Die unvollkommene Schönheit.

By Johann Georg Gressel

Ob gleich die Lilien mit stoltzem Silber prangen

Sieht man doch manchen Fleck an ihrem

Der ihrer Wunder-Zier den größten Glantz beraubt

Und ihrer Blätter Pracht mit dunckler Nacht behaubt.

Die Krone und die Zier des angenehmen Lentzen

Der Blumen Königinn mit ihren Purpur-Kräntzen

Prangt zwar im stoltzem Schmuck doch weil sie Dornen hegt

So kommt es daß man offt vor Rosen Abscheu trägt.

Der blühende

Das köstliche Gewächs die prächtigen

Die prangen an dem Strauch und blühen mächtig schön

Doch ist bey dieser Pracht offtmahls ein Wurm zu sehn.

Der Seiden reiche Sammt ist nicht ohn’ alle Fehler

Der Dafft und theurer Stoff zeigt ungerade Thäler

Der schönste Diamant ist nicht von Mackeln rein

Den Perlen fehlt etwas bey ihrem klahren Schein.

Das Auge dieser Welt zeigt auch verschiedne Flecken

Die ihm bald hie bald dort das reine Feur bedecken

Des Monden silber Licht ist nicht von Mängeln rein

Die ihm bey seiner Pracht mit eingesämet seyn.

Ja bey dem Kunst-Gebäu den hellen Himmels Bühnen

Ist die geschmückte Pracht mit Mangel auch erschienen

Indem das Sternen-Heer so lustig Wache hält

Sich nicht vollkommen schön in seinem Schmuck darstelt.

Der weisse

Hegt Mackels mancher Art in seinem stlber Pflaster

Rubinen und Schmaragd den Türckiß und

Die findet man befleckt bey ihrer

Des Meeres Wunder-Wald die ästigten Corallen

Der Erden Demant-Glaß die klahren Berg-Crystallen

Und was von diesen mehr die gantze Ründung hegt

Ist nicht gantz schön da es auch Mängels an sich trägt.

So auch die kleine Welt das artige Geschlechte

Das in die Banden legt und uns heist ihre Knechte

Das schöne Jungfern Volck der unschätzbahre Schatz

Der giebt bey seiner Pracht verschiednen Mängeln Platz.

Die Haare so als Gold als lichte Perlen prahlen

Die müssen ob gleich spaht die alte Schuld bezahlen

Und sagen daß sie nicht von allem Mangel frey

Die andern fallen auch derselben Meynung bey.

Die glatte

Hengt wie ein Pfau beschämmt die sonst gerichten Flügel

Wenn sie den Silber-Schein nicht gantz vollkommen sieht

Und ihre Himmels-Burg ein Mangel Dufft bezieht.

Die Sternen des Gesichts die Sonnen gleichen Augen

Die müssen offt Verdruß aus ihrem Fehler saugen

Daß ihnen Perlen gleich das Zähren-Saltz abrinnt

So ihren hellen Schein mit Trauer-roht entzündt.

Die Rosen so in Milch gesetzet auf den Wangen

Wie Purpur und

Beziehet auch gar bald ein bleicher Todes-Schein

Und zeiget daß ihr Glantz nicht kan beständig seyn.

Der schöne Zucker-Mund und die Zinnober Lippen

Beschämen den Rubin und die Corallen Klippen

Doch setzt ein kurtzes Nu den rohten Schein in Eyß

Und färbet den Rubin mit seinem Kalcke weiß.

Das glatte

Die trotzen dem Crystall als wenn nichts ihnen fehle

Allein sie ziehen bald die stoltze Pfeiffe ein

Und zeigen daß sie gleich den andern schadhafft seyn.

Bald aber darff ich nicht die schöne Brust verachten

Wohin ein jeder wünscht wohin wir alle trachten

Wo sich die süsse Lust in Schwanen eingekleidt

Und stets ein neues Was auf unser Geister streut.

Allwo die Lieblichkeit ihr Wohn-Zelt auffgeschlagen

Dahin die

Das Zucker unsrer Lust der Seelen Honig Seim

Der Geist zu Geistern fügt durch zähen Liebes Leim.

Wo

Da man die Wollust sieht auf süsser Anmuht Thronen

Wo

Da sich ein Balsams-Strauch zu unsern Diensten reicht.

Doch dieses alles macht die Brüste nicht vollkommen

Es wird dem schönen Paar auch Glantz und Lust benommen

Wie

So kan auch deren Pracht nicht über-irrdisch seyn.

Der rund-gewölbte Bauch prahlt wie ein heller Spiegel

In dessen Mitten steht des Nabels runder Hügel

Der weisser als Albast und glätter noch als Eyß

Indem er in sich hält der Wollust Zauber Kreyß.

Durch einem Blick kan er den Geist in Flammeu setzen

Und ob ihm schon was fehlt wil er uns doch ergötzen.

Er pochet gar darauf daß er den Wolcken gleicht

Und denckt nicht daß der Schmuck im Augenblick entweicht.

Allein wer will die Schooß die schöne Schooß beschämen?

Woher wir unser Licht und unser Leben nehmen

Wo die Gedancken hin und jeder Wünschen geht

Woher was kömmt und wird in Leib und Seel besteht.

Den Sammel-Platz der Lust den Ebenbild des Leben

Das jene erste Welt verächtlich hingegeben

Und unser Wohl verspielt verlachet jene Lust

Daß uns im Schatten-Werck nur wird die Lust bewust.

Das schöne Morgenland die rechte Glückes Insuli

Dionens Wunder-Schloß; allein hier fehlt der Pinsul

Zu mahlen seine Pracht die alles übertrifft

Weil Liebreitz und

Rubinen und Albast die diese Grotte zieren

Und uns in einem Gang voll süsser Früchte führen

Sind nicht von Sodom her nicht falscher Augen Schein

Dieweil sie von dem Baum des ersten Garten seyn.

Wer will kan dieser Pracht nur ihre Fehler zeigen

Ich halte schon den Mund und werde davon schweigen.

Ich zähme meine Hand und zwinge meinen Kiel

Wenn er zu dessen Schimpff nur etwas schreiben will.

Mit jenem Mahler will ich mich mit Schweigen decken

Und Schweigend übergehn was selben kan beflecken

Ich sage nichts von Lust von Pracht noch dessen Zier

Und werffe vor dem Fehl die Schweigens-Decke für.