Die vier Jahrszeiten, als ein sinnliches Lehrbild, des Lebens, Todes, und der Au...

By Johann Justus Ebeling

Ich sah im vorgen Jahr, als uns die

Sommerzeit,

Mit ihrer schwülen Hitz, die

Früchte meist gereifet,

Wie schon ein grosses Theil der

bunten Herrligkeit

Jm Reiche der Natur, die Farben

abgestreifet.

Die zarten Kinderchen, die man im Gärten sicht,

Die Blumen Lillien, die Tulpen, Rosen, Nelken

Die hatten kurtze Zeit, in ihrer Pracht geblüht,

Und schienen falb und blas, mit ihren Schmuk zu welken.

Ich sah ihr Sterben an, das sich dem Augen wies

Und dachte, wie kan das zu einem Lehrbild dienen?

Der Garten führte mich aufs Ehe Paradies,

Worin die Kinder auch, zur Eltern Freude grünen.

So wie die Blümelein, offt eh mans meint vergehn,

Durch einen Sonnen Stich, in ihrer Blüt verderben;

So kan man täglich auch, im Ehestande sehn;

Die Eitelkeit der Lust, an vieler Kinder Sterben.

Dies lehrte mich hernach, ein gantz besamtes Feld,

Das ich vor kurtzen noch im grünen Wuchs erblikket,

Es war die grüne Tracht der Halmen schon verstellt,

Die bleiche Todtenfarb daran schon abgedrücket.

Ich ging einst wieder hin, da lies ein Schnitter Heer,

In der bewegten Faust, schon ihre Sensen blinken;

Ich sah die schlanke Meug der Halmen mehr und mehr

Bey wiederhohlten Schlag gestürtzt zu Boden sinken.

Hier dacht ich bey mir selbst: da fällt die schlanke

Pracht

Der fetten Akker Frucht mit ihren güldnen Aehren;

Ein Schlag, ein Schnitt, ein Zug, hats hier schon kahl

gemacht

Dies Sinnbild kan mir auch, der Menschen Zustand

lehren.

Wie viele liefert nicht, des Todes Sensenschlag,

Ehs Jahr den Kreis umläuft, im Sommer ihrer Jahre

Ja! wen der Mars regiert, woll gar auf einem Tag,

Als unverhofft entseelt, auf ihre Leichenbahre?

Der Herbst kam endlich an, mit seinem rauhen Nord,

Und lies den kalten Hauch auch auf die Bäume rasen,

Die Früchte fielen hin, die Blätter musten fort,

Und wurden von dem Wind, verwelket weggeblasen.

Ach! fiel mir dabey ein: das ist ein Sinnenspiel

Von denen, welche GOTT zum Alter hat erhalten;

Der Stärkste muß davon, es kommt sein Lebens Ziel

Wen Blut und Lebensgeist, in ihm zuletzt erkalten.

Gleicht er schon einen Baum, den Wind und Frost

entlaubt

Und dessen Gipfel kahl; entblößt vom Schmuck und

Haaren;

So ist das Zeichen da; es soll sein glattes Haupt,

Das sich zur Erde neigt, bald in die Grube fahren.

Der Winter folgte nach, im Lauf der Jahres Zeit

Der Garten, Feld und Wald, mit Reif und Schnee

bedeckte

Und gleichsam die Natur, ins weisse Todten Kleid,

Da sie erstorben war, zu guter letzt, versteckte.

Die Welt sah traurig aus; die trüb und dikke Lufft,

Lies, da die Sonn entfernt, bey schwartzen Finsternissen

Nachhero auf die Erd, als der Gewächse Grufft

Ein häuffig tröpfelnd Naß, als ihre Thränen fliessen.

Da seh ich, sprach mein Hertz, des Todes Liberey

Ein weißes Schlafgewand, darin wird man verhüllet,

In engen Sarg gelegt, den man mit weichen Heu,

Als der Verwesung Bett, bestreut und angefüllet.

Das ist der Sterblichen betrübter Lebens Schluß,

Wir werden wiederum, dahin wo wir entsprossen,

In unsrer Mutterschoos, bey Klag und Zähren Guß,

Wen unser Leib entseelt, zu guter letzt, verschlossen.

Dies schröklich Jammerbild, das beugte meinen Sinn,

Ich sah mich selbst daran in die Verwesung senken,

Was mich vorher ergötzt, das war auf einmahl hin,

So lies der Winter mir mein Sterblichseyn, bedenken.

Doch diese Trauerzeit, lief entlich auch vorbey,

Der Sonnen warmer Strahl vertrieb den Frost der

Erden,

Der Schnee schmoltz wieder weg, da sah man alles neu,

Und Bäume, Gras und Kraut verneut, lebendig wer-

den.

Der Frühling stellte uns, das was erstorben war,

Und deren Saamenkorn, sich hie und da verstäubet,

Aus seiner Todtengrufft verjüngt und schöner dar.

O! rief ich dabey aus:

Hier sieht man GOttes Macht, der Blumen Gras

und Kraut,

Jm Reiche der Natur läst wiederum aufgehen,

Mein Aug das dies gerührt verwundernsvoll beschaut,

Das sieht daran ein Bild vom künfftgen Auferstehen.

Der

Wen unsre Lebens Sonn, der Heiland ist erschienen,

So wird mein todter Leib, lebendig dargestellt,

Und in verneuter Krafft als unverweslich grünen.