Die vergrünten Linden Bey Absterben Hn. P. von der L. den 14. Septembr. 1679.
Der Wälder Zier die hohen Linden
Der Nymfen Lust- und Sommer-Hauß
Die sich so herrlich breiten aus
Daß man kan kühlen Schatten finden
Wenn alles fast für Hitze schmacht
So webt der Blätter grüne Nacht
Den Fürhang drein die Westen spielen
Daß man wirdsüss’ Erfrischung fühlen.
Die sind den Göttern längst geweyhet
Und wurden Tempeln beygesetzt
Das Opffer-Vieh da abgemetzt
Der Seher hat da propheceyet
Kurtz: man ließ gar des Weyrauchs-Flamm
An dem bejahrtem Linden-Stamm
Biß an die blauen Wolcken steigen
Damit die Andacht zu bezeugen.
Die Tichter wissen mehr zu sagen
Sie melden wie das schöne Weib
Die Philyra nachdem ihr Leib
Den Pferd-Mensch Chiron hat getragen
Verwandelt sey in diesen Baum
Weil ihrem Bitten statt und Raum
Der grosse Jupiter gegeben
Sie solt’ in Zweigen künfftig leben.
Als nun der Götzen-Dienst verschwunden
Hat doch der Linde Schätzbarkeit
Weil sie der Menschen Hertz erfreut
Noch immer hohes Lob gefunden:
Sie ist der Fürsten Taffel-Hauß;
Das Dorff legt sein Gericht da aus:
Die Nymfen hägen umb sie Täntze
Und flechten aus den Blättern Kräntze.
Und wird ihr laubicht Gipfelblühen
So steht sie gleichsam wie beschneyt;
Es prangt ihr weiß und grünes Kleid
Und kan die Augen nach sich ziehen.
Der Pomerantzen theures Oel
Und der Jesminen Geist und Seel
Mag uns nicht so viel Lieblich keiten
Als diese Blüthe zubereiten.
Ach aber wer sieht sonder Grauen
Wenn offt in unvermerckter Eil
Ein unverschämt und kühnes Beil
Den Linden-Stamm hat umgehauen!
Es führt der Vögel Melodey
Nichts als ein kläglich Angst-Geschrey
Die Fichte schwanckt die Eichen knallen
Weil ihre Nachbarin gefallen.
Gewiß vom bangen Jammer-Klagen
Erschallt Herrn
Nun Hertz-
Wird Schatz und Eydam ausgetragen.
Der gleich den Linden hat gegrünt
Wie Blüthe nutzbarlich gedient
Muß auch wie die erblasten Linden
Sein Grab so früh’ in Breßlau finden.
Sein Lebens-Baum stund voller Früchte
Sein Wachsthum war nur GOtt geweyht
Witz Tugend Treu und Redlichkeit
Ein gleiches Hertz und gleich Gesichte;
Ach seltnes Kleinod dieser Welt!
Behielten stets bey ihm das Feld
So daß an
Nichts als Auffrichtigkeit zufinden.
Erwehn’ ich denn die reine Liebe
Den Opffer-Tisch Vermählter Treu;
So fürcht ich daß es dienlich sey
Zu ritzen auff die Seelen-Hiebe.
Gekränckte Frau von Angst und Weh
Sie klagt nur daß das Band der Eh’
So ewig schien so bald zerrissen
Und sie den besten Trost muß missen.
Der Baum der Schatten ihr gegeben
Der sie als wie ein Schirm bedeckt
Der nichts als Anmuth ihr erweckt
Bey dem sie wünschte stets zu leben
Jhr Auffenthalt und Seelen-Ruh
Schleust itzt die müden Augen zu
Verdorrt wie Zweige von den Linden
Fällt ab wie Blätter von den Winden.
Auff unerforschte Weg und Weise
Geht über uns des Höchsten Schluß
Nechst hieß ihn vieler Freunde Gruß
Willkommen von der fernen Reise;
Jtzt wird er in den Ort begleit’t
Von dannen in die Zeitlichkeit
Er kehret nimmermehr zurücke.
O herber Fall! O Trauer-Blicke!
Jedoch Herr
Wenn es des Schöpffers Stimme schafft
Soll wieder neuen Safft und Krafft
In seines Baumes Wurtzel finden;
Sein Ehren-Lob und Name grünt
Das uns zum Trost und Beyspiel dient
Ja auch der Nach-Welt gibt zu lesen:
Wer Tugend liebt kan nicht verwesen.