Die Stille.
Nach einem heitern Tag, und kühler Abend-Zeit,
Brach, voller reinen Heiterkeit,
Auch eine kühl’ und heitre Nacht,
Erleuchtet durch die mannichfache Pracht,
Und durch der hellen Sternen Schein,
Mit Schatten, die dennoch voll Licht, gemach herein.
Ich stand, und lenckte Blick und Hertz,
Mit stillem dencken, Himmel-wärts;
Ich senckte mich ins tieffe Meer
Des tieffen Raums, doch ohn’ Gefahr, hinein;
Weil nicht ein Pol-Stern nur, ein gantzes Heer
Von Pol-Gestirnen mir, mit ihrem hellen Schein,
So mancher Leit-Stern war.
Es war die Lufft so heiter und so rein,
Daß aller Sternen glimme Schaar
Nicht fest, wie sonst an der sapphirnen Bühne,
Rein, frey, und fast zu schweben schiene.
Ich sahe, einzeln bald, bald überhaupt sie an,
Und ward zwar ebenfalls von ihrem Glantz und Strahl,
Jedoch für dieses mahl
Durch die so stille Majestät
Am innigsten gerührt.
O GOTT! rieff ich, Dem ewig Ruhm gebührt,
Wo etwas Deine Macht erhöht,
So ist es dieser Zug von Deinen Schaaren.
Nunmehr, seit so viel tausend Jahren,
Ist Dein allgegenwärtger Wille,
Dein Wincken, ihr Gesetz. Ein ehrerbietigs schweigen
Pflegt hier, bey Königen, die Demuth anzuzeigen:
So deucht mich, daß auch hier der Himmel tieffe Stille
Die Gegenwart des Schöpfers aller Welt,
Nebst ihrer Ehr-Furcht, uns vor Augen stellt.
Ich blieb, bey dieser Still’ in tieffer Stille stehn,
Und dachte der so schnell- und dennoch sanften Weise,
In welcher sich so ungemeßne Kreise,
Ja gar die Himmel selber drehn,
Mit stiller Seele nach:
Bis unverhofft ein lärmendes Gewäsche,
Ein wild verwirrt Gequack der Frösche,
Mein stilles dencken unterbrach.
Ja, dacht ich, hiedurch kann der Erden
Unnützes eiteles Getümmel
Mit jener sanften Still’ am Himmel
In einen Gegen-Satz gesetzet werden.
Man handelt hier, man wandelt, rennt und läufft,
Man lacht, man weint, man liebt, man keifft,
Man siehet ein verwirrtes schwärmen,
Man hört ein unnütz mühsam lärmen,
Und alles ist dennoch, wie ein Geschrey,
Wann man ein jegliches für sich erwegt, vorbey.
Der König stirbt: es stirbt der Baur imgleichen,
Die Armen sterben, nebst den Reichen,
Und ihr Gewühl ist mit den Lebens-Stunden,
So wie der Tag, der gestern war, verschwunden.
Einfolglich ist ihr Thun so eitel, als der Frösche
Geschäfftiges unnützliches Gewäsche.
Wo aber eine Zeit auf Erden
Wol angewendet könnte werden,
So wär’ es die ja wol, wenn man der Wercke Pracht,
Zu Ehren Des, der sie gemacht,
In stiller Achtsamkeit erwegte,
Und Seine weise Macht, in ihnen, überlegte,
Um durch solch dencken angetrieben,
Den HErrn der Creatur zu ehren und zu lieben.
Sollt’ ein dadurch gerührt-in Lieb entbrannter Wille
Der Seel’, in der, als wie im Wiederschein,
Sich alle Schönheit zeigt auf Erden und im Himmel;
Sollt’ eine solche Seelen-Stille
Dem Schöpfer nicht weit angenehmer seyn,
Als alles irdische Getümmel?