Die Tieffen der Gottheit .
Herrlich! unbegreiflich Wesen!
Ewig undurchdringlich Licht!
Dich hab ich zum Ziel erlesen,
Laß dir doch mein Lobgedicht,
Und mein ungestimmtes Lallen,
Das die Ohnmacht bringt, gefallen:
Flöß mir durch den Gnadenschein,
Deines Geistes Triebe ein.
Geist der Geister! Sonnen Sonne!
Kein Verstand begreift dein Bild
Und mein Witz wird vor der Wonne
Deiner Herrligkeit verhüllt.
Wil ich nur an dich gedenken,
Muß ich mich zum Abgrund senken,
Wo man sich erstaunnt verliert,
Und nichts als nur Ehrfurcht spürt.
Ohne schwindelnd banges Grauen,
Kan mein Geist dich nicht ansehn:
Und mein ich dich anzuschauen
Muß er gleich zurükke gehn:
Jezt deucht mir das ich entzükket,
Deiner Hoheit Glanz erblikket:
Doch es fliegt des Geistes Blik
Starrend wiederum zurük.
Wil ich mich gleich selbst vergessen,
Und mit reger Denkungs-Kraft,
Wagen an die tieffen Grössen
Einer einzgen Eigenschaft:
O! so merken die Gedanken,
Jhre eingespannten Schranken.
Und gestehn daß du ein Geist,
Der ganz unbegreiflich heist.
Da erkennet meine Seele,
Und der tief verschlungne Sinn,
Wenn ich dich zum Vorwurf wähle,
Nicht was du, nur was ich bin:
Wil ich HErr! an dich gedenken,
Und den Geist von Körpern lenken;
So trift er den Abgrund an,
Darin er nichts sehen kan.
Ehrfurchtsvolle Dunkelheiten
Sind um deiner Majestät;
Deren unermesne Weiten
Sind für uns zu sehr erhöht.
Waget sich das arme Wissen,
Zu den heilgen Finsternissen:
So fält mir stets wieder ein,
Du bist warlich unermeßlich,
Und wirst in den tieffen Grund
Da du dich verbirgst, vortreflich
Und dennoch als herrlich kund.
Muß der Seelen Aug erblinden,
Daß dich suchet zu ergründen:
So faßt Erd und Himmel nicht,
Deiner Gottheit grosses Licht.
Geh ich zu den Sternenbühnen
Jm Gedanken, du bist da,
In der Welt der Seraphinen,
Dünkest du mir wieder nah.
Steigt mein Sin in tieffe Grüfte
Der verborgnen Erden-Klüfte,
Dein unsichtbahr Angesicht
Zeigt auch da sein Augenlicht.
Wil ich gleich zu denen Meeren,
Als der Erden äusren Rand
Auf des Geistes Flügeln kehren,
Da bist du mir auch bekandt:
Auf der Berge hohen Hügeln,
Finde ich als wie in Spiegeln
Deiner Grös Unendlichkeit,
Hoheit und Volkommenheit.
Wil ich aber weiter gehen,
Deine Herrligkeit recht schaun:
Bleibt der Wiz auf einmahl stehen,
Und verspürt ein banges Graun.
Wil ich mich hier träumen lassen,
Die Algegenwart zu fassen;
O! so starrt der scheuche Sin,
Und ich weis nicht wo ich bin.
Denk ich nach um zu begreiffen,
Deines Wesens Ewigkeit,
Wil ich Jahr auf Jahre häuffen
Sez ich immer Zeit auf Zeit,
Nehm ich Millionen Zahlen,
Tausend Millionen mahlen;
Und gedoppelt einst so viel,
So tref ich den noch kein Ziel.
Wil ich dieser Zieffern Heeren,
Und die ungeheure Zahl,
Jmmer immer fort vermehren:
So find ich doch allemahl,
Bei des Wizes vielen Zählen,
Noch so viele Zahlen fehlen
Und fang ich von neuen an:
So ist doch noch nichts gethan.
Endlich merkt bei diesen Grössen,
Der verdüsterte Verstand,
Daß ohnmöglich auszumessen,
Was uns gänzlich unbekand.
Du als der Unwandelbahre
Bist in keine Zahl der Jahre
Einzuschliessen, Gestern, Heut,
Ist bei dir stets Ewigkeit.
Keine Zeiten, keine Stunden,
Messen dein stets ewges Sein,
Keine Jahre die verschwunden
Fassen dich in Zirkeln ein.
Morgen ist bei dir wie heute,
Keine Länge keine Breite
Die umschränket deinen Geist,
Der unendlich, ewig heist.
Denk ich den Vollkommenheiten
In der Stille weiter nach,
Und den Strahl der Herrlichkeiten:
So umgiebt mich allgemach,
Wiederum ein neuer Schatten,
Wo sich Licht und Dunkel gatten;
Und dein Licht wirft allemahl
Mich ins tieffe Abgrunds-Thal.
Sehe ich auf deine Hände,
Die das Bild der Allmacht sind,
So sind ich auch da kein Ende,
Und mein Geist wird wieder blind:
Will ich mir die hellen Strahlen
Der Allwissenheit abmahlen:
O! mein blödes Angesicht,
Wird geblendet durch dein Licht.
So wie unser Aug die Strahlen
An der Sonne nie erträgt;
So gehts mir auch allemahlen,
Wenn mein Geist dich recht erwegt.
Er wird wenn er heiter denket,
Wie durch einem Bliz versenket
In den Abgrund, wo dein Bild,
Sich ins heilge Dunkle hüllt.
Kaum kan er sich aus dem Schrekken,
Den die Ehrfurcht eingejagt,
Durch dein Licht gestärkt erwekken:
So will er doch unverzagt
Durch den Weg der Kreaturen,
Finden
Er sieht vieles darin an,
Was ihm
Aber auch in diesen Spiegeln,
Welche Erd und Himmel sind,
Wird der Wiz bei seinem Klügeln,
Abermahl von neuen blind.
Steigt er wie auf hohen Leitern,
Sein Erkentnis zu erweitern:
So ist kein Geschöpf so klein,
Es giebt mir die Warheit ein:
Gott will sich allhier nicht fassen
Sondern in der dunklen Spur,
Nur allein bewundern lassen;
D
Ebenfals von GOttes Höhen
Vieles das nicht einzusehen:
Himmel, Erde, alles spricht:
Gott ist ein unsichtbahr Licht.
Man kan dich in deinen Werken, Schöpfer! HErr der ganzen Welt!
Mächtig, weise, gütig merken;
Weil du darin vorgestellt:
Aber aller Dinge König!
Der Verstand ist viel zu wenig,
Vollenkommen zu verstehn,
Was wir klar vor Augen sehn.
Wenn wir zu den Himmels-Höhen,
Zu den tieffen Luft-Revier,
Ein geschärftes Auge drehen;
Stellen uns dasselbe für
Was in den entfernten Gründen,
Noch verborgenes zu finden,
So zeigt uns die Sternen Bahn,
Tieffen deiner GOttheit an.
Messen wir des Himmels Kreise,
An den blaugewölbten Rund,
Was macht uns das Luft-Gehäuse,
Nicht vor viele Tieffen kund?
Wer ist der in jener Ferne,
Zählt das Heer der lichten Sterne,
Wer ist der uns richtig lehrt
Wie die Welt sich dreht und kehrt?
Wer ist der uns kan erzählen
Aller Kreaturen Kraft?
Wenn wir nur die Erde wählen,
Wer kan uns die Eigenschaft,
Eines einzgen Krauts recht lehren,
Darin wir den Schöpfer ehren?
Kein Verstand ergründet das,
Was verbirgt ein Stengel Gras.
Denk ich nach wie GOtt regieret,
Diesen Bau der ganzen Welt,
Wie er das zum Zwekke führet,
Was die Vorsehung erhält:
Wie er uns als Menschen leitet,
Und aus Bösen Guts bereitet,
O! so seh ich allemahl
Dunkler Tieffen grosse Zahl.
Seh ich nur das Heer der Sünder
Die wie Lorbeer-Bäume blühn;
Seh ich wie die frömsten Kinder,
In den Trübsahls-Offen glühn:
Und will den Verstand befragen;
Warum
Alsobald sieht hier mein Geist,
Wie sich eine Tief aufschleust.
Seh ich die Veränderungen,
In dem Reich der Vorsehung,
Wie oft werd ein Land verschlungen,
So komt die Verwunderung
Und betäubet meine Sinnen,
Da werd ich gleich wieder innen:
Er will nur bewundert seyn.
Dieser steigt und jener sinket,
Wie des Schiksals Sphere geht,
Die wenn
Sich im Augenblik verdreht.
Was zum Trost der eitlen Zeiten,
Vor die späten Ewigkeiten,
Als ein Denkmal aufgesezt,
Wird im Augenblik verlezt.
Und dasselbe bleibet stehen,
Was auf leichten Grund gebaut,
Und wird bey dem Untergehen,
Gleichsam wieder neu geschaut.
Alle diese Wunderdinge,
Die da scheinen gros, geringe
Alle diese kommen mir,
Wie verborgne Tieffen für.
Wagt sich das begierge Wissen
In der Höchsten Macht-Gericht
Zu der Vorsicht dunklen Schlüssen,
Was vor Tieffen sieht es nicht?
Was vor Räthsel künftger Zeiten,
Sind in den Begebenheiten
Dieser Welt? was wird geschehn,
Eh dies Rund wird untergehn?
Nimmermehr -- was wilt du wagen,
Blöder Geist halt plözlich ein!
Du kanst nicht den Glanz ertragen
Von der GOttheit Sonnenschein:
Schweig und fasse dein Gemüthe,
Denke
Des Verstandes enger Kreis,
Faßt nicht was
Auch der GOttheit dunkle Tieffen,
Gleichen einem breiten Meer,
Woraus Seegensströme trieffen:
Es gereicht zu seiner Ehr,
Daß wir eingestehen müssen
Daß wir nichts mehr von ihm wissen,
Als was jezt nur dem Verstand,
Aus Natur und Schrift bekant.
Eine GOttheit zu ergründen,
Das heist blos Ohnmöglichkeit;
Und sich das kühn unterwinden,
Das heist aus Verwegenheit,
Etwas klärlich fassen wollen,
Was wir hier nur gläuben sollen,
Da das Auge nicht geschikt,
Daß es einen
Das Erkenntnis ihn zu lieben,
Haben wir in dieser Welt,
Wer sich darin wird recht üben,
Komt in jenes Himmels-Zelt,
Dort in den verklärten Auen,
Ist er deutlicher zu schauen:
Wo des Abgrunds Dunkelheit,
Jmmer helle Strahlen streut.
Sehnet euch ihr regen Sinnen,
Von des Körpers Last befreit,
Nach den lichten Himmels-Zinnen,
Der verklärten Ewigkeit.
Schwinge deiner Sehnsucht Flügel,
Geist! nach jenem Sternen-Hügel,
Wo die Tieffen erst vergehn,
Und der GOttheit Licht zu sehn!
Doch so lange du im Wallen,
In der Unvollkommenheit,
Trachte dem stets zu gefallen,
Der ein HErr der Herrlichkeit.
Jhr geflügelten Gedanken,
Bleibt in den gemeßnen Schranken,
Und wagt euch mit euren Sin,
Nie zu
Ewig undurchdringlich Wesen,
Laß mich deine Herrlichkeit,
An den Kreaturen lesen;
Gib daß ich hier in der Zeit,
Dich in deinem Bibelbuche,
Weiter zu erkennen suche:
Daß ich aber deine Höh,
Dabei ohne Vorwiz seh!
Was ich nicht vermag zu kennen,
Davon kehre meinen Blik;
Laß mich nicht in Tieffen rennen,
Sondern ziehe mich zurük;
Laß mich nur im Heilgen bleiben,
Wenn mich will der Wiz antreiben,
In das Heiligste zu gehn:
Hier hab ich genug zu sehn.
Laß mich Andachts-voll betrachten,
Wie du ein verborgner
Der im Dunklen hoch zu achten:
Laß mich grosser Zebaoth
Bei den schwindelnd bangen Grauen,
Dein Licht auch dabei anschauen;
Zeig mir deine Herrlichkeit,
Auch hienieden in der Zeit.
Wenn das Sterbliche verschlungen,
Und das Stükwerk dreinst vergeht,
Wird mein Lied das matt geklungen,
In der Geister-Welt erhöht,
Da soll mein hier kindisch Lallen,
Dir, im höhern Chor erschallen,
Wenn dein Licht mir das anzeigt,
Was Natur und Schrift verschweigt.