Die unglückliche Unaufmerksamkeit der Menschen, auch so gar beym Anblick der Son...

By Barthold Heinrich Brockes

Indem ich jüngst durch einen Wald,

Und dessen liebliches Gebüsche,

Der kühlen Schatten Aufenthalt,

In einem angenehmen Wetter,

Vergnügt spatzier, und mich erfrische;

Erblick ich, durch die jungen Blätter,

Der Sonnen flammende Gestalt,

Bey ganz entwölktem Untergehn,

Auf einmal wunder-wunderschön.

Es flammte durch das zarte Grün,

Das schöner, als Smaragden, schien,

Ein Strahl, der röhter, als Rubien.

Es fiel ein wirklich himmlisch Licht,

In diesem Glanz, mir ins Gesicht.

Ich rief verschiedne zu mir her,

Zeigt’ ihnen dieses güldne Meer,

Woraus beständig Strahlen quillen,

Die Himmel, Welt und Augen füllen.

(ach, füllten sie auch unsre Brust!)

Sie sahn es auch mit Freuden an;

Allein es war um ihre Lust,

In einem Augenblick, gethan.

Sie sagten: Ey! o das ist schön!

Und kehrten darauf allgemach

Sich abwerts, wie ich fast noch sprach,

Und liessen mich alleine stehn.

Ich stutzte und betrübte mich,

Ob dem Betragen, innerlich.

Wie? rührt denn selbst des Himmels Licht,

Rief ich, der Menschen Seelen nicht?

Das heut so wunderschön zu spüren;

Was soll, was kann sie denn doch rühren?

Wer wundert sich, daß, von der Erden,

Die Wunder nicht empfunden werden;

Da sie selbst, vor der Sonnen, blind,

Fühl- Acht- ja gleichsam Sinn- los, sind.

Es scheint, dieß überführ’ euch ganz:

Der Erden Pracht, des Himmels Glanz

Sey für uns Menschen nicht gemacht,

Wie wir doch sonst so schwülstig wollen.

Denn wenns für euch, und GOtt zur Ehr

Hervorgebracht und worden wär;

So hättet ihrs auch merken sollen,

So hättet ihrs empfinden, wissen,

Euch freuen, und GOtt danken müssen.

Jhr stürzt demnach euch selbst vom Thron

Des Vorrechts, vor den andern Thieren,

Als welche, von des Schöpfers Werken,

Die Pracht nicht weniger bemerken,

Nicht in geringerm Grad verspüren.

Denn wahrlich, weniger als ihr,

Vergnüget sich, an aller Pracht

Deß, was von GOtt hervorgebracht,

Zu Seinem Ruhm, kein einzigs Thier.

Ja, wenn wir auch, zu GOttes Ehren,

In allen Dingen, fühllos wären;

So sollt’ euch doch der Sonnen Glanz

Allein, aus eurer Schlafsucht ganz,

Durch sein verhimmelt Feuer, reissen,

Und GOtt darinn erkennen heissen.

Wenn wir uns, an den güldnen Schätzen

Der untergehnden Sonn’, ergetzen;

So sollt’ es fast nicht möglich seyn,

Daß uns ihr Glanz nicht sollte rühren.

Es zwingt uns fast ihr Wunderschein,

Wir müssen eine Gottheit spüren.

An ihr ist alles ungemein.

Was in dem Meer, was auf der Erden,

Kann nicht mit ihr verglichen werden.

Sie ist das, was sie ist, allein.

Doch sinds nur wahre Menschen-Augen,

Die GOtt darinn zu finden taugen,

Und, Jhn zu ehren, fähig seyn.