bald so, bald anders drehn
In kleinen Abris abgebildet,
Was hier geschicht, wird da geschildet
Und in der Nachahmung gesehn.
Der Schauplaz zeiget uns bald Freude,
Und giebt vergnügte Augenweide,
Bald zeigt er uns ein Trauerspiel.
Hier auf der Welt ist Lust und Weinen,
Und wenn die Freuden-Sonnen scheinen,
Folgt bald ein schmerzliches Gefühl.
Man muß des Narren Torheit lachen,
Der oft mit ungereimten Sachen,
Ein lüstern Ohr im Spiel erquikt,
Wenn wir der Menschen Handlung sehen,
Erwegen, was hie, da geschehen,
So hat man Torheit nur erblikt.
Oft stellt sich mit erhabnen Mienen,
Ein Thraso auf die Opern-Bühnen,
Und paustet nichts, als eitlen Wind;
Er ist von Dunst gleichsam geschwollen
Und zeigt, was wir nicht gläuben wollen,
Daß oft die Menschen Prahler sind.
Ein Crösus kommt mit güldnen Schäzzen
Und betet seinen Mammons-Gözzen
In tiefster Ehrerbietung an.
Er glaubt der könne ihn beschüzzen,
Er sagt: Wer ist der dessen Blizzen,
Und Allmacht wiederstehen kan?
Ein jeder siehet seines gleichen,
In allen Oertern, Ländern, Reichen,
Wenn man die Welt nur recht beschaut.
Wie viele sind die
Doch mehr zum schnöden Goldklump rennen
Dem Herz und Sinn Alltäre baut.
Der Schauplaz ändert die Gardienen,
Und Croesus der erst reich erschienen,
Ist nun ein armer Bettelmann.
Der Abgott den er sehr geliebet,
Entfleucht und er erkennt betrübet.
Wie bald sichs mit uns ändern kan.
Wie viele sind in Bettel-Orden,
Die vorher reich nun arm geworden
Und durch den Wechsel erst gelehrt,
Daß sie das Zweifelhafte Glükke
Und ihre falsche Zauber-Blikke,
Zwar sehr und doch umsonst geehrt.
O! wie entzükket den die Liebe,
Der auf den Schauplaz seine Triebe
In angeflammter Wallung zeigt;
Er wünscht auf ewig seiner Schönen,
Als ein getreuer Knecht zu fröhnen,
Wenn sie ihm nur in Huld geneigt.
Er schwört mit hundert tausend Eiden,
Daß er bei allen Woll und Leiden
Jhr stets ergeben und getreu,
Jedoch es heist was bald entstehet,
Verblüht auch bald, verwelkt, vergehet,
Die Liebe ist hier schon vorbey.
Indem man von der Treue handelt
Da wird die Bühne gleich verwandelt
Die feurge Liebe scheint nun blaß,
Und zeigt in einen Augenblikke
Des Herzens falsche Lust und Tükke,
In einen mörderrischen Haß.
Wie ofte wird das noch erfüllet,
Daß wenn die wilde Lust gestillet
An dessen Statt ein Zorn-Feur brennt,
Wie bald wird nicht die Treu verlohren,
Die Menschen doch so theur beschworen,
Wenn sich ihr loses Band zertrennt?
Der Schauplaz sei auch wie er wolle,
So wird doch stets die Heuchler-Rolle,
Darauf nach alter Art gespielt.
Der eine ist durch sein Verstellen
Ein Fürst und Herre der Gesellen,
Den er mit Majestät befiehlt.
Der Schein der angeflammten Lichter,
Die Larven blenden die Gesichter,
Das Flittergold der falschen Pracht;
Die machen die Comödianten,
Zu königlichen Anverwandten,
Darüber jeder billig lacht.
Allein wenn wir dagegen sehen,
Was vor Verwandelung geschehen
Und noch geschiehet in der Welt,
Wie die Verstellung hie regieret,
In was vor Masken sie sich zieret,
So sieht man manchen armen Held.
Der will die ganze Welt regieren,
Was heist das anders, als agiren?
Und jener glaubt das, was er meint,
Daß müsse er auf dieser Erden,
Da er zum Schau sich stellt, auch werden,
Weil er sich gros, nicht andern scheint.
O! welche grosse Heucheleien,
Sind in der Welt und ihren Reihen,
In jeden Stande anzusehn;
Vom Schaaf das Kleid, von Wolf das Herze,
Und lachen bei den äusren Schmerze,
Das heist den Mantel künstlich drehn.
O! wär das Stellen und Verstellen,
Nur hinter denen Opern Schwellen
Als ihren eignen Siz verbannt!
Allein die falschen Einbildungen,
Sind allenthalben durchgedrungen
Beherschen einen jeden Stand.
Wie viele machen nicht den Tempel,
Durch Heuchelei und Schein-Exempel
Zu einen eitlen Opern-Haus.
Die Pharisäer alter Zeiten,
Der Abschaum von den heilgen Leuten,
Die gehn noch jezt da ein und aus,
Der Ehrgeiz kommt mit heilgen Händen,
Der Armut Gaben auszuspenden,
Warum? weil es hie wird gesehn
Die Bosheit voll von Greul und Fluche,
Singt aus den heilgen Psalter-Buche,
Und schimpft nur
Der Hochmut schlägt die Augen nieder,
Die Zanksucht singet Sanftmuts-Lieder
Und beide bleiben kühn und stolz.
Wie brennen hier die Andachts-Flammen,
Die doch aus kalten Herzen stammen,
Und scheinen wie ein faules Holz.
Wer mit den Glauben Possen treibet,
Und dennoch Glaubens-Bücher schreibet,
Ist warlich ein Comödiant
Wie viele sind die Kreuze tragen,
Und den Gekreuzigten absagen,
Die
Wie gros ist nicht die Heuchler Liste,
Die gar des Lustspiels Schaugerüste,
In Gotteshäusern auferbaun,
Da sie bei dem verstellten Beten,
Nur vor des Höchsten Antliz treten,
Der Eva Töchter zu beschaun.
Wie viele sind von falschen Frommen,
Die nur zu heilgen Tempeln kommen,
Damit die lange Zeit verfliegt,
Wie viele daß sie nur anhören,
Ein Klangspiel wollgestimmter Chören,
Daran sich ihr Gehör vergnügt.
Wie viele kommen nur zusamen,
Den Kleider Puz da auszukramen,
Wo ihn ein grosser Hauffe sieht;
Wie viele sind, die uns verborgen,
Den einstens jenes Tages Morgen
Der Larven falschen Schein abzieht?
Es braucht nicht an Gerichtes-Pläzzen,
Comödien Häuser aufzusezzen;
Es wird da oft ohn dem agirt,
Der Richterstab umsonst gebrochen,
Und die Gerechtigkeit bestochen,
Wie im Triumphe aufgeführt.
Man spielet oft mit den Gewichte,
Weil der Gerechtigkeit Gesichte,
Vom schwarzen Stahr verdunkelt ist,
Weil da nur alles nicht zu sehen,
Wie sich die Staats-Maschinen drehen,
Ein jeder durch die Brille liest.
An Fürsten-Höfen dieser Erden,
Da Opern sehr geliebet werden,
Wird auch manch Lustspiel aufgestellt,
Was da in Spiele anzusehen,
Ist auch woll würklich da geschehen,
Wo nichts als Opern-Lust gefällt.
Die abentheurlichen Gedichte,
Der Helden traurige Geschichte,
Sind zwar in Fabeln eingehüllt,
Doch was die Maske oft erzählet,
Was den und jenen Held gequälet,
Weist dieses, deren Ebenbild.
Und wer von muntren Hofe-Leben,
Will richtige Beschreibung geben,
Der nenn es eine Comödie,
Wo die verlarvten Eitelkeiten,
Beständig um die Wette streiten,
Wo Lust in Last, und Ruh in Müh.
Hie herschen die Verstellungs-Künste,
Man kauft, verkauffet blaue Dünste,
Und wer sich da am tiefsten bükt,
Gedenket sich empor zu schwingen,
Wer freundlich ist, legt andern Schlingen,
Und wird vom dritten doch berükt.
Hie seufzt der Reichthum nach Erbarmen,
Hie findet man verkehrte Armen,
Woran das Gold und Silber strahlt,
Hie sieht man ofte Schönheit prangen
Die längstens in Gesicht vergangen,
Und Menschen die nur schön gemahlt.
Hie sind so viele tapfre Helden,
Die ihren Ruhm der Nachwelt melden,
Daß sie die ganze Welt bekriegt,
Die jeden Feind den sie gefunden,
Ertappt, geschlagen, überwunden,
Und dennoch sich nicht selbst besiegt.
Hier redt man anders, als man denket,
Hier nimt man, wenn man willig schenket;
Hier rennt man krum zu seinen Ziel,
Hier steigt man hoch, um tief zu sinken,
Hier läuft man um hernach zu hinken,
Das ist der Höfe Opern-Spiel.
Die kleine Welt agirt imgleichen,
Der spielet die Person des Reichen
Der herrlich und in Freuden lebt;
Der seinen Himmel allhie suchet,
Der so lang donnert, blizt und fluchet,
Bis daß er sich in Wein begräbt.
Und jener winselt stets dagegen,
Kan sich vor Angst und Schmerz kaum regen,
Stellt vor den armen Lazarus,
Sein Leben gleicht den Trauerspielen,
Die zwar betrübt, doch endlich zielen,
Auf einen angenehmen Schlus.
Die Schaubühn ist oft so geschmükket,
Daß man die Wildnis drauf erblikket,
Der Tyger, Löwen Aufenthalt.
Wenn man von Mordgeschichten handelt,
Sieht man wie sich ein Mensch verwandelt,
In eine viehische Gestalt.
Wie ofte sieht man auf der Erden,
Daß Menschen wilde Thiere werden,
Es schäumet ihr vergiftet Blut
Jm Zorn, als wenn sie Löwen, Bären
Und Wölfe, ja noch ärger wären,
Bei ihrer Raserei und Wuth.
Wie viele Menschen sind zu finden,
Die sich in einem Fuchspelz winden,
Mit List und Macht das an sich ziehn;
Wornach sich andre die da leben,
Und sich der Redlichkeit bestreben,
Vergeblich und umsonst bemühn.
Wie ofte auf den Bühnen Affen,
Die listig thun und schmeichelnd gaffen,
In Menschen Kleidern zu besehn:
So findet man an allen Enden,
Wohin wir nur die Augen wenden,
Dergleichen hin und wieder gehn.
Die Torheit und ein albern Wesen,
Läst sich oft aus den Mienen lesen,
Die diese Affenmäßig zeigt:
Und jene die von Hochmuts-Orden,
Ist gar ein menschlich Pfau geworden,
Weil sie stets brüstend einher steigt.
So ungereimte Wundersachen,
Die kluge Menschen thöricht machen,
Sind auf den Schauplaz dieser Welt,
In mancherlei Verwandelungen,
In Warheit öfters dargestellt.
Wie ist nun nicht die Welt zu nennen,
Ein Opernhaus, darin wir rennen
Bald hie, bald da nach Neuigkeit?
Ein Schauplaz, wo wenn das verschwunden,
Sich schon was anders eingefunden,
Wo man stets spielt von Krieg und Streit.
Ein jeder Mensch muß hie agiren,
Und sich nach der Person aufführen,
Dazu er ist von
Er muß darauf so lange wallen
Als es den Schöpfer wird gefallen,
Bis daß sein Spiel ein Ende nimmt.
Wer die Person also vorstellet,
Daß es den andern woll gefället,
Wird zwar gekrönt mit Ehrenpreis:
Man jauchzt ihm nach, wenn er abgehet;
Allein so bald der Schall verwehet,
Vertroknet oft sein Lorbeer-Reis.
Viel besser ist es, daß wir streben
In unsern Handeln, unsern Leben
Nach jenen Lob der Ewigkeit,
Dahin wir werden aufgenommen,
Wenn wir von diesen Schauplaz kommen,
Zur herrlichen Vollkommenheit.
Wer woll gelebt, erlangt die Krone,
Wenn ihn zu seinen Gnaden-Throne
Ruft die erhabne Majestät,
Auf dessen Wink die Erden-Bühne
Und eine jegliche Maschine
Die aufgestellt, zulezt vergeht.