Die Zeit ist nah

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Ein Gloria singend geht die Winternacht

durch Schneegefilde; keines Sternbilds Pracht

schaut aus den schwarzverhüllten Himmeln nieder, –

durch eisbereifte Fenster aber bricht

ins Straßendunkel eine Flut von Licht

und eine Woge kindhaft süßer Lieder.

In Bethlems Tälern nicht, – nicht weltenfern

und himmelhoch glänzt heut der Weihnacht Stern,

nach dessen Strahl die Brust sich sehnend weitet:

die Zeit ist nah, wo licht und hüllenlos,

wo neugeboren aus der Menschheit Schoß

die Liebe durch des Elends Nächte schreitet.

Die Zeit ist nah, wo jede Klage schweigt,

wo jedem Flehn ein menschlich Herz sich neigt,

Das Bruder heißt den Irrenden und Armen, –

wo sich der Keim aus brauner Scholle drängt

und Licht und Wärme als sein Recht empfängt

und nicht als Bettelgabe – aus Erbarmen!

Die Zeit ist nah: schon blüht ein bleiches Rot

im Osten auf, – schon zuckt in heißer Not

ein letztes Wehe durch der Menschheit Glieder;

sie ruft und ringt – der Dämmerung Schleier fällt:

erlösungsfreudig steigt zur dunklen Welt

das Himmelskind, die goldne Liebe, nieder.