Die selten blühende Aloe .

By Johann Justus Ebeling

Das prächtige Gewächs, die seltne Aloe,

Schlingt sich bewunderns-werth,

Als keine Pflanze thut, und ihre rare Blüte,

Zeigt manches Sinnenbild, dem forschenden Ge-

Sie wächset eigentlich in einem fremden Land

Jm heissen Africa, allwo der Sonnenbrand

Viel feuriger als hie in unsrer Gegend glühet,

Der eine Aloe zu seiner Höhe ziehet.

Man findet sie auch da, in jener neuen Welt,

Die man vors reichste Theil des Erden-Kreises

Allwo sie nuzbar ist; wo sie zum frohen Leben,

Kan Kleidung, Nahrung, Haus, und was man

Der dikke Stamm reicht Holz zu einer Hütte dar.

Die Blätter geben Scheu, die Fädgen geben gar,

Wie Woll und Flachs bei uns, die allerschönsten

Worin die Mohren sich, als in ein Kleid verstek-

Die Stacheln die daran, sind denen Nageln gleich:

Es ist die Aloe von schönen Säften reich

Daraus entsteht ein Wein; aus dessen Süßigkeiten,

Auch wenn sie klebricht hart, ein Zukker herzulei-

Der Saft wird durch die Sonn, zum Eßig-Trank

Da aus der Süßigkeit ein Saur herfürgebracht.

Die Wurzeln dienen da mit ihren langen Strän-

Wie Strikke die man braucht, zum Binden, zum

Und andern Dingen mehr. Der hart und dikker

Der in den Blättern liegt, in ihr Geweb gefaßt,

Giebt eine süsse Kost, durch ein gekochtes Gähren,

Womit die Mohren sich als einer Speise nähren.

Wie Wundernswürdig ist wenn man erwegt, be-

Daß

Daß jene Wilden gnug, zur Kleidung, sich zu la-

Und mit der Aloe des Lebens Nothdurft haben!

Der schöne Wunderbau, die wollgeorndte Pracht,

Die diese Pflanze schmükt, den Augen herrlich

Hat die Begierd erregt, daß sie in unsrer Erde,

Als eine Seltenheit mit Kunst verpflanzet werde.

Es ist der Kunst geglükt. Man stellet ihre Zier,

In Fürsten Gärten auf; allwo die Neubegier,

Nach ihrer Blüthe hoft, die sie in langen Jahren,

Wenn sie auch wol gepflegt, mit kurzer Lust erfah-

Des Stammes Untertheil ist schön und Blätter-

Die Blätter sind sehr dik und lang als wie ein Zweig

Und hängen um den Stam, bis an die Erde nieder,

Der Stam geht in die Höh woran nur hin und

Die zarten Spröslein gehn, bis daß der Kranz sich

Da aus der jeden Seit ein schönes Zweiglein steigt,

Woraus die Blüte komt, die grünlich gelbe Blu-

Es sieht die Aloe fast wie im Heiligthume,

Der güldne Leuchter aus, woran die Zweige stehn

So wie ans Leuchters Schaft, die güldnen Ampeln

Dies Wunder-voll Gewächs, komt selten zu der

Und darin sezzet man desselben Preis und Güte;

Es trägt hie keine Frucht, und wenn es herrlich

Und so viel Augen lokt, und gleichsam an sich zieht.

So pflegen unteu erst, die Floren sich zu zeigen,

Die denn so immer fort, bis zu der Spizze steigen.

Und wenn sie ausgeblüht, so falln die Blätter ab,

Wenn sie am schönsten prangt; ist das Verwesungs-

Der Aloe bald da; die Stengel die vergehen,

Die Herrlichkeit verfleugt die man zuvor gesehen.

Was zeigt uns diese Frucht vor gute Lehren an,

Wovon die Aloe ein Sinnbild geben kan?

Mir deucht man kan daran dies zu der Lehre wäh-

So gehts wenn im Gemüt, durch viele Müh und

Sich in dem Stand begiebt, an einen Ort hin-

Dazu man ungeschikt: Alda wird man geplagt:

So wie die Aloe die Blüten zu erzwingen,

Sie kommen endlich woll: Alleine Frucht zu brin-

Das geht gar selten an. In einem fremden Land,

Allwo ihr Boden ist, ist ihre Blüt bekandt.

Von Früchten weis man nicht in unsern kalten

Wo sie mit Kunst und Fleis sind hin versezzet wor-

Die bringt sie an dem Ort, wo sie ist hinbestimmt,

Jm Reiche der Natur. Wenn man dies Bildnis

So ist denselben gleich der sich so muß bequemen,

In einer fremden Luft, Bedienung anzunehmen,

Dazu er nicht geschikt, und von Natur geneigt:

Es währet lang genug, eh sich die Blüte zeigt,

Die gute Hofnung giebt. Der Aloe ihr Prangen,

Ist herrlich; ob daran gleich keine Früchte hangen.

Jhr gleicht ein solcher Mensch der in dem Christen-

Nach dem Erkenntnis schön: allein desselben Ruhm

Wenn man die Früchte sucht, in seinen ganzen Le-

Gewislich nicht verdient, ihn herrlich zu erheben.

Die Aloe die blüht, wenn sie des Gärtners Fleis,

Mit vieler Sorgfalt, Müh, bei seinem sauren

Beständig wartet, pflegt: Ein Sünder giebt im-

Nach einer langen Zeit, vielleicht noch Beßrungs-

Der Heiland ist bemüht um seinen Gnadenstand,

So wie ein Gärtner thut; Er sezt in gutes Land

Den unfruchtbahren Baum, er suchet ihn mit See-

Zu seiner Fruchtbringung aufs Beste zu verpflegen.

Doch wie die Aloe nach vielen Jahren blüht,

In ihrer Blüte welkt; so ist ein solch Gemüth,

Es zeigt die Beßrung erst bei seinen hohen Jahren,

Es will erst fruchtbahr seyn, bei seinen grauen

Da scheint es endlich noch, er wolle sich bekehrn,

Er wolle noch zulezt den wahren Schöpfer ehrn:

Dem Nächsten seine Pflicht wie sichs gebührt, er-

Und seines Gärtners Fleis in guten Früchten prei-

Er fänget an zu blühn! allein nur kurze Zeit,

Wenn sich die Welt bei ihm auf gute Früchte frent:

So muß er plözlich drauf, im Blühen untergehen,

Wie eine Aloe; so ists mit ihm geschehen.

Ein jeder der hier noch im Reich der Gnaden lebt,

Den des Erlösers Treu, wie einen Baum um-

Bedünget, fruchtbahr macht, der bring bei Zeiten

Sonst fällt er noch zulezt, ins schwere Zorn-Ge-