Die vernünftige und unvernünftige Liebe.
Von allen Leidenschaften scheinet die Liebe die natür-
lichste
(weil sie nicht weniger den Geist, als wie den Leib, ja
nicht allein
Des Liebenden, auch der Geliebten, zu ihrem Vorwurf
hat) zu seyn.
Nun ist bekannt, daß jeder Mensch zugleich aus Leib und
Geist besteh,
Daher beschäftigt er sich ganz, indem er liebt, und seine
Liebe
Genießt noch überdem des Geists und Leibes süsse Wech-
sel-Triebe
Deß, der von ihm geliebet wird. Wann Liebende nun
solche Gaben,
Daß sie mit Recht vermeynen können, durch ihre cörper-
liche Zier,
Durch Schönheit, Stärke, Stand und Ansehn, den schö-
nen Vorwurf der Begier
Dadurch sich angenehm zu machen, und ihn zu reizen, an
sich haben,
Zugleich, bey ihrem Gegenwurf, desgleichen auch für sich
zu finden,
Mit Fug und Recht, vermuhten können; so wird in ihrer
beyder Brust,
Sowohl so gleich, als im Besitz, ein’ angenehme Wech-
sel-Lust,
Mit Banden, voller süssen Anmuht, die nimmer ecklen
Herzen binden.
Kommt nun die Gleichheit der Gemühter zu ihrer Anmuht
noch hinzu,
So findet sich die meistens sonst umsonst gesuchte Seelen-
Ruh
Bey beyden überschwenglich ein: Zumahl die letztere noch
währet,
Wenn etwan unsers Leibes Vorzug, als welcher flüchtig,
uns entfähret,
Und durch sich selber fähig ist, wofern sie billig, an den
Zügen,
Die die Geliebte einst besessen, sich, im Erinnern, zu ver-
gnügen,
Wenn dessen Geistes Schönheit nur der cörperlichen Platz
vertritt,
Und seine Freund- und Zärtlichkeit das, was die Zeit ge-
raubt, ersetzet,
Indem sie nicht den andern nur, zugleich in seiner Lust,
sich mit-
Ja, wo er recht vernünftig ist, sich öfters mehr, als er,
ergetzet.
Wann aber jemand, welcher liebet, von solchen Gaben
nichts besitzt,
Wie kann er denn mit Recht begehren vom Gegentheil
geliebt zu seyn?
Zwar findet sich, daß in der Ehe zuweilen die Gewohn-
heit nützt;
Doch dienet sie zur Liebe selten, nur zur Erträglichkeit
allein.
Es wird denn dieß von selbsten folgen, und ist das Sprich-
wort wahr vor allen:
Ein jeder muß gefällig seyn, wo er gedenket zu gefallen.
Die wahre Liebe muß allein aus wirklichen Verdiensten
fliessen,
Unmöglich ist die Zärtlichkeit des Gegenstandes zu genies-
sen,
Sie muß aus eigenem Verdienst zuerst entstehen und ent-
springen,
Und, durch des Gegenstands Vergnügen, uns erst ein recht
Vergnügen bringen.
Um nun zu diesem Zweck zu kommen, nehm jeder diese Lehr’
in Acht:
Man ziehe der Geliebten Vorzüg’ und seine Fehler
in Betracht.
Man suche stets, so viel man kann, um sein Vergnügen zu
vergrössern,
Was an ihr gut ist, gut zu finden, und seine Schwach-
heit zu verbessern.
Durchs erstre wird man zu dem letztern schon eine Fähigkeit
verspühren,
Indem die Furcht so vieles Gutes, was man besitzt, nicht
zu verlieren,
Uns unsre Fehler zu verhehlen, ja gar zu ändern, dürfte
führen.
Wofern wir dieses unterlassen, und wir für alles Gut’
erblinden,
Was der beliebte Gegenstand besitzet; wird man bald be-
finden,
Wie wir auch ihr nicht mehr gefallen. Gleich wird die
Wechsel-Lust verschwinden.
Gleichgült’ge Kälte wird zuerst das süsse Feur der Liebe
dämpfen,
Der Eckel folget, dem der Haß, der öffnet beyderseits die
Augen,
Daß sie fast an einander nichts, als Fehler zu erblicken,
taugen.
Statt diesen allgemeinen Feind von ihrer Ruhe zu be-
kämpfen,
Bemüht sich der Verstand so gar, als wär er selbst ein
Feind der Seelen,
Durch die geschwärzte Fantasey, ein alle Tage schwärzer
Bild
Sich von dem andern vorzustellen, von nichts als Widrig-
keit erfüllt.
Mit dieser Larve fängt man sich, und denn einander, an zu
quälen,
Indem man nicht nur selber leidet durch den Verlust der
vor'gen Freuden,
Nein, weil man auch dadurch zugleich den erst Geliebten
wirklich zwingt,
Uns murrisch, grämlich, unerträglich zu finden, und ihn
dahin bringt,
Daß wir ihm immer mehr noch scheinen ein Vorwurf,
welcher nicht zu leiden.
Noch schwerer werden alle Tage die an sich selbst schon
schweren Bande,
Ja, jede Stunde wird man fast, auch unvermerket, sich
bestreben,
Sich von einander einen Eindruck, der immer häßlicher,
zu geben;
Denn da man nichts als Fehler sucht am Cörper, oder am
Verstande,
So wird man auch, unglücklich glücklich, derselben immer
mehr noch finden,
Doch unsern Gatten eben so mit uns zu handeln auch
verbinden,
Als welcher auch bey uns die Fehler, die er verlangt, zu
finden pflegt,
Und mehr noch, als er erst geglaubt. Wer wird nicht
innerlich bewegt,
Zu sehen, daß auf dieser Welt so viele unglücksel’ge Seelen,
Durch beyder Schuld, sich beyde foltern, durch beyder
Stolz, sich beyde quälen.
Sie haben einen Stand erwählt, sich an einander zu er-
getzen;
Und brauchen den erwählten Stand, einander immer zu
verletzen.