Die Wunder-reiche Erfindung.

By Barthold Heinrich Brockes

Auf, auf, mein Geist, auf, auf! versammle deine Kräffte

Und folge williglich dem ietzt verspürten Zug!

Bereite dich zu einem hohen Flug!

Es reitzt und leitet dich ein wichtiges Geschäffte

Zu einer nie betretnen Bahn.

Es wird dir eine Thür zum Himmel aufgethan;

Ein Abgrund aufgedeckt, der allen unsichtbar:

Und welchen keinem Witz, bishero zu entriegeln,

Noch die Geheimnisse derselben zu entsiegeln,

Von allen Sterblichen bisher vergönnet war.

Hier, deucht mich, hör’ ich dich, mein Leser, billig fragen:

Wo ist dieß Wunder denn? Wolan! ich will dirs sagen.

Von unsers Schöpfers Gröss’ und Wunder mehr zu

Und Seiner Wercke Meng’ noch tieffer einzusehn,

Als von der Menschheit sonst geschehn,

Hat Er die Menschheit wehrt geachtet,

Und, vor nicht gar zu langer Zeit,

Ein Fern- und Grössrungs-Glas erfinden lassen.

Damit Sein’ Allmacht, Lieb’ und weise Herrlichkeit

Würd’ ehrerbietiger und mehr annoch betrachtet.

Dieß ist wahrhaftig wehrt, ja nicht nur wehrt allein

Von Ehr-Furcht ausser sich dadurch gesetzt zu seyn;

Die grösste Schuldigkeit erforderts, zu erwegen,

Welch ein Geheimniß-voller Segen

In diesem Werck-Zeug steckt,

So uns des Schöpfers Huld, kein Ungefehr, entdeckt.

In Dir, verborgner GOtt, nichts ist, das auf der Welt

Von Deiner Majestät was würdigers, was grössers,

Was unbegreifflichers, was herrlichers, was bessers,

So vor den leiblichen, als Seelen-Augen, stellt.

Nichts ist, das Deine Macht, im grossen und im kleinen,

In einem hellern Licht, in einer grössern Klarheit

In unümstößlicher und klarern Wahrheit

Uns überzeuglich scheinen,

Und heller sehen lässt. Nichts, das auch unsern Geist

Zugleich so sehr erhebt, und seinen Vorzug weist,

Als dieses Wunder-Werck.

Das Schatz-Haus der Natur wird uns ietzt aufgedeckt:

Was in dem schwartzen Reich der tieffen Dunckelheit,

Ja fast in einem Nichts, bisher für uns gesteckt,

Wird etwas, wächst, wird viel. Der Wahrheit Heiterkeit

Fängt in dem Grössten an, und fängt auch an im Kleinen,

Zu unsers Schöpfers Nuhm, in hellerm Licht zu scheinen.

Ward von Columbus dort uns eine neue Welt

Gezeiget und entdeckt; war es zwar viel; allein

Was heisst dieß gegen dem,

Was ich mich dir anietzt zu zeigen unternehm.

Nicht eine neue Welt, viel tausend Welt’ entstehen;

Es lassen sich so gar selbst neue Sonnen-Heere,

Ja tausend neue Himmel, sehn.

Der unerfüllte Raum, das ungeheure Leere

Hört auf, und ist nicht mehr.

Hier, da der Seelen Blick, durch dieses Glas gestärcket,

In Grentzen-losen Höhen steiget,

Wird allererst von ihr in Ehr-Furcht recht bemercket,

In welcher Herrlichkeit der Schaaren HERR sich zeiget.

Man sieht der Tieffen Raum, als Sein unendlich Kleid,

Voll Millionen Edelsteinen,

Die alle Sonnen sind, in solcher Herrlichkeit,

In solcher Majestät, so hell, so prächtig, scheinen;

Daß man für Lust und Furcht, sich gantz in Jhm verliert,

Jedoch in dem Verlust sich allererst recht findet,

Indem die Seele selbst, für Lust, die sie empfindet,

In ihrem Nichts so gar sich gleichsam neu gebiert,

Und einer, bloß durch GOTT ihr eingeflössten Krafft,

Und ihr verliehnen Eigenschaft,

Sich recht mit inniglichen Freuden

Am grossen und unendlichen zu weiden,

In sich gewahr wird und verspührt.

O ew’ger Urstand aller Dinge,

Von Dem, was worden ist, allein sein Seyn empfinge,

Hab ewig ewig Danck! sey ewiglich gepriesen,

Daß Du Dich gegen uns so Gnaden-reich erwiesen,

Und, bloß aus Lieb’ und Huld, der Menschen Seelen

Mit solchen Kräfften zu vermählen,

Gewürdigt und geschickt gemacht!

Ach! laß doch diese Krafft zu Deiner Ehr allein

Und zur Bewunderung von Deiner Wercke Pracht,

Von uns stets angewendet seyn!

Wie herrlich, unümschrenckt, gewaltig und unendlich

Sich in den Himmeln nun des Schöpfers Grösse zeigt;

So wird doch Seine Gröss’ auch in dem Kleinen kenntlich,

Wenn unser Blick, durchs Glas, sich in die Tieffe neigt.

O Wunder! was sind hier für Wunder nicht entdeckt,

Die bis daher vor aller Welt versteckt!

Es lässt der Schöpfer, auch im Kleinen,

Die Strahlen Seiner Allmacht scheinen,

Wovon uns bis daher so gar die Spuren

Verdeckt gewesen sind. Von kleinen Creaturen

Wird eine gantze neue Welt,

Und in derselben uns der Schöpfer vorgestellt

In einem neuen Glantz, in einer neuen Pracht,

In neuer Weisheit, neuer Macht.

Unendlich zeigt sich GOTT in Kleinen ja so wol,

Als er sich in dem grössten zeiget:

So uns absonderlich zum Troste dienen soll.

Denn, wär der Schöpfer bloß im Grossen groß allein,

Wie könnt’ er uns, die wir so klein,

Mit Recht doch zugeeignet seyn?

So aber zeiget sich die Gottheit ja so kräfftig,

Und ist im Niedrigen nicht weniger geschäfftig,

Als sie im Grössten ist. Daß aber dem Verstand

Bloß durch ein wenig Asch’ und Sand,

Wenn es das Feur im rechten Grad

Vereint und zugerichtet hat,

Ein solches helles Licht

In dem geschliffnen Glas entstellet,

Da es des Cörpers Auge stärckt;

Ist etwas, wenn man es bemerckt,

Das über alles dencken gehet.

Bey diesem Wunder-Licht kann unsre Seele lesen

Geheimnisse, die sonst, von Anbeginn der Welt,

Der Menschheit unbekannt, und gantz verdeckt gewesen;

Die aber GOTT der HERR uns ietzt vor Augen stellt.

O GOTT! ein seliges Erstaunen nimmt mich ein.

Der Abgrund Deiner Macht und Weisheit stellet mir

Mich selber groß, Dich recht unendlich für.

Ja wenn ich noch erwege, wie so klein

Dieß Werck-Zeug, welches unsern Geist

Der dicken Finsterniß entreisst;

Komm ich annoch auf andere Gedancken.

Da GOttes Macht ohn Ende, sonder Schrancken;

Was können nicht für Herrlichkeiten,

Für Schönheit- und Vollkommenheiten

In der Natur annoch verborgen seyn!

Die unsern Sinnen noch verhehlt,

Und die wir bloß daher vielleicht noch nicht bemerckt,

Weil uns dazu ein Werckzeug fehlt,

Das andre Sinnen, so wie Glas die Augen, stärckt.

Ursprungs-Quell! aus Dem entspringen

Alle Dinge, die so schön!

Wovon wir in allen Dingen,

Wenn wir sie bewundernd sehn,

Seine Macht und Weisheit lesen!

Wesen! woraus aller Wesen

Wesen und die Krafft’ entstehn!

Welches alles in der That

Wunderbar entnichtigt hat!

Wesen, welches bloß die Liebe

Zu des Schöpfungs Wunder triebe,

Und von Dem, durch Lieb’ allein,

In den Himmeln und auf Erden

Alle Ding’ erhalten werden,

Laß uns Dir gefällig seyn!

Laß uns uns mit Lust bestreben,

Dich in Ehr-Furcht zu erheben,

Dir allein zum Ruhm zu leben!

Laß uns doch in Deinen Wercken,

Uns zur Lust, und Dir zur Ehr,

Deine Macht ie mehr und mehr

Mit vergnügter Seele mercken!