Die Schweiz.
Land der Sehnsucht, drin die Berge
wie der Freiheit Prachtstatüen,
Wie aus blankem Gold und Silber
von dem Herrn gegossen, glühen;
Berge, die er seinem Himmel
als die letzten Säulen gab,
Wiege seiner Wetterwolken,
seiner Adler einsam Grab!
Land der Sehnsucht, drin die Ströme
sich wie muthige Rebellen
In die Ebne niederstürzen,
auch der Rhein mit seinen Wellen,
Auch der Rhein mit seinen Wellen,
der die vielen Worte hört —
Ob's die deutschen Fürsten ahnen,
daß sich auch der Rhein empört?
Daß er hier sich nicht um Klippen,
nicht um deutsche Lieder kümmert,
Und den eignen Friedensbogen
tausendfach im Sturz zertrümmert?
Ob ihr auch so voll des Lobes,
deutsche Sänger, hier erschient,
Wo er donnernd schon als Säugling
seine Sporen sich verdient?
Wo die ersten Schöpfungsworte
laut noch durch die Lüfte klingen:
Land der Dichter! das emporsteigt,
adlergleich, auf Felsenschwingen;
Wo die Erde heißverlangend
nach dem Kranz der Sterne faßt,
Bis sie vor der eignen Größe
tief erschaudert und erblaßt:
Wieder bin ich dein geworden!
wieder glänzt ihr, stolze Firnen,
Jeden Abend, jeden Morgen
frische Rosen um die Stirnen;
Land der Sehnsucht, ob auch eitel
manch ein Sklave mit dir prahlt,
Bleibst du doch der treuste Spiegel,
der die Freiheit widerstrahlt!
Einstens, hört' ich, ging ein Engel
durch der Herren Länder fragen,
Ob ihr Boden nicht den Samen
auch der Freiheit möchte tragen?
Und er bat um wenig Erde
und er bat um wenig Raum,
Wenig Raum und wenig Erde
braucht ein solcher Freiheitsbaum.
Doch sie riefen ihre Schergen
in die Thäler, auf die Hügel,
Und der Engel nahm den Samen
wieder unter seine Flügel,
Trug ihn aus dem finstern Lande
in der Berge Purpurschein,
Senkt' ihn statt in lockrer Erde,
in den Schooß der Felsen ein.
Also mußt' er seine Wurzeln
wie die junge Tanne treiben:
Mög' er euch wie eure Tannen
immer grün, o Schweizer, bleiben!
Sicher vor des Himmels Blitze
und vor eurer eignen Hand,
Sicher vor des Fremdlings Witze
und — vor eignem Unverstand.