Die schöne Nelkenflor.
Als ich jüngstens bei dem Schein einer war-
men Frühlings Zeit,
Mich vollkommen frei gemacht von des
Amtes Tag Arbeit,
Ging ich aus zu einen Freund, meinen
Schöpfer in dem Grünen,
Durch andächtiges Beschaun holder Blumen; noch
zu dienen.
Ich fand eine Nelkenflor, deren schön geschmükte
Pracht,
Damahls in den Blumen Reich erst zu unsrer Lust
erwacht.
Es gefiel mir alles woll, ihre Ordnung wie sie stun-
den.
In dem Töpfen aufgesetzt, in der Erd am Stok ge-
bunden.
Ich gab auf die Farben acht, deren liebliches Ge-
spiel,
Mir noch besser als die Ordnung in die frohen Sin-
nen fiel,
Und gedachte gleich dabei, was der Schöpfer einge-
richtet,
Uebertrift doch tausendmahl daß, was unser Witz er-
dichtet.
Mein Freund hatte jeden Stok, der die Nelke hielt,
vermahlt,
Und die Farben so gemischt, wie sie an den Blumen
strahlt;
Es war hie Natur und Kunst: Aber diese muste weichen,
Und gleich wie ein Schattenschein, vor des Urbilds
Licht erbleichen
An den Nelken sah ich nichts, als ein schönes Roth
und Weis,
Daß die spielende Natur, durch, den uns verborg-
nen Fleis,
Wunderbarlich durchgesprengt, so gestrichelt daß die
Farben,
In gemischter Aenderung mancherlei Gestalt erwar-
ben.
Diese schien wie Milch und Blut das geronnen
sich vermischt,
Jene als wenn nur ein Tropf auf ein weisses Tuch
gewischt,
Der durch den erhobnen Glanz, als wen er dar-
auf gesprenget
An dem eingekerbten Blat, wie ein fliessend Tröpf-
gen henget.
Diese glom in Purpur Tracht; jene schien als wie
ein Gold
Das auf einen runden Kneul, wie in Schichten
aufgerollt.
Wen man sie von ferne sah; Eine andre sah ich
blizzen
Die mir in die Augen schien, als gebrochne Silber-
spizzen.
Diese war ein Violet das getüpfelt, wie gedrükt;
Jene war als wie ein Flor, der aus gelblicht Garn
gestrikt:
Andre waren wiederum durch so manchen Schein
verändert,
Und wie ihre Zeichnung fiel, als mit Linien gerän-
dert
Das es unbeschreiblich ist. Darum fiel mir dabei ein,
Unerschöpflich muß die Quell einer höchsten Weisheit
sein,
Die ein solches Mannigfalt wollgerathner Zeichnungs
Künste,
Durch die bildende Natur bringet auf ein Blat Ge-
spinste
Und wie unbegreiflich ist diese grosse Wundermacht,
Die aus kleinen Saamen Korn diese Florn herfür
gebracht,
Welche sich im andern Jahr aus den abgelegten
Zweigen,
In veränderter Gestalt neu gesprengter Blätter zei-
gen:
Und so geht es immer fort auch in einem dritten Jahr,
Stellet diese Nelkenflor ein verneutes Schauspiel dar,
Da sich ihrer Farben Pracht, durch des Schöpfers
weises Walten
Bald verschönert, bald verkehrt in noch andere Ge-
stalten.
Wenn ich dieses alles seh, wie im Reiche der Natur
Es so wundernswürdig geht; wie so schön die Kreatur,
So betrübet sich mein Geist, daß man
nig rühmet;
Ja! fast gar nicht sieht noch merkt, der der Gar-
ten Grund beblümet.
Ach! wie unempfindlich ist vieler Menschen eitler
Sinn
Der nach den Geschöpfen gaft und sieht übern Schöp-
fer hin,
Und wie muß nicht manche Flor von dem allerschön-
sten Nelken,
Da man nicht an
soll, verwelken!
Jedermann gestehet zwar, daß dieselben wunderschön
Wenn sie auf den schlanken Stamm in gezierter Rün-
de stehn;
Man bewundert wol dabei wie in einen engen Kreise
So viel Blätter eingeschränkt; und wie dieses Lustge-
häuse
Auf so schlanken Stengeln steht, die der Knoten Fe-
stigkeit,
Gleich wie Stüzzen unterhält, und von Fall und
Bruch befreit:
Aber daß der weise
gebühret,
Einen schönen Nelkenbusch so gemacht und ausgezie-
ret,
Das bedenkt ein jeder nicht, der die Kreaturen sieht,
Und sich um des Schöpfers Preis im geringsten nicht
bemüht.
Diese sehn die Nelken an, die sie in dem Gärten
haben
Blos die Augen, das Gehirn, ihren äusern Sinn
zu laben;
Jene gläuben daß sie recht an der Nelken Preis ge-
dacht
Wen sie daraus einen Busch an dem Freudenfest
gemacht;
Und damit ihr Feierkleid, oder ihren Tisch geschmük-
ket
Ja! auch woll zum Zeitvertreib an ein Nasen Loch
gedrükket.
Wenn nun dieser süsse Duft aus dem Nelken einge-
haucht:
So denkt man sie sei genug nach des Gebers Zwek
gebraucht.
Man verwirft den bunten Straus ohne daß das Herz
bedenket
Was wir dem noch schuldig sein, der uns diese Lust
geschenket.
Als ich dieses überdacht und der Nelken Schmuk er-
wegt,
Ward des Herzens Andachts Trieb durch die Augen-
lust erregt;
Darum lies ich alsobald, zu des weisen Schöpfers
Ehren,
Für die schöne Nelkenflor dieses frohe Danklied hö-
ren: