Die vortrefflichkeit der küsse

By Daniel Casper von Lohenstein

Written 1659-01-01 - 1659-01-01

Nectar und zucker und safftiger zimmet

Perlen-thau honig und Jupiters safft

Balsam der über der kohlen-glut glimmet

Aller gewächse versammlete krafft

Schmecket zu rechnen mehr bitter als süsse

Gegen dem nectar der zuckernen küsse.

Hyble wird gerne der blumichten brüste

Rosen narcissen und liljen verschmähn

Wird er die freuden-geschwängerte lüste

Zweyer sich küssender seelen ansehn.

Da sich stets honig einsammlende bienen

Finden um ihre geküßte rubinen.

Marmel und kisel und eiserne wercke

Diamant und unzerbrüchlicher stein

Stählerne noch alabasterne stärcke

Schliessen so feste wie küsse nichts ein.

Küsse verknüpffen mit nährenden flammen

Zwischen zwey lippen zwey hertzen zusammen.

Schätzt ihr nicht küssende küsse für winde

Welche nicht über den lippen-pfad gehn?

Meynet ihr münde beküssen nur münde?

Nimmermehr wirds euch die liebe gestehn.

Wisset ihr eiß-kaltgesinnete wisset

Hier wird die küssende seele geküsset.

Küsse bewurtzeln sich schwerlich so seuchte;

Meynen die lippen daß küssen nur rauch?

Lippen und mund zwar empfinden das feuchte

Den mit der wärme verschwisterten hauch.

Aber die seele bekömmet das beste

Von dem mit liebe beseeleten weste.

Küsse sind schweigende reden der lippen

Seuffzer der seelen und strahlen der gunst;

Welche von ihren corallenen klippen

Sämen ins hertze die qvelle der brunst;

Derer gebraucht sich der wütende schütze

Daß er mit ihnen gemüther zerritze.

O der unendlich-erqvickenden schmertzen

Wenn man die küsse mit seuffzern vermengt!

Bald die lieb-äugelnden sternen und kertzen

Auff die geküsseten rosen versenckt

Wenn sich gemüthe gedancken und leben

Haben auff äuserste lippen begeben.

Lachet ihr lippen ihr pförtner des lachens

Schöpffer der worte du perlerner mund

Schieß-platz der liebe des feurigen drachens

Köcher der pfeile durch die man wird wund.

Höle wo Cypripor wangen erröthet

Hertzen uns stiehlet und seelen uns tödtet.

Lippen die scharlach und rosen bedecken

Welche der marmel der wangen umflicht

Rühret von purpurnem schaume der schnecken

Euere göttliche lieblichkeit nicht?

Nein nein ihr habt euch in thränen und aschen

Und in dem blute der buhler gewaschen.

Erstlich zwar wolten die milchernen wangen

Geben an farbe dem munde nicht nach;

Aber seit purpur die milch hat umfangen

Und das vor lauter- und schneerne dach

Ward von halbfarbichter röthe besämet

Stehet die prahlende hoffart beschämet.

Wo denn die blutige wärme der glieder

Selber der wagen der seelen soll seyn

Auch sie sich nirgend nicht schöner läst nieder

Als in der lippen beblümeten schein

Kan man die seele gewisser nicht finden

Als auff mit blute beseeleten münden.

Prüfet man ferner der lippen ihr kosen

Muß man gezwungen bekennen man schau

Säugende bienen und säugende rosen

Winckende nelcken und tränckenden thau;

Die wohl mit thaue die lippen beküssen

Aber nach anderen dürsten auch müssen.

Zwar in der augen gestirntem gerüste

Wird die uns marternde liebe gezeugt.

In den bemilcheten liljen der brüste

Wird sie mit feuer und flammen gesäugt

Biß sie mit reiffender saate wird gelbe

Zwischen der schooß alabaster-gewölbe.

Aber man kan sie mit keinerley kosen

Als mit gepfropfeten früchten erziehn

Auff den mit seelen geschwängerten rosen

Wo das begeisterte küssen wird grün

Soll mit der zeit sie mit feuer und blitzen

Können metallene hertzen zuritzen.

Denn wie wird können die seele der seelen

Die uns entseelende liebe bestehn?

Wird auff der lippen rubinenen hölen

Ihr nicht die säugende nahrung auffgehn?

Denn auff den lippen entstehen und stertzen

Leben und sterben die seelen und hertzen.

Hier find die seele den tod und das leben

Auffgang und untergang wiegen und grab.

Hier wird die glut ihr zur speise gegeben

Und was sie nehret das zehret sie ab.

Gleichwie der Phönix von neuem auch lebet

Wenn er sich zwischen die flammen begräbet.

Küsset demnach ihr geküsseten küsset

Küsse mit küssen verwechseln steht fein.

Glaubet ihr geber und nehmer man büsset

Nicht an der küssenden waare hier ein.

Würde sich wer als bevortheilt beschweren

Der wird dem nehmer sie doppelt gewähren.

Seelen die ihr von zwey augen entzündet

Lustige marter und marternde lust

Ja ein unsterbliches sterben empfindet

In der entseelt und beseeleten brust

Hier hilfft ein kuß ein erqvick-safft den herben

Sterben dem leben und leben dem sterben.

Hier sind die küsse das flammende kühlen

Ja die verwundete salbe der pest

Welche das hertze beseelig't das fühlen

Mit überzuckertem sausseln anbläst.

Küssen ist hier das den todten das leben

Daß er nur öffter ersterbe kan geben.

Ist Roselinde nun auch dein beginnen

Meine vergnügung dein kummer mein schmertz?

Haben wir einerley willen und sinnen?

Haben wir zwischen zwey brüsten ein hertz?

Fasset mein hertze dein hertze du meines?

Ach! ach! wie seynd nicht die lippen auch eines?

Ach meiner augen augapffel und sonne

Ach meiner seelen beseelender geist!

Qvellbrunn der freuden und wurtzel der wonne

Die mein verhängniß mich peinigen heist;

Laß dein rubin-glaß der lippen hersincken

Daß ich daraus mir mein sterben kan trincken.

Blicket ihr sternen in himmel der liebe

Blicket ihr spiegel der augen mich an.

Lebende sonnen durchstrahlet das trübe

Das euer abseyn erregen mir kan.

Will ich doch willig im blutenden hertzen

Euere blitzende pfeile verschmertzen.

Reiche den perlenen purpur im munde

Zwischen vergeisterten seuffzen mir dar.

Küssen verwundet und heilet die wunde

Welche von küssen geritzet erst war.

Aber wenn wird man die wunde gelosen?

Küssen sticht ärger als dörner an rosen.

Ja wenn die lippen auff lippen sich legen

Wenn kuß und kuß mit ergetzligkeit schertzt

Fühlet die seele so feuriges regen

Daß sie fast ausser sich selber wegstertzt.

Wenn sie der seuffzer geflügelter wagen

Hat auff die küssende lippen getragen.

Fühlen die glieder denn solche geschäffte

Welche die seelen den seelen entziehn

Bald die ergäntzen die mangelnden kräffte:

Fänget das marck an in adern zu glüh'n

Und des geblütes erregete flammen

Lauffen biß zwischen die lippen zusammen.

Die überrötheten wangen erwarmen

Schwimmend in rosen und schwanger mit lust

Und die verwechselten armen umarmen

Achsel und neben dem halse die brust;

Eben wie dörner die winden die reben

Ulmen und eppich die eichen umgeben.

Cypripor aber mehr schmertzen zu schmieden

Spielet indessen ins hertze sich ein

Zündet ein feuer an thränen zu sieden

Seuffzer zu kochen das öle der pein

Welches der seelen halbglimmende kertze

Nur noch erfrischt mit erquickendem schmertze.

Unterdeß geht auff den küssenden münden

Eine gewünschete wechselung für.

Liljenlieb giebet sein hertz Roselinden

Und er empfänget die seele von ihr

Endlich mißgönnens den lippen die augen

Durstig das honig der lippen zu saugen.

Zwischen dergleichen beliebenden nöthen

Macht sich die sterbende seele gesund

Und die getödteten hertzen ertödten

Und das verwundete machet uns wund

Und das verletzete leben verletzet

Und das ergetzete sterben ergetzet.

Nun so gib daß die begeisterten lippen

Ich Roselinde von deinen nicht zieh.

Lasse der marmel-brust milcherne klippen

Locken vom munde kein küssen auff sie.

Tödte die mißgunst der blumichten wangen

Welche so sehnlich nach küssen verlangen.

Laßt es euch doch nicht gelüsten ihr hände;

Küssen geht eure gelencke nicht an.

Denn wie nicht werth ist der liebenden bände

Diß was hinwieder uns lieben nicht kan:

Also soll was uns nicht wieder kan küssen

Auch nicht das seelige küssen geniessen.

Ja das uhrälteste liebes-gesetze

Wiedmet den lippen das küssen und will

Daß sich die hand auff den brüsten ergetze

Setzet die augen den wangen zum ziel.

Uber den lippen befiehlt es zu leben

Aber die schooß ist zum sarge gegeben.

Hütt euch indessen ihr münde für worten

Fühlet der reden lieb-kosenden west.

Schleuß Roselinde die redende pforten

Daß ihr nicht etwa des küssens vergest.

Durch die mit worten verstörete hertzen

Fühlen die seelen unleidliche schmertzen.

Tödte der zungen gewäschiges schwätzen

Welche die lippen im küssen verstöhrt.

Aber dafern sie soll kräfftig ergetzen

Und nicht hinfüro zu waschen auffhört;

Glaub' ich daß mich eine natter will schrecken

Welche die rosen der lippen verdecken.

Hast du denn zunge so sehnlich verlangen

Einige worte der liebe zu fühl'n?

Schaue wie freundlich die züngelnde schlangen

Mit dem so schlüpffrichten zungen-gifft spiel'n.

Eben so kanst du mit zünglenden küssen

Zwischen den lippen ihr honig geniessen.

Honig geniessen ja honig verleihen

Wie des besilbernden perlen-thaus glaß

In den wohlriechenden nächten des mäyen

Kräntzt und bezuckert das blumichte graß

Also bezuckert das züngelnde kosen

Küssender lippen benelckete rosen.

Weil nun dergleichen beliebtes besüssen

Lippen und zungen so balsamet ein

Pflegen die zähne mit linderen bissen

Zungen und lippen behäglich zu seyn;

Hoffende von dem liebreitzenden spielen

Lieblichen seegen und regen zu fühlen.

Will denn die liebe mit süssem vergällen

Zucker den zuckernen küssen verleihn

Kan sich die schlaue so meisterlich stellen

Küssen das müsse zu wider ihr seyn.

Ja Roselindens halb-sauere blicke

Stossen die küssende lippen zurücke.

Aber allhier sind nur kinder erschrocken

Denn ein erfahrener buhler weiß wohl:

Weigerung sey ein liebreitzendes locken

Daß er noch eifriger küssen sie soll;

Weil die mit liebe bezauberte frauen

Gerne zum küssen gezwungen sich schauen.

Erstlich zwar ehe das küssende kämpffen

Ein unerfahrener Corydon wagt

Läst er ihm offt die begierden fast dämpffen

Weil ihm sein eigener kleinmuth absagt.

Dreymahl schlägt sie sein beginnen ihm nieder

Endlich bereut er sein reuen erst wieder.

Wagt er es auch gleich nach zweiffelndem zagen

Daß er ihr wieder ein küßgen zustellt.

Ach ach so ist zu dem furchtsamen wagen

Ein holgebrochenes seuffzen gestellt

Gleichsam als nisteten zwischen den wangen

Küssender lippen verletzende schlangen.

Schiene sie gleich auch gar zornig zu werden

Buhler-zorn ist ein beliebender west

Welcher das feuer der lauen geberden

Welches schon halb war erloschen auffbläst

Und die gewäschigen liebes-gezäncke

Sind denen vereinigten hertzen lust-räncke.

Sencken sich gleich auch die lippen vonsammen

Ach es rührt nicht aus ersättigung her;

Denn die mit schwefel gemehrete flammen

Fällt zu ersättigen schwerlich so schwer

Als den nach küssend-recht lechzenden willen

Wollen mit übrigen küssen erfüllen.

Nein nein mit diesem auffhören von küssen

Giebt man den lippen allein zu verstehn

Was mit so weniger lieblichkeit müssen

Ihnen für kräfftige freuden entgehn

Biß sie mit desto begierigerm hertzen

Wieder durch küssende wechselung schertzen.

Offtermahls sind auch die dürstigen münde

Von dem entgeisterten küssen so schwach

Daß sie sich durch die erseuffzete winde

Durch ein mit thränen befeuchtetes ach

Müssen nach langer bemühung erquicken

Ferner zum küssen sich frischer zu schicken.

Denn wie wenn einmahl der himmel die schnecken

Mit dem bebisamten silber-thau tränckt

Sie ihn zum andernmahl dürstiger lecken

Wenn er noch einmahl auff kräuter sich senckt:

Also vermehret von vielem geniessen

Sich die geschöpffte begierde zu küssen.

Ja! wenn am besten die lippen bedächten

Daß noch am meisten ein einiger kuß

Durch das mit nectar erfrischte befeuchten

Sie von dem dürsten erledigen muß

Ach ach so säh'n sie sich eher verbrennet

Eh' sie den kuß für ein feuer erkennet.

Fühlten es gleich auch die lodernden hertzen

Küssen sey eine verzehrende glut

Eine vergifftung ein oele den schmertzen

Eine mit flammen ersäuffende flut

Würden sie doch wohl im küssenden sterben

Wollen verglimmen ersäuffen verderben.

Denn es gelüstet die rächelnden seelen

Wenn sie die thränenden lippen anschaun

Zwischen dergleichen zinobernen hölen

Ihnen ein lebend begräbniß zu baun

Meynende für dem nicht küssenden leben

Wäre der küssende tod zu erheben.

Sehnlicher tod! Roselinde nun tödte!

Selige wunde! ach mache mich wund.

Lehre den mit der verschwisterten röthe

Und den mit pfeilen gewaffneten mund;

Denn er ist warlich ein köcher voll küsse

Tödte verwunde mich. Beydes ist süsse.

Heilsamer köcher gewünschete pfeile!

Flieget hie habt ihr mein hertze zum ziel

Kräncket es doch daß die kranckheit es heile

Treffet hier trifft wer gleich treffen nicht will;

Denn der begierde bezauberte schmertzen

Ziehen die küssende pfeile zum hertzen.

Wie der magnet sich nach norden hinkehret

Wie sich die flamme zum flammen-qvell glimmt:

Gleich wie der schwaade der erden zufähret

Wie das geträncke der durstige nimmt;

Also fühl ihr hertz und lippen auch lechsen

Nach den ambrosenen lippen-gewächsen.

Weigerst du dich denn im glase des mundes

Mir zu gewähren das küssende gifft?

Heischet doch diß das gesetze des bundes

Welchen mit uns hat die lippen gestifft;

Thu's Roselinde mein engel ich sterbe.

Sterben ist lieblich und leben ist herbe.

Thu's Roselinde mein kind aus erbarmen

Mache mein schwindendes hertze gesund

Labe mich matten beschencke mich armen

Träncke den fast halb erdürsteten mund.

Küsse mich. Weist du? die küsse die haben

Kräffte zu heilen zu träncken zu laben.

Küsse mich hertze mich liebste von hertzen

Treibe das friedsame kämpffen fein scharff

Gönne daß ich diß erqvickende schertzen

Allemahl zehnmahl vergelten dir darff.

Billig verwechselt man süsse für süsse

Zucker für zucker und küsse für küße.

Wirstu diß also beständig nur treiben

Werden wir beyde beseeliget seyn

Du Roselinde wirst meine verbleiben

Wie ich ingleichen auch bleiben muß dein.

Denn die verknüpffenden küsse sind kertzen

Liebender seelen und kochender hertzen.