Die schöne Nelkenflor.

By Johann Justus Ebeling

Als ich jüngstens bei dem Schein einer war-

men Frühlings Zeit,

Mich vollkommen frei gemacht von des

Amtes Tag Arbeit,

Ging ich aus zu einen Freund, meinen

Schöpfer in dem Grünen,

Durch andächtiges Beschaun holder Blumen; noch

zu dienen.

Ich fand eine Nelkenflor, deren schön geschmükte

Pracht,

Damahls in den Blumen Reich erst zu unsrer Lust

erwacht.

Es gefiel mir alles woll, ihre Ordnung wie sie stun-

den.

In dem Töpfen aufgesetzt, in der Erd am Stok ge-

bunden.

Ich gab auf die Farben acht, deren liebliches Ge-

spiel,

Mir noch besser als die Ordnung in die frohen Sin-

nen fiel,

Und gedachte gleich dabei, was der Schöpfer einge-

richtet,

Uebertrift doch tausendmahl daß, was unser Witz er-

dichtet.

Mein Freund hatte jeden Stok, der die Nelke hielt,

vermahlt,

Und die Farben so gemischt, wie sie an den Blumen

strahlt;

Es war hie Natur und Kunst: Aber diese muste weichen,

Und gleich wie ein Schattenschein, vor des Urbilds

Licht erbleichen

An den Nelken sah ich nichts, als ein schönes Roth

und Weis,

Daß die spielende Natur, durch, den uns verborg-

nen Fleis,

Wunderbarlich durchgesprengt, so gestrichelt daß die

Farben,

In gemischter Aenderung mancherlei Gestalt erwar-

ben.

Diese schien wie Milch und Blut das geronnen

sich vermischt,

Jene als wenn nur ein Tropf auf ein weisses Tuch

gewischt,

Der durch den erhobnen Glanz, als wen er dar-

auf gesprenget

An dem eingekerbten Blat, wie ein fliessend Tröpf-

gen henget.

Diese glom in Purpur Tracht; jene schien als wie

ein Gold

Das auf einen runden Kneul, wie in Schichten

aufgerollt.

Wen man sie von ferne sah; Eine andre sah ich

blizzen

Die mir in die Augen schien, als gebrochne Silber-

spizzen.

Diese war ein Violet das getüpfelt, wie gedrükt;

Jene war als wie ein Flor, der aus gelblicht Garn

gestrikt:

Andre waren wiederum durch so manchen Schein

verändert,

Und wie ihre Zeichnung fiel, als mit Linien gerän-

dert

Das es unbeschreiblich ist. Darum fiel mir dabei ein,

Unerschöpflich muß die Quell einer höchsten Weisheit

sein,

Die ein solches Mannigfalt wollgerathner Zeichnungs

Künste,

Durch die bildende Natur bringet auf ein Blat Ge-

spinste

Und wie unbegreiflich ist diese grosse Wundermacht,

Die aus kleinen Saamen Korn diese Florn herfür

gebracht,

Welche sich im andern Jahr aus den abgelegten

Zweigen,

In veränderter Gestalt neu gesprengter Blätter zei-

gen:

Und so geht es immer fort auch in einem dritten Jahr,

Stellet diese Nelkenflor ein verneutes Schauspiel dar,

Da sich ihrer Farben Pracht, durch des Schöpfers

weises Walten

Bald verschönert, bald verkehrt in noch andere Ge-

stalten.

Wenn ich dieses alles seh, wie im Reiche der Natur

Es so wundernswürdig geht; wie so schön die Kreatur,

So betrübet sich mein Geist, daß man

nig rühmet;

Ja! fast gar nicht sieht noch merkt, der der Gar-

ten Grund beblümet.

Ach! wie unempfindlich ist vieler Menschen eitler

Sinn

Der nach den Geschöpfen gaft und sieht übern Schöp-

fer hin,

Und wie muß nicht manche Flor von dem allerschön-

sten Nelken,

Da man nicht an

soll, verwelken!

Jedermann gestehet zwar, daß dieselben wunderschön

Wenn sie auf den schlanken Stamm in gezierter Rün-

de stehn;

Man bewundert wol dabei wie in einen engen Kreise

So viel Blätter eingeschränkt; und wie dieses Lustge-

häuse

Auf so schlanken Stengeln steht, die der Knoten Fe-

stigkeit,

Gleich wie Stüzzen unterhält, und von Fall und

Bruch befreit:

Aber daß der weise

gebühret,

Einen schönen Nelkenbusch so gemacht und ausgezie-

ret,

Das bedenkt ein jeder nicht, der die Kreaturen sieht,

Und sich um des Schöpfers Preis im geringsten nicht

bemüht.

Diese sehn die Nelken an, die sie in dem Gärten

haben

Blos die Augen, das Gehirn, ihren äusern Sinn

zu laben;

Jene gläuben daß sie recht an der Nelken Preis ge-

dacht

Wen sie daraus einen Busch an dem Freudenfest

gemacht;

Und damit ihr Feierkleid, oder ihren Tisch geschmük-

ket

Ja! auch woll zum Zeitvertreib an ein Nasen Loch

gedrükket.

Wenn nun dieser süsse Duft aus dem Nelken einge-

haucht:

So denkt man sie sei genug nach des Gebers Zwek

gebraucht.

Man verwirft den bunten Straus ohne daß das Herz

bedenket

Was wir dem noch schuldig sein, der uns diese Lust

geschenket.

Als ich dieses überdacht und der Nelken Schmuk er-

wegt,

Ward des Herzens Andachts Trieb durch die Augen-

lust erregt;

Darum lies ich alsobald, zu des weisen Schöpfers

Ehren,

Für die schöne Nelkenflor dieses frohe Danklied hö-

ren: