Die Tadelsucht.

By Johann Justus Ebeling

Die falsche Tadelsucht ist eine Pest der Zeiten,

Sie sucht nach blinden Wahn

Und weil sie sich nicht gros um

Nur durch der Einbildung, be-

So muß ihr oft was schön, als

Es ist ihr Grundgesez, ein ungegründet Meinen.

Sie geifert immer fort, und greift dasselbe an,

Was ihr drum misgefällt, weil sie nicht leisten

Was andre in der Welt, als Tugenden beweisen,

Das was sie an sich hat ist nur allein zu preisen.

Doch nur in diesem Fall sind ihre Thaten schön,

So lange sie an ihr, an andern nicht zu sehn.

Was bei ihr Tugend heist, das heist bei andern

Die Schönheits Muschen sind, bei andern Nar-

Was ihr Gesicht bemahlt, mit Artigkeit ausziert,

Sind Flekken dadurch sich bei anderen verliert,

Was man annehmlich heist. Man kan daraus er-

Daß aus der Eigenlieb, Neid, Tadelsucht entste-

Die stets den schielen Blik auf andre Menschen

Sie zu erniedrigen, sich selbsten zu erhöhn.

Drum ist die Tadelsucht ein schnödes Kind der

Die sonst nichts weis und kan, als andre anzubel-

Jhr Lohn dafür ist nur, das weil sie immer beist,

Sie sich aus eignen Grimm, zulezt nur selbst zer-