Die Zürcher Glocken

By Luise Büchner

Written 1841-01-01 - 1841-01-01

O, du wunderbarer grüner

See, im schönen Schweizerland,

Wie so lieblich sich die stolze

Zürich schmiegt an deinen Rand!

Hüben sanfte Rebenhügel

Hingestreut wie ein Idyll,

Drüben majestät'sche Alpen,

Schneebedecket, ernst und still.

Wie ein Mann ruhst du dazwischen,

Dem ein Zaub'rer Alles lieh,

Tiefsten Ernst und Morgenfrische,

Frohe, starke Poesie.

Lächelst in so holder Schöne –

Fast Vergessen mich umstrickt,

Daß mir von den grünen Höhen

Auch ein Grab entgegen blickt.

Weh', da tönen Glockenklänge,

Schneiden mir in's tiefste Herz,

Niemals wachte so gewaltig

In mir auf der erste Schmerz!

Weh', das sind dieselben Glocken,

Welche bebten durch die Luft,

Als man deine theure Hülle

Senkte in die kühle Gruft!

Alles Andre ist vergangen,

Selbst den Schmerz bethört' die Zeit,

Aber diese Glocken sprechen

Noch so laut, als wär es heut',

Daß der besten Geister einem,

Ganz erfüllt vom höchsten Drang,

Daß dem treusten, wärmsten Herzen

Sie getönt den Grabgesang!