Die wunderbahre Verwandlung eines Kirschbaums.

By Johann Justus Ebeling

Ich sah zur kalten Winters Zeit, da

Schnee und Reif die Erd bedekt,

Wie sich der Bäume grüne Zier, in ih-

ren Knospen noch verstekt;

Fürnemlich fiel mir ins Gesicht, ein

Kirschbaum, und aus dessen Zweigen

Fand ich in wollgeorndter Reih, ein Hauffen klei-

ner Knospen steigen.

Mein Vorsaz war bei diesen Sehn, mit Andacht

und Bewunderung

In einer jeden Jahres Zeit zu schaun, des Baums

Veränderung.

Der holde Frühling kam heran, und durch den Schein

der warmen Sonnen,

Ward Frost und kalte Lufft verjagt, der Schnee wie

Wasser weggeronnen,

Die frischen Säfte der Natur, der Bäume neu

verjüngtes Blut,

Die vorher wie erstarrt im Frost, erwärmet durch

der Sonnen Gluth;

Die drangen mit belebten Lauf, die dorren Knos-

pen zu bewässern;

Und die darin gefaltne Frucht, mit Milch zu nährn

und zu vergrössern.

Sie quoll in ihren engen Raum, bis sie im Wachs-

thum allgemach

Sich schikte zur Entwikkelung, und ihre Knospen

Haut durchbrach.

Das zarte Keimchen ging heraus, aus seiner schnell

zerborstnen Rinde,

Kam glüklich zur Geburth hervor, war ähnlich ei-

nen Wiegen Kinde

Das noch in seinen Windeln liegt; es blühete der

Knospen Schaar,

Und nach den kurzen Lauf der Zeit, bracht jeder

Knosp die Blüte dar.

Da ward der Baum sehr schön geziert; mit röthlich

weissen Schmuk bekränzet

Dabei in jeden Mittelpunkt, ein Heer von gelben

Knöpfgen glänzet

Wie Zitter Nadeln anzusehn, die von bestrahlten

Sonnenschein,

In unsern Aug polirtes Gold, bald helle Edelstein-

gen sein.

Ward vorher zu der kalten Zeit, der Baum in weis-

sen Schnee gehüllet,

So stand er ganz verändert jezt, mit weissen Blü-

then angefüllet.

Für deren zarten Farben Schein, des Schnees

Weisse sich verliert;

Weil dieser Blüthen Lieblichkeit, das Aug mit hel-

lern Glanze rührt.

So kränzet, sprach mein reges Herz, der Schöpfer

die erfrornen Aeste,

Wie bald der Finger weiser Macht, bei warmen

Schein und sanften Weste

Den Pflanzen Reich das Leben giebt. Was vor Ver-

wandlung wird entstehn,

Wenn unsrer Körper Hülsen dreinst, aus ihren

schwarzen Gräbern gehn?

Jm Glanz der Ewigkeit verhüllt, sich im verklär-

ten Himmels Lichte

Bespiegeln an der GOttheit Schein, und deren

hellen Angesichte?

Wie thöricht ist der Aberwiz, der es vor unver-

nünftig hält,

Daß unser Zustand anders sei, wenn wir in jener

Sternen Welt,

Weit über Sonn und Mond gesezt, von aller Aen-

derung befreiet,

Und wie im ewgen Frühling blühn, zu einer ew-

gen Daur verneuet.

Die Wandlung eines Baums zeigt schon, was

Gottes weise Allmacht kan,

Und darin sieht des Glaubens Aug, ein Bild von

unsrer Aendrung an

Daß sich der Baum gar oft verkehrt, rührt von

des Schöpfers weisen Willen,

Der mit des Wechsels Unbestand, will unsre Lust

und Neigung stillen.

Die Zeit bringt stete Aenderung, das lehrte mich

der Kirschen Baum,

Den ich im Kurzen nicht gesehn; drum kannte ich

denselben kaum

Als ich ihn wiederum ansah; der weiße Schmuk war

meist verflogen,

Der Schöpfer hatte ihn verkehrt; mit grünen Laub-

werk angezogen.

Ich dachte bei mir selbsten nach, warum die weise

Gütigkeit,

Anstat der weisen Unschulds Tracht; der Hofnung

grünes Feier Kleid

Dem Kirschstamm wieder angethan? Mir deucht die

Aendrungs volle Puzzen,

Die machen unsern Sinn vergnügt; und sind den

Kirschen selbst zu Nuzzen.

Das weise All, gönnt unsern Aug, auch immer neue

Freud und Lust,

Und da es Aendrung immer liebt, wie er von An-

fang schon gewust,

So ist der Schauplaz dieser Welt, bald so, bald

anders ausgeschmükket;

So hat er uns zur Augenlust oft die Maschinen

weggerükket

Und andre wieder vorgekehrt; die uns durch weisser

Farben Pracht,

Die Augen zwar mit Glanz erquikt, den Strahl

dabei doch blendend macht:

So wird durch dieses sanfte Grün, das Auge wie-

derum gestärket,

Wie jeder der ins Grüne schaut, aus eigener Er-

fahrung merket.

Als ich dies grüne Laubwerk sah, der Hofnung ste-

te Liverei,

Dacht ich daß nun allmählig auch, die Kirschen Zeit

zu hoffen sei;

Der Ansaz kam auch schon hervor, der unter Blät-

tern schön verstekket,

Und vor der rauhen Frühlings Luft, als wie mit

einem Schirm bedekket.

Und da bekam der Kirschen Baum, auch wieder ei-

nen neuen Glanz

Die wollgeformte grüne Frucht, die schmükte seines

Gipfels Kranz,

Mit hangenden Smaragden aus, die von der Son-

nenstrahl berühret,

Ein achtsam Auge recht vergnügt, das Herz zu ih-

ren Schöpfer führet.

Wie wunderbarlich scheint es nicht, das diese zar-

ten Kügelein

In ihren Wachsthum sich vermehrn, und Früchte

harter Zweige sein?

Wie sich ihr zarter Nahrungs Saft, so reichlich

durch die Reiser seiget,

Und durch den Trieb stets weiter dringt, bis zu der

Stiele Röhren steiget,

Und endlich in die Beer ergiest. Wer kan dies al-

les übersehn,

Und nicht durch regen Andachts Trieb, des Schöp-

fers Wunderwerk erhöhn?

Wenn diese Kirschen ihre Größ, durch himmlisches

Gedein erlanget,

So sieht man die Veränderung, da jede wieder an-

ders pranget.

Nachdem der Sonnenstrahl sie färbt, der sie zugleich

zur Reiffe bringt

Wenn seines Feuers strenger Guß, die überzogne

Haut durchdringt:

O! welch ein Anmuths voller Blik! da sieht man

Zweige mit Carbunkeln

Als schöne Kronen der Natur, in durchgeklärter

Röthe funkeln.

Jhr Menschen! die ihr euch erfreut, ob dieses fro-

hen Kirschbaums Schein

Denkt doch mit Andacht dieses nach: Wie gütig

muß der Schöpfer sein,

Der uns mit solcher Lieblichkeit; so Auge, als Ge-

schmak erquikket,

Und diesen rothen Nectarsaft, in schönen Schalen

ausgedrükket.

Die Wunder Güte labt den Mund, sie nährt da-

bei den regen Geist,

Wenn er mit Andacht nur erwegt, aus was vor

Quellen dieses fleust,

Das uns so viel Vergnügen bringt, daß Aug und

Zunge sehen, schmekken,

Dies alles muß uns den Begrif, von einer weisen

Macht erwekken.

Als mir der Kirsch Baum dies gezeigt, und seine

Früchte dargebracht,

Da kam des Sommers Hiz und Brand, die sei-

ne Blätter dürr gemacht;

Der Herbst der grün in gelb verkehrt, veränderte

durch rauhes Wetter

Des Laubes grün gefärbte Tracht, in lauter gelb

geschmükte Blätter.

Dies Herbstkleid kam mir in der Fern, als schöne

güldne Stükke für,

Drum sprach ich bei mir selbst,

wie oft verwandelst du die Zier,

An einen solchen Baum, der weiß, denn grünn,

denn wieder gelb gekleidet,

Der Augen rege Neubegier, mit wandelbahren

Schmukke weidet.

Doch endlich kam die Zeit herbei, da dies verän-

derte Gewand,

Der Blätter gar im Wind verflog, und in der Er-

den Staub verschwand.

Da ward der Kirschbaum wie zuerst, da seine schö-

ne Pracht verheert

Zu einer rauhen Winters Zeit, in seinen ersten

Stand verkehrt,

Der Stamm war kahl, die Zweige glatt, die Rei-

ser waren durch den Norden,

Und seinen stürmerischen Braus, zu dürr gesognen

Ruthen worden.

Dies kam mir als ein Sinnbild vor, von unserer

Vergänglichkeit,

Wir wachsen in dem Frühling auf, wir blühen wie

zur Sommers Zeit,

Wenn uns der Jugend Schönheit ziert, wir neh-

men ab mit unsern Jahren,

Das Blut des Lebens Saft erstarrt, bis wir zur

Grabes Höle fahren.

Doch wie am Kirschbaum wiederum, der Knospen

neue Saat entsteht;

Wenn dessen Früchte abgestreift, und seiner Blät-

ter Schmuk vergeht:

So zeigt des Glaubens Zuversicht, daß wenn gleich

unsre Leiber sterben,

Wir doch im Tode wiederum, durch

das Leben erben.