Die vergnügte einsamkeit.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Ausbündiges revier, wo nichts verbotnes wächst!

Hier ist die einsamkeit, der himmel stiller hertzen!

Wornach der matte geist wohl hundertmahl gelechst,

Wenn der verruchte neid, der stets die unschuld schwärtzen

Und unterdrucken will, mir manchen tag und nacht

Des lebens süßigkeit zu gall und gifft gemacht.

O angenehmer ort! den mir des himmels schluß

Zum aufenthalt bestimmt! Wie kommst du mir so süsse

Und so vergnüglich vor! Crystallen-klarer fluß!

Der du die gegend zierst, und durch die schnellen güsse

Ein sanfftes rauschen machst! Du stehst mir trefflich an,

Weil sich gehör und geist an dir ergetzen kan.

Ticht’ ich ein kurtzes lied zu meiner eignen lust,

So dient dein silber-strohm mir statt der Hypocrene:

Und wenn die sonne sticht, so labst du mund und brust:

Dein ufer ist mein sitz, dein rieselndes gethöne

Mein süsses lautenspiel, das keine lufft verstimmt,

Und alle traurigkeit aus den gedancken nimmt.

Werff ich den angel aus, so fang’ ich manchesmahl

In deiner kalten fluth die köstlichsten forellen,

Denn diese streichen hier in ungemeiner zahl;

Ja die vergnügung will aus allen orten quellen.

Kurtz: Wie dem Araber kein balsam je gebricht;

So fehlt es mir allhier auch an ergetzung nicht.

Laßt der poeten kunst den ehmahls grossen berg

Der Musen an den kreis der göldnen sonne führen!

Er ist, ich sag es frey, vor denen nur ein zwerg,

So dieses paradies mit ihrem schatten zieren;

Obgleich kein lorber-baum, nach dem der ehrgeitz lechst

Und tolle sprünge macht, auf ihrem rücken wächst.

Verkehrt Thessaliens berühmter felder schos

Jhr tichter in ein grab der allerschwersten sorgen!

Hier macht der eigne schmuck die grünen thäler gros,

Und ihre zierde darff nicht fremden beysatz borgen.

Ich weiß, Semiramis ließ’ ihre gärte stehn,

Und würde gantz vergnügt allhier spatzieren gehn.

Weg, falsche Venus! weg! lauff in dein Cypern hin!

Und decke dich daselbst mit den erkiesten myrthen!

Ob gleich auf unsrer au nicht geile blumen blühn;

So kan mich dennoch wohl die lieblichkeit bewirthen.

Prahlt dieser wiesen schmeltz mit tulp- und rosen nicht;

Genung: Daß unsre hand klee und violen bricht.

Steigt aus der reinen bach kein süsses zucker-rohr;

So läßt die biene doch gesundes honig fliessen.

Thut kein Amphion sich um diese fluth hervor;

Die ohren können hier viel rein’re lust geniessen,

Wenn finck und nachtigall von denen ästen singt,

Und echo den gesang wohl doppelt wiederbringt.

Beliebte wüsteney! vergnügungs-volle nacht!

Geht hin, Arcadier! und rühmet eure wälder!

Kommt aber auch und schaut, was diese herrlich macht:

Und wie der bäume stoltz biß an die sternen-felder

Die hohen gipffel treibt. Ach! auserlesner wald!

Du bist mein lust-revier! du bist mein aufenthalt!

Gelassner Seladon! Hier blüht die süsse ruh,

So deinen geist entzückt, und aus sich selber führet:

Hier schliesst der anmuth krafft der sorgen brunnquell zu:

Hier, wo gelinder west die schlancken pappeln rühret:

Da sich der müde hirsch an reiche linden streckt,

Und ein geheimer trieb die matten sinnen weckt.

Schreib, kluger Plinius

Es kan mein schlechter kiel so viel als deiner sagen.

Ich hör’ und schaue nichts, als was mein heetz erfreut:

Es störet kein tumult mein ruhiges behagen.

Der tempel, den ihm einst Harpocrates erkiest,

Wird kaum so stille seyn, als mein behältniß ist.

Mein zimmer kennt zwar nichts von ungemeiner pracht:

Es scheint die armuth sey in selbigem zu hause;

Jedoch mit prahlen ist auch wenig ausgemacht:

Der prächtigste pallast

Schliest einen Socrates

So kan er denn so gut, als manches rath-haus seyn.

Ist meine wohnung schlecht? bin ich doch auch nicht gros:

Ein zimmer, wo gesund und sauber ist zu wohnen,

Ist gut genung vor uns: Und bricht der donner los?

So wünsch ich mich ohndem mit schlössern zu verschonen,

Weil meistentheils der schlag

Wenn ein geringes dach in sicherm friede steht.

Jhr, die beruff und stand zu etwas grossem treibt!

Folgt eurem triebe nach! ich such’ euch nicht zu tadeln:

Ich weiß, was Curtius von Alexandern schreibt

Und wieviel andre mehr berühmte thaten adeln.

Geht! sucht den grösten hof, wo die erfahrung gilt,

Und man durch klugheit offt viel ungewitter stillt.

Rennt! die ihr waffen liebt, und laßt den scharffen stahl

In der bezwungnen feind’ erschrockne brüste gleiten!

Jhr steigt durch tapfferkeit auf einen ehren-saal;

Mich will der weißheits-stern in jene länder leiten,

Wo liebe kayser ist, wo lauter friede wohnt,

Und GOtt zwar der geduld, doch keiner rache lohnt.

Ein andrer suche sich in einer grossen stadt

Durch geld und wissenschafft hoch an das bret zu bringen!

Wer seine saiten schon zu hoch gespannet hat,

Dem pflegen sie gewiß gar bald entzwey zu springen:

Man darff es schlecht versehn, so ist der titel hin;

Ich bin vergnügt genung

Gepriesnes einsam-seyn! wo ruh und friede wacht!

Hier hab ich weder feind

Es giebt kein hönisch aug auf meine thaten acht:

Auf einen stillen schlaf folgt ein gewünschter morgen.

Ja, wenn man es bedenckt, wo ist bequemre zeit,

Recht in sich selbst zu gehn

Drum kreucht Democritus

Der weisheit amber steigt auch aus verfaulten särgen:

Daß Heraclitus

Wie Timon sich so gern in gärten will verbergen,

Ist, wenn man es erwegt, viel eher eine that,

Die menschen-lieb’, als haß zu ihrer absicht hat.

Mit andern umzugehn

Noch schwerer aber ist, mit sich zu reden wissen:

Und diese wissenschafft heißt kein gemahlter dunst:

Sie läutert den verstand von allen finsternissen,

Und sühret unser hertz in wahre sicherheit;

Allein, wo lernt man sie, als in der einsamkeit?

Die grösten geister zieht der einsamkeit magnet:

Adonis sucht in ihr

Der groß Ariovist

Fand endlich ruh und grab in einer düstren höle.

Was macht’, o Salomo

Dir die vergänglichkeit der eitlen lust bekannt?

Wo schöpfft Alcinous

Wo hieng Semiramis die sorgen an den nagel?

Wo legt’ ihm Seneca

Wo lehret’ Epicur

Der seele wollust nahm? Und wo hat Statius

Es fast dahin gebracht

In stillen gärten steckt ein sonderbahrer zug.

Wer weiß nicht, was August

Zu dieser lebens-art vor grosse neigung trug?

Zog Diocletian

Schon um die stirne trug, nicht seinen purpur aus,

Und nahm vor hof und stadt

Mäcenas

Weil sein geschickter kopff so wohl zu rathen wuste,

Hielt offt die einsamkeit vor seinen besten schild,

Wenn er mit eyfersucht und sorgen kämpffen muste.

Der tapffre Scipio

Jhm nach der ehre grieff, den schutz der einsamkeit.

Daß Cartes

Das hatt’ er grossen theils der einsamkeit zu dancken:

Sie nutzt versichert mehr, als mantel stock und bart:

Sie bringt den stillen geist auf hurtige gedancken:

Sie ist das vaterland, so keine bürger kennt,

Als die der wahrheit mund gelehrt und heilig nennt.