Dies ist der Tag, den Gott gemacht

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Und wieder ist's zur Weihnachtszeit.

Durch meine Seele schleicht ein Traum

von wundersamer Herrlichkeit,

vom goldumstrahlten Lichterbaum.

Der Kindheit Zauber spinnt mich ein,

mit seiner Töne süßer Pracht

umflutet mich das Jubellied:

„Dies ist der Tag, den Gott gemacht!“

„Den Gott gemacht“ –: ein Glockenton

durchirrt die Lüfte weich und lieb –

„Den Gott gemacht“ –: ein Sturmwind pfeift

durch Winternacht wie Schwerterhieb.

„Den Gott gemacht“ –: ein Lachen gellt

durch all die Lust und schluchzt und weint . . .

aus einer Hütte komm ich her,

in die kein Strahl der Gnade scheint.

Eisblumen blühn am Fensterglas,

die Wände glitzernd, feucht, berußt;

auf dürftigem Stroh ein sieches Weib,

das Kind an abgezehrter Brust;

der Mann auf harter Ofenbank

mit stierem Blick, mit dumpfen Sinn . . .

die Liebe, die sie einst verband,

im Elend starb sie längst dahin.

Im Elend starb sie, wie das Paar

von Menschenknospen, jung und frisch,

das Mädel, braun und tannenschlank,

der Knabe, blond und träumerisch,

wie jauchzten sie zur Sommerzeit!

Wie senkten sie die Köpflein müd,

als in des Winters harter Not

ihr Lebensflämmchen matt verglüht . . .

Und gestern trug man sie hinaus

im schwarzen Sarg aufs weiße Feld;

kein Strahl der Liebe leuchtet mehr

in dieses Jammers enge Welt.

– Und drüben blitzt im Herrenschloß

das Lichtmeer auf, die Weihnachtspracht,

und brausend klingt das Jubellied:

„Dies ist der Tag, den Gott gemacht!“

Zwei Rosenknospen welkten hin

und starben in des Winters Bann,

die dritte seufzt nach Lust und Licht,

daß sie zum Lenz erblühen kann.

Der neue Heiland geht und weint

und findet keiner Krippe Raum . . .

Wann graust du, Tag, den Gott gemacht?

Wann wirst du, Wahrheit, Weihnachtstraum?